Zeitung Heute : Künstlerischer Unterricht am Rechner: Nur ein Klax

Simone Leinkauf

Kommt man auf das Klax-Gebäude in der Upsalaer Straße 6 in Pankow zu, so gibt es keinen Hinweis auf eine Computerschule. Ganz im Gegenteil: Auf dem Plakat vor dem auf den ersten Blick wenig einladenden Bau ist von Malschule und Töpfern, Tanzen und Bewegung die Rede, von den klassischen kreativen Beschäftigungen eben, die für Kinder und Jugendliche ganz generell als pädagogisch sinnvoll und damit auch förderungswürdig gelten.

Computer sind da schon was anderes, führen diese doch nach landläufiger Meinung bei den Kids zu ganz ähnlichen Suchterscheinungen wie unkontrollierter TV-Konsum. Baller- und Kriegs-Spiele, die den hiesigen Markt bestimmen und bei den Jugendlichen leider besonders begehrt sind, werden von Soziologen inzwischen immer häufiger zur Erklärung der steigenden Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen herangezogen.

Ganz verurteilen will aber doch kaum einer den Umgang mit dem Personal Computer: Schließlich ist der Computer das Informationsmedium der Zukunft, an Schulen werden Grundkenntnisse im Umgang mit dem PC oft schon vorausgesetzt. Kein Wunder, dass es Computerkurse von den unterschiedlichsten Anbietern für die unterschiedlichsten Altersklassen gibt. Und meist wird in diesen Computerkursen der Umgang mit Textverarbeitungsprogrammen und Power Point, Excel und Access gepaukt, sicherlich sehr sinnvoll, aber doch meist elend langweilig.

Bauen, Werken, Malen, Tanzen

Dabei geht es sicherlich auch ganz anders - und das schon bei den ganz Kleinen. Der gemeinnützige Verein Klax entstand im Jahre 1990 - zunächst als eine Malschule und Trägerverein für acht Kindertagesstätten in Ostberlin. Konzeptionell schrieb man Kreativität von Anfang an recht groß - und fing ganz traditionell mit den schon erwähnten Bereichen an: Bauen und Werken, aber auch Malen und Tanzen.

Anfang 1997 kam zunächst probeweise eine Computer-Werkstatt hinzu, die seit Januar 1998 von Corinna Schröder geleitet wird: Sechs PC-Arbeitsplätze, zwei davon mit Internet-Anschluss, stehen in einem großen hellen Raum für die Computerkurse zur Verfügung. Neben zwei eher konventionell aufgebauten Erwachsenenkursen finden derzeit fünf Kurse für Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren statt, die sich vor allem durch ihren künstlerischen Ansatz von Computerkursen anderer Anbieter unterscheiden.

Angeboten werden einstündige Kurse für die Vier- bis Sechsjährigen (49,- DM/Monat) und zweistündige Kurse für die älteren Kinder (69,- DM/Monat). Da die Kurse nicht nach einem vorher fest gelegten Leistungskonzept aufgebaut sind und auch keine Leistungsprüfungen zum Jahresende erfolgen, ist der sofortige Einstieg zu jedem Zeitpunkt möglich: "Selbstverständlich achte ich darauf", sagt Corinna Schröder, "dass die Kinder mit etwas mehr Erfahrung auch in einer gemeinsamen Gruppe zusammen gekommen sind."

Aber da die Gruppen mit drei bis höchstens neun Kindern bewusst klein gehalten werden, können die Lehrkräfte - neben Corinna Schröder geben noch drei freiberufliche Mitarbeiter Computerkurse - recht individuell auf die einzelnen Kinder eingehen. Am Anfang einer Stunde erzählt Corinna Schröder oft eine kleine Geschichte, welche die Kinder dann selbst am Computer gestalten sollen. Selbst mit den ganz Kleinen werden so ganz eigenständige Projekte entwickelt, die dann nach und nach auch umgesetzt werden können.

CD-ROM-Spiele werden bewusst nur zum Ende der Unterrichtseinheit als kleine Belohnung eingesetzt, wenn zuvor schon "richtig gearbeitet" wurde. Und Corinna Schröder gelingt es, Kinder und Jugendliche mit Begeisterung an den PC zu bekommen, auch wenn kaum mit fertigen CD-ROMs gespielt wird.

Da sind selbst Fünfjährige mit komplizierten Grafikprogrammen zu Gange, scannen Fotos ein, verfremden Gesichter und Landschaften und basteln sich fantasievolle Collagen am Bildschirm zurecht. Die älteren Kinder bereiten derzeit die Präsentation einer "Schrott-Modenschau" vor, die zur nächsten Faschingszeit von einer Tanz-Gruppe im Klax gezeigt werden soll. Für diese Veranstaltung wurden selbst entworfene und genähte Kostüme fotografiert und die Fotos danach dann am Computer nachbearbeitet.

Der Text und die Vertonung werden bis zur offiziellen Präsentation dann noch weiter ergänzt. Den technischen Umgang mit Maus und Tastatur und den verschiedensten Anwendungsprogrammen lernen die spielfreudigen Kinder so ganz nebenbei: "Selbst ein Sechsjähriger kapiert ganz schnell", erklärt Corinna Schröder, "wie ein Absatz formatiert wird, wenn er denn einen ganz kleinen Comic am Computer selbst zusammenstellen möchte.

Würde man das an einem eher langweiligen Text erklären, wäre das sehr schnell wieder vergessen. Hat ein Kind sich das aber mit Hilfe selbst erarbeitet, bleibt das viel eher hängen." Dass der Spaß dabei nicht auf der Strecke bleibt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass mancher Schüler die Computer-Werkstatt schon seit mehr als drei Jahren besucht: "Da gibt es Kinder", erzählt Schröder lachend, "die sind schon länger dabei als ich."

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