Zeitung Heute : Kultig schwärmen

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lorenz Maroldt

Seit ein paar Monaten kommt, unverlangt eingesandt, das Magazin „Das Magazin“, gegründet 1924 in Berlin, zu uns in die Redaktion, wahrscheinlich in der Erwartung, dass wir darüber mal wieder was schreiben. Die meisten Menschen halten das „Magazin“ nämlich offenbar noch immer für eine Sexpostille, weil hier zu DDR-Zeiten Nacktbildchen abgedruckt wurden. Dabei stehen ganz harmlose Sachen drin. In der Februar-Ausgabe zum Beispiel ein sozialkitschiges Histörchen des Interview-Erfinders Tom Kummer, der beschreibt, wie Steven Spielberg seinen armen Hund „Firelight“ irgendwo am Ende eines gottverlassenen Highways verjagt, was insofern eine gewisse Relevanz hat, weil, wie Kummer hart recherchiert und seiner „Hollywood-Short-Story“ in Klammern angefügt hat, im Großraum Los Angeles jährlich mehr als 4500 Hunde von ihren überwiegend besserverdienenden Herrchen und Frauchen ausgesetzt werden. Gemein! Wie soll man denn da als tierlieber Altweltianer sein Ami-Ressentiment unter Kontrolle halten?

Ist es Zufall, dass Autor Kummer in diesem Jahr 40 wird? Jedenfalls ist eine andere, große Geschichte im neuen Magazin so überschrieben: „40 - na und?“ Sie stammt zwar nicht von Kummer, ist aber trotzdem seltsam. Behauptet wird unter anderem, Männer mit 40 kaufen sich einen Landsitz, prüfen ihr Bindegewebe, schwärmen noch mal (?!?) für Tracy Chapman, wechseln den Job, verlassen die Frau, werden zum Eigenbrötler und schlucken plötzlich Pillen. Ich bin nicht normal, ich muss zum Arzt!

Da die Ärzte in Berlin diese Woche ohnehin zu streiken beginnen, entschied ich mich dafür, dass die nicht normal sind, holte aber trotzdem noch ein paar Dinge nach, bevor vielleicht doch ein Hilfe-Vierzig-Anfall einsetzt und den Verstand vernebelt.

Deswegen: Im Kosmos-Kino „Halbe Treppe“ gesehen, den alle so toll fanden, weil er angeblich alle etwas angeht, den ich aber eben deswegen bis dato vermieden hatte. Prompt verfiel ich ob der Trostlosigkeit meiner verfilmten In-etwa-Altersgenossen in eine fünfminütige Depression. „Du hast gar nichts verstanden“, sagt die untreue Ehefrau zu ihrem lieben Mann, als der, auf dem Höhepunkt der Krise, eine neue, lange erbetene Dunstabzugshaube und sonstiges Gerät in die schäbige Bude baut und strahlend verkündet: „Neue Küche, neues Glück!“ Wir lernen, hoffentlich noch rechtzeitig: Frauen wollen gar nicht immer kochen und spülen. Danke, lieber Film.

Sonst noch: das Clash-Doppel-Nachtprogramm im Eiszeitkino aus Anlass des Todes von Joe Strummer; die Interviews von 1999 würden übrigens gut als Werbung für regelmäßigen Zahnarztbesuch funktionieren – muss man gesehen haben. Außerdem: „Road to Perdition“, weil sonst gerade nichts wichtiges lief. Wunderbar traurige Chicago-Capone Prohibitions-Ballerei mit Tom Hanks und Paul Newman. Das dazu passende Kino: das Tilsiter, eine Kneipe mit Spinnweben und Leinwand im Hinterzimmer. Manchmal ist es wirklich besser, darauf zu warten, dass gute Filme in so kultigen kleinen Kinos ankommen. Noch läuft er da!

Tilsiter-Lichtspiele, Richard-Sorge-Str. 25a, Friedrichshain, Tel: 426 81 29.

Das Magazin: Am Kiosk, 2.50 Euro

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