Zeitung Heute : Küste der verschwundenen Dörfer

Bilder, die man nicht mehr vergisst im Leben: Besuch im Nordosten Sri Lankas, im Gebiet der Tamilen-Tiger

Axel Vornbäumen[Kilinochchi]

Am siebten Tag nach der Welle, es ist ein Sonntag, da haben sie beschlossen, die Hunde von Mullaitivu zu erschießen. Es gibt zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu tun, in dieser kleinen verwüsteten Küstenstadt, hier oben, im Nordosten Sri Lankas. Nicht mehr. Noch nicht. Und so ist das Töten der Tiere so etwas wie eine letzte, verzweifelte Geste, Menschenwürde zu retten, wo Menschenleben längst verloren sind. Die Hunde hatten hier am Strand leichte Beute gehabt und die immer noch vom Meer ans Land gespülten Leichen angefressen – als wäre deren Identifizierung nicht ohnehin fast unmöglich gewesen.

Es gibt Bilder, die vergisst man nicht mehr im Leben. Martin Baumann von der Deutschen Welthungerhilfe hat sie gesehen: die Mutter, „fast wahnsinnig“ geworden beim Anblick ihrer toten Kinder; der Mann, der still leidend seine tote Frau im Arm hält, einen letzten, viel zu kurzen Moment lang. Die Laster mit den gestapelten Leichen. Die Massengräber, bereits zehn Kilometer vor den Toren Mullaitivus rasend schnell ausgehoben, um drohende Seuchen einzudämmen. Die Gräber künden von der Katastrophe, lange schon, bevor Baumann an Ort und Stelle einen Begriff davon bekommt, mit welcher Gewalt auch hier, am nördlichen Ende von Sri Lankas Ostküste, das Meer über die ohnehin ärmliche, vom jahrelangen Bürgerkrieg gebeutelte Zivilisation gekommen ist. Seitdem er diese Bilder gesehen hat, hat Baumann praktisch „nicht mehr geschlafen“. Er hält sich in diesen Tagen „mit Aktionismus über Wasser“, er, der für die Deutsche Welthungerhilfe in Vavuniya eigentlich ein Langzeitprojekt koordiniert, das der Bevölkerung in dem von den tamilischen Befreiungstigern (LTTE) kontrollierten Gebiet dazu verhelfen sollte, wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Langsam sollten die Menschen wieder zurückkehren in die verlassenen, von der üppigen Vegetation überwucherten Ortschaften, in denen sie früher gelebt hatten.

Nun ist auch dieser Plan fürs Erste zerstört. Längs der malerischen Küste gibt es keine Dörfer mehr, in die in naher Zukunft irgendjemand zurückkommen könnte. Ob jemals wieder, selbst das ist fraglich. Schon kursieren Pläne, eine vielleicht 500 Meter, vielleicht auch zwei Kilometer breite Sicherheitszone einzurichten, um die von den Wassermassen traumatisierten Menschen vom Meer fern zu halten – Menschen, die ihr ganzes Leben lang vom Meer gelebt haben, in dieser Ecke Sri Lankas, in der es nur Fischfang und Landwirtschaft gibt und in der der Tourismus keine Rolle spielt. Doch neue Siedlungen, sie würden auch neue Probleme schaffen. Die Welle, sagt Baumann, wirkt in ihrer zerstörerischen Kraft vielleicht nachhaltiger als so manches Wiederaufbauprojekt. Denn das Land, das da möglicherweise neu besiedelt werden soll, ist schon besiedelt. So stehen neue Spannungen bevor, wo alte immer noch nicht beseitigt sind.

40000 Flüchtlinge in den nördlichen Distrikten Sri Lankas zählt die mit der Deutschen Welthungerhilfe kooperierende einheimische Organisation Sewa Lanka. Wie exakt das ist, was die Zahl von 800000 Flüchtlingen für das ganze Land bedeutet, weiß niemand. Auch die 7000 identifizierten Toten, hier oben im Norden, sind eine ungenaue Momentaufnahme. Wie viele Menschen noch an „Sekundärinfektionen“ sterben werden, weil sie in ihrem Kampf mit den Fluten Unmengen von Wasser geschluckt haben – auch darüber gibt es nur Vermutungen.

Es ist der neunte Tag nach der Flutwelle, und in den Flüchtlingscamps nördlich von Kilinochchi ist die zweite Phase der Hilfe angelaufen, jene Phase, in der die Menschen bereits relativ exakt nach Bedarf versorgt werden, weil Wasser und Essensrationen gesichert sind. Gunther Schramm, der zur „Task Force“ der Welthungerhilfe gehört, überwacht an diesem Dienstag die Verteilung von Handtüchern, Bettlaken, Schuhen, Seife und Kinderkleidung. Auf einem Schulgelände hat man etwa 100 Familien aus drei völlig zerstörten Dörfern einquartiert. Im Schatten eines Mangobaums werden die Hilfsgüter abgeladen. Keine drei, vier Meter entfernt sitzen Dutzende von Kindern und spielen quietschvergnügt die tamilische Variante von „Der Plumpsack geht um“, wieder drei Meter weiter tröstet ein Priester eine um ihre zwei toten Kinder trauernde junge Mutter, einige Männer helfen, die Hilfsgüter von einem Pick-up abzuladen. Niemand drängelt, keiner grabscht auch nur nach einem Handtuch für sich. Im Innern der Menschen mag das seelische Chaos herrschen. Doch nach außen hin ist die Disziplin hier oben im Norden erstaunlich.

Schramm kann die direkte Zuteilung der Laken und Schuhe dem „Manager“ des Camps überlassen, einem sichtlich bewegten, adrett gekleideten Mittvierziger mit kariertem Oberhemd, der für die Übergangszeit gerne einen eigenen Platz eingerichtet hätte, wo die Kinder ungestörter unter sich sein könnten, sonst aber keine weiteren Wünsche anmeldet.

Doch in einer Woche schon soll das Auffanglager wieder geräumt sein, weil die Schule dann wieder für den Unterricht der Einheimischen benötigt wird. Wenn irgend möglich, sollen bis dahin Zelte angeschafft und Toiletten installiert sein, damit die Flüchtlinge in relativer Nähe ihrer Heimatdörfer übergangsweise angesiedelt werden können. Lakshi Abeyasekera von der Hilfsorganisation Sewa Lanka ist mit dem Tempo durchaus zufrieden. „So muss es sein, ständig ändert sich was, aber es geht vorwärts.“

Dass die im Süden des Landes in den ersten Tagen nach der Katastrophe vermeldeten chaotischen Szenen im Gebiet der Tamilen-Tiger ausgeblieben sind, wird selbst in hohen UN-Kreisen wohlwollend zur Kenntnis genommen. Die im politischen Ausnahmezustand geübte LTTE ist, so scheint es, auch jenem durch die Natur verursachten Ausnahmezustand gewachsen. Bisweilen mit archaischen Mitteln. Harsha Navarathne, der Vorsitzende von Sewa Lanka, weiß zumindest von drei Fällen, in denen Menschen drakonisch bestraft wurden, als sie versuchten, den bei Mullaitivu an Land geschwemmten Leichen die Ringe von den Fingern abzuziehen. LTTE-Kämpfer hackten den Dieben daraufhin die Hand ab, erst danach brachten sie die Täter zur Polizei. Die Gerüchte, dass Plünderer auf der Stelle erschossen würden, taten ein Übriges. Die Zivilbevölkerung ist ruhig, sie wartet ab, was mit ihr geschieht. Die Leute, sagt Dirk Altweck von der Welthungerhilfe, „haben eine unglaubliche Leidensfähigkeit. Manche von denen wurden schon zehn Mal umgesiedelt.“

Wie oft Mary Regivea umgesiedelt wurde, sagt sie nicht. Mindestens zweimal aber bestimmt. Vor gut zwei Jahren erst wurden sie und ihre Familie in das Haus zurückgebracht, das in der ersten Reihe im Fischerdorf Maruthankerny wieder aufgebaut worden war und von dem nun nur noch das fast glatt rasierte Fundament übrig geblieben ist. Ermattet hat sich die Frau mit ihrer Tochter in einiger Entfernung zu ihrem verlorenen Haus, inmitten einer mehrere hundert Meter breiten, apokalyptisch anmutenden Trümmerwüste niedergelassen. Ständig reibt sie sich mit der Hand über das Gesicht.

Als sie die Welle auf das Dorf zurasen hörte, dachte sie zunächst an Kriegsflugzeuge. Ihrem Sohn und ihrer Tochter befahl sie, sich auf den Boden zu werfen. Doch nur ihre Tochter hielt sich an die Anweisung, ihr Sohn lief raus zum Strand. Mary Regivea hat nicht gesehen, wie er starb. Sie selbst und ihre Tochter wurden mitsamt dem Haus von der Welle hunderte Meter weit ins Landesinnere gespült. Irgendeinem Zufall ist es zu verdanken, dass sie in einer Baumkrone hängen blieben und sich festklammern konnten, bis das Inferno vorbei war.

Nun wollen beide nicht mehr zurück – und wissen doch nicht, wohin. Sie sind noch einmal gekommen, in der grotesken Hoffnung, vielleicht doch irgendetwas zu finden, von dem, was ihnen einmal gehört hat. Doch da ist nichts mehr – außer der Haarspange aus Plastik, die das Mädchen plötzlich unter einer gebrochenen Betonplatte entdeckt.

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