Zeitung Heute : Künstliche Intelligenz: Denn sie wissen nicht, was sie tun

Gregor Dotzauer

Die Geheimnisse um die Künstliche Intelligenz sind längst dahin, und mit den falschen Heilserwartungen haben sich auch falsche Ängste aufgelöst. Die Überlegenheit von Maschinen über Menschen ist heute auf vielen Gebieten Alltag. Deep Blues Sieg über Schachweltmeister Kasparow (siehe Text rechts) erschreckte kaum noch jemand: Warum, dachten viele ganz zu Recht, sollte ein Computer mit übermenschlicher Rechenleistung ein Strategiespiel nicht besser spielen können als ein Mensch? Künstliche Intelligenz (KI) ist eine profane Wissenschaft. Um so erstaunlicher ist deshalb, dass sie nun, nach Ansicht eines Mannes aus dem Herzen der Softwareindustrie, das große Verderben bringen soll.

Unter dem Titel "Warum die Zukunft uns nicht braucht" druckte die FAZ am Dienstag auf zwei Feuilleton-Seiten einen Artikel von Bill Joy aus dem amerikanischen Magazin "Wired" nach, der noch einmal den euphorischen Futurismus der KI-Gurus Ray Kurzweil und Marvin Minsky ausspinnt - nur eben in den düsteren Farben einer negativen Utopie. Der Text - Erfahrungsbericht, Vision und Predigt in einem - soll die Bedeutung von Albert Einsteins Warnung vor der Atombombe haben, besitzt aber eher die Qualitäten eines Nostradamus.

Joy, "Chief Scientist" bei der Softwarefirma Sun, bietet eine Zusammenschau von Gentechnik, Nanotechnologie und Robotik, drei aufeinander zuwachsenden Bereichen, deren größtes Schreckenspotenzial freilich nicht in der Manipulation des menschlichen Genoms bestehen soll, sondern in der Verselbstständigung Künstlicher Intelligenz. Sie, fürchtet Joy, werde sich unkontrolliert fortpflanzen und die Spezies Mensch bedrohen: "An die Stelle der Massenvernichtungswaffen tritt die Gefahr einer wissensbasierten Massenvernichtung, die durch das hohe Vermehrungspotential noch deutlich verstärkt wird. Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, wir stehen an der Schwelle zur einer weiteren Perfektion des Bösen in seinen extremsten Ausprägungen."

Haltet die Forschung auf



Joy bleibt in fast allen Punkten derart vage, dass man ihn nur als Science-Fiction lesen kann. Deshalb ist auch sein Ruf nach einem Moratorium, das Forschungsstopps einleitet, so unfruchtbar - abgesehen davon, dass es weder durchsetzbar noch wünschenswert wäre. Und schließlich fehlt seinem Text ein theoretisches Fundament.

Viele gute Gründe sprechen dagegen, dass es eines Tages Roboter geben wird, die so etwas wie menschliches Bewusstsein entwickeln. Und die besten Gründe stammen von dem in Berkeley lehrenden Philosophen John R. Searle, den Bill Joy in seinem Artikel seltsamerweise als einen Anreger seiner Thesen reklamiert. Das Entscheidende an Searle ist, dass er strikt philosophisch argumentiert. Er versucht, abseits aller Empirie die Voraussetzungen zu klären, unter denen man ein anorganisches Wesen in der Weise intelligent nennen dürfte, wie man es mit einem Menschen tut. Ein ganz anderes Problem ist die Verbindung organischer Hirnleistungen mit Prothesen in der Bioelektronik: Daran knüpfen sich ethische Fragen.

Searle will Computergehirnen keineswegs eine übermenschliche Rechenleistung absprechen. Seine Argumente laufen darauf hinaus, dass ein Roboter zwar hochgradig lernfähig sein kann, aber Attribute menschlicher Intelligenz wie freien Willen, Sozialkompetenz oder Kreativität nur simuliert. Strong artificial intelligence - Intelligenz im emphatischen Sinn - ist Searle zufolge prinzipiell undenkbar. Die Gültigkeit seiner Überlegungen - darauf kommt es an - hängt also nicht vom Stand der technischen Entwicklung ab.

Replikanten zum Verlieben

Das heißt nicht, dass es nicht Humanoiden, Cyborgs oder Replikanten geben kann, in die man sich verliebt, wie in Ridley Scotts Kinothriller "Blade Runner". Es heißt auch nicht, dass man Roboter nicht wie in Paul Verhoevens Film "Robocop" - mit zweifelhaftem Erfolg - im Kampf gegen Verbrecher einsetzen kann. Es heißt nur, dass man es immer mit Liebes- oder Kampfmaschinen zu tun hat (wobei Verhoevens Robocop mit dem Gehirn eines toten Polizisten arbeitet, sich also nur bedingt als KI-Geschöpf verstehen lässt). Mit ihnen lässt sich zwar ein friedlicheres und angenehmeres Auskommen als mit nörgelnden Ehepartnern und korrupten Polizisten denken. Trotzdem fehlen ihnen bei aller partiellen Überlegenheit zentrale Qualitäten. Ein Cyborg wird niemals verstehen, was Liebe ist - außer wir betrachten unsere eigenen Gefühle als rein neuronale Effekte. Und ein KI-Robocop wird niemals einen Begriff von Gerechtigkeit haben - außer wir reduzieren ihn auf einen Verhaltenskodex.

Computerprogramme, meint Searle, kennen zwar Syntax, doch keine Semantik. Sie mögen den komplexesten Regeln zum Bau grammatischer Strukturen folgen, die Bedeutungsebene erreichen sie nicht. Searles klassisches Beispiel, das seit zwanzig Jahren die Runde macht, ist der "Chinese Room" - das chinesische Zimmer. Dieses imaginäre Zimmer denkt sich Searle als geschlossenen Raum, der einen Tür- oder Briefkastenschlitz hat, durch den jemand chinesische Schriftzeichen reicht. Die im Zimmer befindliche Person kann sie zwar nicht entziffern, doch beantwortet sie dank eines Regelkatalogs zum Herstellen chinesischer Schriftzeichen so, dass die außerhalb des Zimmers befindliche Person sich in der Illusion wiegen kann, drinnen befände sich jemand, der des Chinesischen mächtig ist.

Auch gegen Searles "Chinese Room"-Argument gibt es viele kluge, einleuchtende Einwände, die sich auf dem verminten Gelände der Leib-Seele-Geist-Diskussion abspielen. Doch das wirkliche Killerargument ist nur die Annahme, dass das so genannte Verstehen einer Sprache überhaupt nichts als Illusion ist - was in letzter Konsequenz zu der These führt, nach der überhaupt kein spezifisch menschliches Bewusstsein existiert. "Wir sind alle Zombies", sagt der KI-Philosoph Daniel C. Dennett und teilt diese Meinung mit zahlreichen Kollegen: "Niemand hat Bewusstsein." Wer das glauben will, soll es ruhig tun. Widerspruch ist schwer. Wer es aber glauben will, muss sich klar darüber sein, dass er sich die moralische Legitimation entzieht, über die künstlichen "Intelligenzen", die in Zukunft entstehen sollen, Kontrolle auszuüben. Oder ist es das, was Joy mit der Selbstvernichtung des menschlichen Geschlechts im Auge hat?

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