Zeitung Heute : Kümmert euch, hätte sie gesagt

WALTHER STÜTZLE

Im Tode wird Mutter Teresa zuteil, was die kleine Ordensfrau zu Lebzeiten gemieden hat: Pomp und Dramaturgie staatlicher Verehrung.VON WALTHER STÜTZLEMit einem Staatsbegräbnis wird ihre Wahlheimat Indien sie morgen zu Grabe tragen - und die Welt wird wieder einmal innehalten und sich traurig geben.Die Mächtigen haben Teresa mit Titeln gewürdigt, die viel über die Frau sagen und einiges über die Wortspender: Ein "Vorbild an Güte und Menschlichkeit" sei sie gewesen, eine "unglaubliche Persönlichkeit", ein Mensch, dessen Weggang die "Welt mit weniger Liebe, weniger Mitgefühl, weniger Licht" zurücklasse. Die Wucht dieser verbalen Würdigung hat Mutter Teresa nicht mehr aushalten müssen - bloße Vermutung also bleibt, wie sie ihr standzuhalten versucht hätte.Die Annahme, sie hätte auf jene gedeutet, auf die es ihr ankam, geht dennoch kaum fehl.Kümmert euch, wäre wohl ihre Antwort gewesen, setzt eure Macht ein, den Ohnmächtigen aus der Gosse aufzuhelfen, laßt sie Platz nehmen in der Hauptstraße des Lebens, dort, wo der Mensch als Geschöpf genährt, geachtet, beschützt und auch betrauert wird.Kalkutta, hätte die große Frau wohl gesagt, der tödliche Zusammenprall von Elend und Reichtum, der vernichtende Gegensatz von Menschenwürde und Menschenverachtung - dieses Kalkutta ist kein indisches Kainsmal.Nehmt euch beim Wort eurer Würdigungen - und seht, was vor euren Türen geschieht. Nicht nur Armut, auch Reichtum muß ein Thema der politischen Debatte sein.Nein - nicht Mutter Teresa hat das gesagt, und der Appell richtet sich auch nicht auf Länder anderer Kontinente.Zu finden ist er im gemeinsamen Wort der beiden christlichen Kirchen unseres Landes und er handelt von Deutschland.Im Februar haben die Kirchenmänner ihren Befund vorgelegt - im Vorherbst ist er bereits vergessen.Unterdessen aber schreitet die Entkoppelung von Wachstum und Wohlstand kräftig voran.Was soziale Marktwirtschaftler als Konzept erdacht haben, um allen zu dienen, hat längst begonnen, sich zum Privileg für einige zu verengen.DAX lautet der Name des neuen Gottes, und verantwortungsvolle Unternehmer, die sich an der Anbetung von shareholder value ausdrücklich nicht beteiligen, sind eine ethische Minderheit.Das Heer der Arbeitslosen hat keinen Grund mehr, einer politischen Debatte zuzuhören - zu fest sitzt die Gewißheit, von dort kein Zeichen zu bekommen, das ihre Ungewißheit beenden könnte.Frust und beschädigte Würde der Ab-und Ausgestoßenen sind die Leprakrankheit unserer Gesellschaft.Doch wir, in der modernen Welt, haben keine Mutter Teresa. Wir reden von Solidarität und müssen erleben, wie die Kürzung des Solidaritätszuschlages von einer mächtigen Regierungspartei zur Machtfrage aufgeblasen wird.Wir preisen die Kinder als verkörperte Zukunft unserer Gesellschaft, und ziehen den Gefährdeten unter ihnen den Boden weg, noch bevor sie auf eigenen Füßen zu stehen gelernt haben.Wir lassen Brot in Mülltonnen wegkarren und sehen nicht, daß Kinder des morgens hungrig die Schule betreten.Wir schwärmen für Mutter Teresa - und sehen zu, wie Geld um des Geldes willen vermehrt wird, im rastlosen Anlage-Einsatz rund um den Globus und vorbei an den Bedürftigen.Auf jede Ankündigung, die Arbeitslosigkeit werde endlich energisch bekämpft, folgt die Verkündung erneut gestiegener Erwerbslosen-Zahlen. Mutter Teresa ist tot.Erloschen ist eine Flamme, die viel Wärme in eine kalte Welt gebracht hat.Erloschen ist ein Leben, das so viele Menschen vor einem unwürdigen Tod bewahrt hat.Das Licht, das Mutter Teresa angezündet hat, wird weiterleuchten - wenn ihr Bild als Vorbild weiterwirkt.Ihr Werk wird lebendig bleiben, wenn die Lebenden es nicht töten.Für jene, die Gedenkreden halten und zurecht unser aller Blick auf diese große Gestalt unserer persönlichkeitsarmen Zeit lenken, für alle, denen Macht gegeben ist, nicht um sie zu erhalten, sondern um sie nutzen, und für jene, die in der Hl.Teresa von Kalkutta, wie sie schon heute verehrt und angerufen wird, eine nachahmenswerte Figur erkennen - für sie alle hat mit Teresas Tod die Bewährungsprobe begonnen, jenseits von Glaube und Konfession.Teresa war an Gewand und Werk zu erkennen.Dem Frieden dient, wer ihrem Werk folgt - auch ohne das Ordenskleid anzuziehen.

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