Zeitung Heute : Kühne Akrobatik

ECKART SCHWINGER

Gianluca Cascioli begeistert beim BSO im SchauspielhausECKART SCHWINGEREin hierzulande noch kaum bekannter, mordsmäßig begabter junger Mann hielt das Publikum im Schauspielhaus, das BSO und seinen Gastdirigenten Gilbert Varga in Atem: der ungeheuer vehement und waghalsig beim lyrischen G-Dur-Konzert von Beethoven in die Tasten greifende Gianluca Cascioli, der zum Beispiel die Kadenz im ersten Satz so explosionsartig herausschleuderte, daß man um den Flügel bangte.Der hagere Tausendsassa mit dem intelligenten Blick und schon etwas manieriertem Mienenspiel ist erst 1979 in Turin geboren, spielte bereits unter Abbado und Muti und hat einen Exklusivvertrag der Deutschen Grammophon Gesellschaft in der Tasche. Mit eminenter Technik und Vitalität, mit außergewöhnlicher Akzentierungslust, ja geradezu mit einer Akzentierwut sondergleichen ging Cascioli zu Werke und schien doch alles nur so aus dem Handgelenk zu schütteln.Zeitweilig spielte er gleich noch den Orchesterpart mit.Da war freilich, vor allem im ersten Satz, vieles noch zu einseitig an eruptive Kraftentfaltung gebunden, war überhaupt vieles allzusehr von außen an Beethoven herangetragen.Das donnerte, drang aber nicht in die Tiefe.Der erste Satz wurde von Cascioli dynamisch in einem fort überbelichtet, mit heftig übersteigerten Sforzati überfrachtet. Die Freude am eigenen Leistungsvermögen rückte deutlich in den Vordergrund.Und neben der jugendlich kühnen Akrobatik traten auch zugleich allerlei klangliche Extravaganzen zutage.Am schönsten gelang nach dem radikal entlyrisierten ersten Satz das überraschend filigran und variabel angelegte Finale.Da wurde auch der Ton biegsamer, kantabler, persönlicher, gewann das Dialogisieren Sinn und Form.Das Beste aber war die mit suggestiver Farbkraft und pianistischer Brisanz hingesetzte Debussy-Zugabe.Sie läßt im Hinblick auf Casciolis Soloabend im Kleinen Saal des Schauspielhauses am kommenden Mittwoch, an dem er neben Beethoven und Debussy Prokofjew und Boulez spielen wird, einiges erwarten. Der orchestrale Höhepunkt dieses BSO-Abends unter Gilbert Varga war die Große Suite aus dem Tanzspiel "Der holzgeschnitzte Prinz" von Bartók.Die atmosphärischen Eigentümlichkeiten, die schillernden Naturbilder, die urtümlich brodelnde Expressivität der Ballettkomposition wurden von dem mit tänzerischer Leichtigkeit und Geziertheit agierenden Varga und dem prächtig aufgelegten BSO mit untrüglichem Gespür für den Pulsschlag der Bartókschen Musik präsentiert.

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