Zeitung Heute : Kultureller Selbstversorger

Das Schweizer Museum Silvio R.Baviera im Haus am WaldseeDie unvermeidlich Zigarre ist gelöscht.Zum Taktstock degradiert, untermalt sie eine der zahlreichen Anekdoten aus dem Leben des Schriftstellers, Verlegers, Künstlers, Galeristen, Sammlers und privaten Museumsgründers in Personalunion mit immer furioseren Luftkringeln.Silvio R.Baviera hält anläßlich der Berliner Präsentation seiner Sammlung im Haus am Waldsee Hof.Der Ausstellung gab er den Titel "Die Durchtunnelung der Normalität".Zuvor war sie im Helmhaus von Bavieras Heimatstadt Zürich zu sehen.Das Haus am Waldsee setzt damit seinen Programmschwerpunkt zum "Europa der Regionen" wie die unter Thomas Kempas begonnene Vorstellungsreihe bedeutender Kunstsammler fort. Baviera ist eine imposante Erscheinung barocken Zuschnitts, der musisches Multitalent mit eidgenössischem Geschäftssinn zu verbinden versteht.Der Querdenker und bekennende 68er weiß seine Rolle als kulturpolitisch rühriges enfant terrible mit weltmännischer Nonchalance zu würzen.Seine schillernde Persönlichkeit spiegelt sich in der Sammlung, von der in Berlin 153 Werke von 120 Künstlern zu sehen sind.Der Großteil stammt aus den 70er und 80er Jahren, doch führt die Schau bis in die 90er. Die ersten drei Räume sind den Gedichtgrafiken, den "Wortkaminen", "Wortmalereien" und semiotischen Installationen von Baviera selbst gewidmet.Sie bauen auf Doppeldeutigkeit und duale Gegensatzpaare wie "Macht und Recht".Das Politische ergänzt das private "Ich" und "Du": Aspekte, die sich in der Sammlung wiederfinden.Der junge Schriftsteller Baviera gründete 1966 in einem Züricher Arbeiterbezirk seinen Verlag "Um die Ecke".Ein Boom für bibliophile Ausgaben, für Originalgrafiken junger Künstler half dem Verlag und brachte erste Künstlerkontakte.Mit Gründung der eigenen Galerie, zunächst in seinem Wohnzimmer, dann mit Partnern und eigenständig in Zürich, Biel, Cavigliano schrieb Baviera erstmals schwarze Zahlen.Er erwarb Kunst zunächst, um seine meist noch wenig bekannten Künstler zu unterstützen.Statt die Arbeiten später gewinnbringend zu verkaufen, komplettierte er Werkkomplexe und gründete 1990 das private Museum Baviera.Dort hängen sie alphabetisch von Esther Altorfer, John Armleder und Christian Ludwig Attersee bis Rémy Zaugg und Jürgen Zumbrunnen - für Baviera ein gewollt chaotisches, aber lebendiges Prinzip.Er sammle "keine Trophäen der Geschichte zu ihrer Begründung", schreibt Baviera im Begleitbuch.Er wolle ein dialogisches Museum, seine Initiative für die zeitgenössische Kunst solle "Sauerteig anrühren": "Ich verstehe mich als kulturellen Selbstversorger." Im Gegensatz zum eigenen Schaffen konzentriert sich Baviera unter dem Stichwort "Neue Figuration" auf gegenständliche Kunst mit Schwerpunkt Schweizer oder in der Schweiz lebender österreichischer und westdeutscher Künstler.Von Berlin wurde Malerei und Grafik ausgewählt, Baviera berücksichtigt aber auch Skulpturen. Früh kaufte er den Einzelgänger Friedrich Kuhn.Bis heute setzt er sich für die überregionale Anerkennung des Züricher Phantastischen Realisten ein.Die Sammlung spiegelt auch Bavieras politisches und sozialkritisches Engagement wider.Ein Schwerpunkt sind Bilder von Ina Barfuss und Thomas Wachweger.Baviera stellte sie als erste in seinem Wohnzimmer aus, als sich in Deutschland noch kaum jemand für sie interessierte.Ebenso wie Kunstfreunde nach Bern gehen, um Klee komplett zu sehen, sollen Besucher ins Museum Baviera pilgern, um die "ganze" Barfuß und den "ganzen" Wachweger kennenzulernen. Ein Raum vereint 18 Gemeinschaftsarbeiten wie den 1972 in Berlin entstandenen Werkzyklus "Selten gezeigte Kunst" von Attersee, Brus, Dieter Roth, Rühm, Steiger und Wiener.Bis unter die Decke reicht im Haus am Waldsee die "russische" Hängung der nicht stilistisch geordneten Arbeiten (Raum für Raum numeriert).Baviera will sie als Hommage an die privaten Kunstsammler und Förderer junger Künstler verstanden wissen, deren private Haushalte mit der Zeit eine Kunstflut überschwemmt.Von Martin Disler über Jürgen Klauke, Urs Lüthi, Horst Hödicke, Werner Büttner bis Rémy Zaugg sind zahlreiche Beispiele für Bavieras Spektrum zu entdecken.Dem Besucher wird mühsames Fahnden in dicken Listen abverlangt, will er die zugehörigen Künstlernamen ermitteln. Der letzte Raum mit Skulpturen ist der vierköpfigen Künstlerdynastie Baviera gewidmet.Alle drei Brüder des Deutsch-Schweizers mit dem zweiten, italienischen Paß, der holländischen Mutter und dem aus Österreich emigrierten Großvater sind Künstler.Frei von Bescheidenheit bildet analog zum Auftakt Bavieras roter Neonschriftzug "Schwindel" das Schlußlicht. Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 18.Mai (18 Uhr Lesung von Baviera); Di-So 10-18 Uhr.Katalogbuch 100 DM.

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