Zeitung Heute : Kulturelle Städtereise: Auf wunderliche Weise

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Nicht alle, jedoch viele Wege führen nach Rom. Und Millionen finden diese Pfade jedes Jahr aufs Neue. Da muss nicht erst ein Heiliges als Motivation dienen. Schon Goethe schrieb uns 1786: Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!"

Städtereisende, eher kulturbeflissen als bier- oder weinselig, manchmal jedoch auch beides, haben stets besondere Motive, an diesen und nicht an jenen Ort zu fahren. Dem Badeurlauber kann es relativ schnurz sein, ob er nun auf Gran Canaria oder auf Lanzarote ein günstiges Pauschalarrangement findet. Die Strände sind ähnlich, die Sonne sowieso, deutsches Bier und Eisbein gibt es da wie dort.

Städtereisende sind da eher eigen. Haben genaue Vorstellungen, warum sie etwa nach Venedig und nicht nach Wanne-Eickel wollen. Venedig sehen und sterben, das wollen die Wenigsten, das wollte unser aller Dichter auch nicht. Noch bevor er Rom erreichte, notierte er in der Lagunenstadt: Alles, was mich umgibt, ist würdig, ein großes respektables Werk versammelter Menschenkraft, É" Na ja, vielleicht nicht alles.

Für den Besuch von Paris motiviert noch immer weniger Disneyland als vielmehr der Louvre oder - etwas weiter gefasst - die Liebe. Goethe hingegen schwärmte von Paris als einer Stadt, É wo jeder Gang über eine Brücke oder einen Platz an eine große Vergangenheit erinnert und wo an jeder Straßenecke ein Stück Geschichte sich entwickelt hat." Auch das wird die Menschen nach Paris bringen.

Einkaufen in London dürfte für den Normalverdiener fürs Erste gestorben sein, aber für das Erleben der Szene", grelles Multikulti oder das Schwelgen in Allem, was man bei uns als british" empfindet, kratzen die Touristen oft die letzten Groschen zusammen. Meister Goethe hat die Stadt wohl richtig eingeordnet. In so einem ungeheuren Elemente, als die Englische und besonders die Londoner Welt ist, werden wie im Weltmeere unendlich viele Formen der Existenz möglich, É" Hätte der Dichterfürst New York City besuchen können, wäre ihm sicher Ähnliches eingefallen. Natürlich, gänzlich unbesungen ist die Neue Welt in Goethes Schätzen nicht: Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, der alte, / Hast keine verfallenen Schlösser / Und keine BasalteÉ" Wer also nicht dem Altertum nachspüren oder sonstigen kulturellen Errungenschaften in Europas Städten huldigen möchte, lässt sich den Big Apple" nicht entgehen.

Städtereisen sind tatsächlich das, was man heute vielfach als angesagt" bezeichnet. Als Zweit- oder Dritt-Urlaub, als willkommene Pause zwischendurch. Ob nun der Hamburger nach Stockholm dampft, der Berliner nach New York jettet oder der Münchener meint, nur in Roms Klamottenläden fündig und dadurch glücklich zu werden - Städtereisen sind in den meisten Fällen zwar kostspielig, bedenkt man, dass zwei Nächte in Rom fix 1000 Mark kosten können, ohne besonders geschwelgt zu haben. Städtereisen geben andererseits Anregungen, mehr als Strandurlaub auf jeden Fall. Und vielleicht hatte ja auch Goethe Menschen vom Typ Städtereisender erblickt, als er dichtete: Die kommen eben von der Reise, / man siehts an ihrer wunderlichen Weise É"

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