Zeitung Heute : Kulturstreit ums Internet und Zank um die Verpackung

Auf der Frankfurter Buchmesse wurde allenthalben das einträchtige Nebeneinander von gedruckten und elektronischen Texten beschworen.Düstere Befürchtungen hegen jedoch zwei Wissenschaftler, die das Internet als Gefahr für Aufklärung und traditionelle Buchkultur betrachten: Uwe Jochum und Gerhard Wagner haben zu einer Diskussion ihrer Thesen eingeladen und die Beiträge in einem Sammelband mit dem ebenso resignativen wie doppeldeutigen Titel "Am Ende - das Buch" (Konstanz: UVK Sozialwissenschaften, 1998.28 Mark) veröffentlicht.

Die Einwände der Streiter wider das Internet sind sowohl praktischer Art als auch grundsätzlicher Natur.Sie kritisieren etwa, daß die Urheberschaft elektronischer Texte nie eindeutig garantiert werden könne.Es sei ein Skandal, "daß man nicht mehr sicher sein kann, ob bei dem Versuch, die Werke von Immanuel Kant oder John Locke aus dem Netz auf den heimischen Bildschirm zu transferieren, wirklich deren Werke sichtbar werden oder eine bearbeitete Netzversion".Die Ansätze, dieses Problem mit digitalen Signaturen oder elektronischen Wasserzeichen zu lösen, werden von Jochum und Wagner nicht gewürdigt.

Auch die Immaterialität des Internet im Vergleich zu dem mit der Hand greifbaren Papier löst bei den Kritikern vielerlei ungute Gefühle aus.Es wird unterstellt, daß die wissenschaftliche Buchkultur für Aufklärung sorge, während die elektronische Vermittlung von Inhalten zur Relativierung von Bedeutung und zu einer Überschreitung in überirdische Sphären tendiere.Die Autoren treiben diese Argumentation auf die Spitze, wenn sie das Internet als letzte Äußerung einer Entwicklung bezeichnen, die mit antiken Sekten und den Ketzerbewegungen im Mittelalter begonnen habe: "Der Cyberspace als der gnostische Versuch, ...das Paradies auf Erden herbeizuführen." Leider haben die Herausgeber zumeist Vertreter ihrer eigenen Sichtweise zu Wort kommen lassen.Dagegen ist der Leiter der Online-Redaktion des Tagesspiegels bemüht, überzogene Befürchtungen zurechtzurücken.Klemens Polatschek plädiert für eine pragmatische Haltung, die weder das Medium Buch in Frage stellt noch die von Fall zu Fall bestehende Überlegenheit der elektronischen Medien leugnet: "Der Herr hat vielfältige Pfade zur Gedankenformung angelegt; sie sind alle Kommunikation, und jeder von uns darf die wählen, die ihm gefallen."

Während die einen die neuen Medien ansich verteufeln, kritisieren die anderen den oft immensen Verpackungsaufwand bei Software und Multimedia-CD-ROMs: Oft ist nicht viel mehr drin als Pappe und viel Luft.Die aufwendig gestalteten Schachteln lassen sich auf Tischen und im Schaufenster besser präsentieren als die sogenannte Jewel-Box im CD-ROM-Format, wie sie bei Musik-CDs üblich ist.Zudem bietet eine größere Packung Schutz vor Diebstahl."Der Buchhandel will es so", sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Florian Langenscheidt.

Gerade mal 16 Gramm wiegt eine CD-ROM.Die kleine Jewel-Box kann zwei Scheiben aufnehmen und wiegt dann 105 Gramm.Das übrige Verpackungsmaterial bringt manchmal ein halbes Pfund auf die Waage, wie die mit Aufklappdeckel und Klett-Verschluß versehene Verpackung des neuen elektronischen Brockhaus-Lexikons.Die einfache Pappschachtel (Euro-Box) kostet etwa eine Mark in der Herstellung.Eine aufwendige "Media-Box" schlägt hingegen mit drei Mark zu Buche, wie der Handelsvertreter der Berliner CD-ROM-Verpackungsfirma Schwerdtle & Schantz, Thomas Stutzke, erläutert.Doch im Wettbewerb mit anderen Konsumgütern muß die CD-ROM sich bestmöglich präsentieren.

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