Zeitung Heute : Kürzer, straffer, günstiger

Berlin hat sich als internationale Tagungsstadt etabliert. Doch die Wirtschaftsflaute hinterlässt auch hier Spuren

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Von Harald Olkus

Vor dem ICC flattern die Fahnen von über hundert Ländern, Tausende von Kardiologen oder Architekten aus der ganzen Welt treffen sich in Berlin. Taxifahrer, Hotels, Bars und Restaurants sind beschäftigt. Die Stadt ist im Tagungsrausch – und die Berliner Hotelbranche hat sich in den vergangenen Jahren stark auf den Kongress- und Tagungsmarkt ausgerichtet. Neue Hotels wurden gebaut, die Kapazitäten vielerorts erhöht. In den nächsten zwei Jahren kommen noch einmal zehn neue Tagungs- und Kongress-Hotels mit rund 2500 Zimmern hinzu. Die Newcomer reichen vom kürzlich eröffneten Jolly Hotel in der Friedrichstraße bis zum Ritz Carlton am Potsdamer Platz, das Anfang 2004 fertig sein soll.

Doch manche Hotelkonzerne sind jetzt vorsichtig geworden. Die Astron-Kette hatte schon vor zwei Jahren angekündigt, die von Aldo Rossi geplanten „Landsberger Arkaden“ zum „Astron Convention Center“ umzubauen – aber noch immer steht dort unangetastet der Rohbau. Denn die neuen Tagungshotels treffen auf einen schwierigen Markt. Die Wirtschaftsflaute in der Folge des 11. Septembers vor knapp einem Jahr beendete auch den Boom in der Berliner Kongress- und Tagungshotel-Branche.

Bis dahin war die Zahl der Kongress- und Tagungsveranstaltungen sowie ihrer Teilnehmer kontinuierlich gestiegen: Während es 2000 noch rund 82 000 Veranstaltungen mit rund 3,5 Millionen Teilnehmern waren, fanden im vergangenen Jahr schon fast 91 000 Veranstaltungen mit rund 4,2 Millionen Teilnehmern statt. Solche Zahlen sind in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten. Gesicherte Daten gibt es bislang zwar noch nicht. Einen Anhaltspunkt bietet aber der internationale Architektenkongress im Juli, bei dem mit 8000 voll zahlenden Teilnehmern gerechnet wurde, doch nur 5000 kamen, wie Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing, sagt. Auch die Fluggesellschaften registrieren, dass weniger Passagiere nach Berlin fliegen.

„Tagungen und Kongresse gehören zum Einsparpotenzial der Firmen“, sagt Nerger. „Die Firmen schicken ihre Mitarbeiter mittlerweile nur noch tageweise auf Kongresse oder nutzen vermehrt die Wochenenden.“ In der Branche sei darüber hinaus eine Professionalisierung zu beobachten, die zu kürzeren, straffer organisierten Veranstaltungen der Unternehmen führe.

Trotz dieses Rückschlags hat sich Berlin als internationaler Tagungs- und Kongress-Standort etabliert: Studien zur weltweiten Bedeutung dieser Branche haben dies deutlich gemacht. Bei der Union of International Associations (UIA), die sich an Großveranstaltungen mit starker internationaler Beteiligung orientiert, belegte Berlin im Jahr 2000 den siebten Platz auf der Weltrangliste. Und die International Meetings Association (ICCA) platzierte Berlin bei der Zahl der Veranstaltungen weltweit auf den Platz zwölf im Jahr 2000.

„Die Hotels haben sich auf die stetig steigende Nachfrage der vergangenen Jahre eingestellt und ihre Angebotskapazitäten erheblich ausgeweitet“, sagt Nerger. Auch die technische Ausstattung der Hotels wurde den Anforderungen angepasst. 2001 gab es 184 Hotels, die über adäquate Tagungseinrichtungen verfügen, 111 außergewöhnliche Veranstaltungsorte sowie 6 Kongress- und Sporthallen. Die Hotels spielen dabei die weitaus wichtigste Rolle: Hier befinden sich 75 Prozent aller Veranstaltungsräume. Darüber hinaus sind es vorrangig die kleinen Tagungen, Kongresse und Seminare, die ins Gewicht fallen: An nahezu zwei Dritteln aller Veranstaltungen nehmen maximal 30 Personen teil.

Die Konkurrenz unter den Tagungsorten ist groß: Die wichtigsten Wettbewerber auf dem europäischen Kongressmarkt sind Barcelona und Wien. „ Neuerdings hat Berlin diesen Städten gegenüber jedoch einen großen Wettbewerbsnachteil“, sagt Nerger. Die im vergangenen Jahr vom Land Berlin bereit gestellte Kongressförderung von rund 500 000 Euro sind jetzt den Haushaltskürzungen des Landes Berlin zum Opfer gefallen. „Das bedauern wir außerordentlich“, sagt der BTM-Geschäftsführer. Für den Tagungs- und Kongressstandort Berlin habe dies – in einem sich verschärfenden Wettbewerb – erhebliche Nachteile zur Folge.

Das betont auch Jean van Daalen, der Präsident des gerade in dieser Woche wieder vereinigten Berliner Hotel- und Gaststättenverbands. „Das Land Berlin muss sich noch sehr viel mehr für diesen außerordentlich wichtigen Wirtschaftszweig einsetzen.“ Der Ausbau Berlins als Kongressstadt komme schließlich nicht nur der darauf spezialisierten Branche zugute.

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