Zeitung Heute : Kühler Kopf bei Klischees

Eine Beratungsstelle hilft bei Diskriminierung Dumme Sprüche im Vorstellungsgespräch muss man sich nicht gefallen lassen – wie Bewerber souverän reagieren Derzeit werden anonyme Bewerbungen getestet

von

„Warum interessieren Sie sich überhaupt für den Job? Können Sie nicht den Gemüseladen Ihres Vaters übernehmen?“ Klischees und Vorurteile über Bewerber mit Migrationshintergrund sind auch in den Köpfen mancher Personaler fest verankert. Ganz nebenbei tauchen sie als Fragen oder Anspielungen verpackt im Bewerbungsgespräch auf – also in einem Moment, in dem man ohnehin angespannt, nervös und leicht zu verunsichern ist.

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), empfiehlt, in einer solchen Situation einen kühlen Kopf zu bewahren – und realistisch zu bleiben. „Einen Personaler mit stereotypen Vorstellungen über Menschen mit Migrationshintergrund wird ein Bewerbender sicher nicht im Gespräch ändern können“, sagt sie. Aber man sollte deutlich machen, dass man eine solche Bemerkung diskriminierend findet. Gleich zum Gegenangriff überzugehen hält sie allerdings für den falschen Weg – auch wenn’s schwerfällt. „Im Gespräch selbst sollte sich die Bewerberin oder der Bewerber nicht provozieren lassen und ruhig bleiben“, erklärt die Expertin.

Beruhigend kann dabei auch das Wissen wirken, dass man die Möglichkeit hat, sich im Nachhinein gegen derartige Angriffe zur Wehr zu setzen. Denn ein Bewerber kann je nach Ausgang des Bewerbungsverfahrens entscheiden, ob er rechtliche Schritte einleiten will, wenn es sich um eine Diskriminierung wegen seiner ethnischen Herkunft handelt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berät hierzu. „Jeder Betroffene kann sich gerne über unsere Hotline 030 / 185 55 18 65 an unser Beratungsreferat wenden“, sagt Christine Lüders.

Vorurteile gar nicht erst aufkommen zu lassen, ist das Ziel eines Modellprojekts der Antidiskriminierungsstelle: des anonymisierten Bewerbungsverfahrens. „Ausgehend von guten Erfahrungen in anderen Ländern wurde das Projekt im November 2010 gestartet“, erklärt die Leiterin. Zu den ganz unterschiedlichen Teilnehmern gehören unter anderem die Deutsche Post und die Deutsche Telekom, L’Oreal, Procter & Gamble, das Bundesfamilienministerium und die Verwaltung der niedersächsischen Stadt Celle.

Mit dem Verfahren soll verhindert werden, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, ältere Menschen und Frauen mit Kindern bei Bewerbungen den Kürzeren ziehen – was heute viel zu häufig der Fall ist. „Ein kurzer Blick auf den Namen, das Geschlecht oder das Alter genügt in vielen Fällen schon, um eine Bewerbung auszusortieren“, bedauert Christine Lüders.

Um das zu vermeiden, wird bei anonymisierten Bewerbungsverfahren in der ersten Runde auf die persönlichen Angaben verzichtet: also auf ein Foto, den Namen, die Adresse, das Geburtsdatum oder Angaben zu Alter, Familienstand und Herkunft. „Somit fällt die Entscheidung darüber, ob ich jemanden zum Vorstellungsgespräch einlade oder nicht, ausschließlich aufgrund der Qualifikation“, sagt Lüders. Eine wichtige Hürde ist erst einmal genommen.

Anonym oder nicht: Ob man seine Herkunft selbst zum Thema macht, hängt Lüders zufolge von der jeweiligen Situation ab – und von den Anforderungen, die an Bewerber gestellt werden. „Grundsätzlich sollte es keinen Grund geben, die eigene Herkunft zu verleugnen“, findet sie. Manchmal sei das Thema aber so irrelevant, dass es komisch wirke, explizit darauf hinzuweisen.

Anders sieht das natürlich aus, wenn interkulturelle Fähigkeiten, Sprachkenntnisse oder Auslandsaufenthalte wichtige Qualifikationen für den zu besetzenden Ausbildungsplatz oder die ausgeschriebene Stelle sind. Dann sollte man sie am besten bereits im Bewerbungsschreiben erwähnen – und anderen Bewerbern ein Schnippchen schlagen. Rita Nikolow

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar