Zeitung Heute : Küßt mich

CHRISTINE WAHL

Kollektiv: "Wladimir Majakowskis Tragödie" im Theater 89CHRISTINE WAHLAls Waldimir Majakowskis Tragödie 1913 uraufgeführt wurde, soll sich das Publikum zutiefst verstört gezeigt haben.Statt identifikationsfähiger Charaktere sah es lediglich abstrakte Figuren einer großstädtischen Verkrüppelung über die Bühne streichen.Sie hörten auf Namen wie "Einaugenbein", "Mannmitzweiküssen" oder "Großträne" Dies war Majakowskis erster Theatertext - und die russische Avantgarde.Inspiriert von den kubistischen Tendenzen in der bildenden Kunst wollte man auch das Theater radikal erneuern, jedwedem szenischen Realismus absprechen und mit einem technisierten "Wort-Kubismus" überraschen.In einer deutschen Fassung von Heiner Müller nach Ginka Tscholakowas Übersetzung hat nun Gabriele Heinz "Wladimir Majakowski Tragödie" im Theater 89 inszeniert. Die Tragödie, heißt es in der Ankündigung, werde heute "zu einem Material, in dem sich Anarchie und Utopie explosiv bündeln und ins Schwarze einer mechanisierten Welt zielen".Das klingt verdächtig vertraut; die mechanisierte Welt ist ein Modethema: Die von Majakowski demonstrierte Reduktion des menschlichen Körpers auf kümmerliche Einzelteile - sprich: Menschmaschine - kennt man nicht nur vom Tanztheater.Und wenn nun im zweiten Teil der Majakowski-Tragödie Einohr, Großträne und Mannohnekopf in uniform-sterilem Weiß auftreten, ist das keine überraschend neue Metapher für ein zweifllos aktuelles Thema. Kurz: die Explosion fand im Theater 89 nicht statt, und auch die gebündelte Anarchie und Utopie konnte die Rezensentin nicht aufspüren.Es gibt dafür ein bißchen Theatermagie, was vor allem Anne-Kathrin Hendels Bühnenbild und Alexandre V.Myznikovs Lichtdesign zu verdanken ist.Gabriele Heinz gibt den zerlegten Körpern zumindest äußerlich reale Züge: Einaugenbein und Co.wirken wie eine Versammlung nächtlicher Bekanntschaften in U-Bahn-Schächten, die ihre Weisheiten verkünden und bei deren Alogismen einen das Gefühl beschleicht, diese Menschen hätten tiefere Einsichten in Dinge, die einem auf ewig verborgen bleiben werden. Aber das sind nur Momente in einer für den kurzen Stücktext sehr ausgedehnten Inszenierung.Außer der sich wandelnden Raumwirkung passiert nämlich nichts bei dieser intellektuell ehrgeizigen Aktion.Majakowski (Eberhard Kirchberg) bleibt der Clown, der sich weiße Farbe ins Gesicht malt, der Hund, der den Wahnsinn verkörpert, der Kühne und der ob seiner teifen Einsichten ebenso Gequälte: "Ich kann nicht mehr / Ihr habt gut reden aber wer / Küßt mich".Zu konstatieren ist also Endzeitstimmung, kollektiver Wahnsinn, ein bißchen Aufstand und ein Publikum, das applaudiert mit Anstand, recht bald den Saal verläßt und schweigt. Nächste Vorstellungen am 22.bis 24., 26.und 27.sowie 29.und 30.August jeweils um 20 Uhr im Theater 89, Torstraße 216.

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