Zeitung Heute : Kundenkontakte und echte Aufträge

HELGA BALLAUF

In der Juniorfirma der Bahn betreuen Auszubildende selbständig eine Zugstation.Angehende Bankkaufleute betreiben eine eigene Postbankfiliale für junge Kunden.Einzelhandels-Azubi S.füllt im Supermarkt Regale auf und wechselt auf Klingelzeichen schnell an die Kasse.Die Beispiele verbindet, daß die Jugendlichen in einer "Ernstsituation", wie die Berufspädagogen so schön sagen, das berufliche Handwerk lernen: mit Kundenkontakt, realen Aufträgen und direkter Erfolgskontrolle.

Das liegt im Trend.Selbst große Firmen mit gut ausgestatteten Lehrwerkstätten und eigenem Ausbildungspersonal - von Mercedes über Siemens bis Telekom und Audi - verlagern wieder größere Teile der Berufsvorbereitung in die Fachabteilungen des Unternehmens.Mal heißt das betriebsnahe Konzept "learning-by-doing", mal "Lernen im Prozeß der Arbeit", mal "Erfahrungslernen", "dezentrales" oder "informelles Lernen".Die Unschärfe der pädagogischen Begriffe verschleiert, ob es sich im Einzelfall tatsächlich um ein wirkungsvolles Qualifizierungskonzept handelt oder ob es nur um die höhere Produktivität der Azubis geht.

Ob im Laden oder auf der Baustelle, die Kunden und ihre Aufträge bestimmen, wann für die Azubis welcher Arbeitsablauf anfällt.Wichtig sei, sagt die wissenschaftliche Begleiterin des hessischen Modells, Ioanna Dede, daß die jungen Leute "nicht nur mechanisch einzelne Tätigkeiten nacheinander ausführen".Auf das Supermarkt-Beispiel bezogen heißt das: S.darf nicht nur in Stoßzeiten an die Kasse geholt werden.Es muß Zeit bleiben, in der sie erfährt, welche Bedeutung die Zahlen und Posten auf der Quittung haben, welche rechtlichen Vorschriften es bei der Annahme von Schecks gibt, wie sie sich bei Reklamationen verhalten soll, woran sie erkennt, ob der vom Scanner erfaßte Preis stimmig ist.Anders ausgedrückt: der Azubi bleibt Azubi und wird nicht zu einer billigen Arbeitskraft.

"Unser Credo lautet: die Teilnehmenden müssen in der Lage sein, die größeren Zusammenhänge zu erkennen", sagt Ioanna Dede, fügt aber gleich hinzu, daß das gerade bei kleinen Firmen nicht immer klappt.Die Dozenten im Bildungswerk sind gehalten, "im Alltagsbetrieb aufgekommene Fragen aufzugreifen und Hintergründe zu erläutern", betont Dede.

Ähnlich arbeitet Zukunftsbau in Berlin.Jedes Praxisthema wird sofort im innerbetrieblichen Unterricht aufgegriffen, erläutert Projektbetreuer Peter Urban.Außerdem erhält der Azubi ein Zertifikat, sobald er ein Modul erfolgreich abgeschlossen hat."Damit können sie auf dem Arbeitsmarkt etwas vorweisen, selbst wenn sie nicht die ganze Lehre durchhalten", sagt er.Wohlgemerkt: Bestätigte Teilqualifikationen sind eine Auffanglösung, nicht das Ziel der Ausbildung.Bei Zukunftsbau erhält jeder Azubi eine regelmäßige Karriereberatung, um den individuellen Lernprozeß planen und steuern zu können.

Das täte jedem Lehrling gut, glaubt Urban, nicht nur den "schwierigen" oder "lernschwachen" jungen Leuten.Der Bildungsforscher am Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb), Peter Dehnbostel, sieht einen Zusammenhang zwischen dem "Wandel von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft" und der "Renaissance des Lernens im Prozeß der Arbeit".Wo bisher Arbeitsteilung vorherrschte, kommen jetzt Formen selbstgesteuerter Projekt- und Gruppenarbeit und Selbstlernkonzepte zum Zug.Von den Beschäftigten werden neben hoher Fachkompetenz immer stärker auch soziale, methodische und berufsübergreifende Fähigkeiten erwartet.Neue Konzepte sind gefragt, eine bessere Verzahnung der Lernorte Firma, Berufsschule und überbetriebliche Einrichtung tut Not.

Leistungsstarke junge Leute werden bei der Firma Stahlwerke Bremen zu Prozeßleitelektronikern qualifiziert.Ausbilder und Lehrkräfte haben ein gemeinsames Curriculum erarbeitet.Bestimmte Unterrichtsinhalte vermitteln die Berufsschullehrer direkt am Arbeitsplatz des Azubis.Es geht darum, sagt Personalentwickler Paul Benteler, den direkten Zusammenhang Praxis-Theorie herzustellen und zu reflektieren.So lasse sich vermeiden, daß ein Stoff völlig abgehoben einmal in der Schule und einmal in der Ausbildungswerkstatt dran ist.

Intensität und Qualität der Lehre nehmen zu, aber erst sind Hürden zu meistern, betont Benteler: "Zunächst begegnen sich Ausbilder und Lehrkräfte mit vielen Vorurteilen.Strukturelle Hindernisse sind zu überwinden: Wie paßt das neue Konzept in den schulischen Stundenplan? Beide Seiten müssen sich darauf verlassen können, daß die Absprachen über Lerninhalte und Methoden eingehalten werden.Schließlich darf die Prüfung nicht mehr zentral vorgegeben werden."

Einfach ist das Umsteuern also nicht, zumal pädagogische Neuerungen ordnungspolitische Fragen aufwerfen: Wer kontrolliert, ob die Betriebe die Qualifizierungspläne einhalten? Welche Rolle spielt die Berufsschule bei einem betriebsnahen und tätigkeitsorientierten Konzept? Politisch hoch umstritten ist vor allem die Frage, ob die Modularisierung der Fachinhalte das deutsche Berufskonzept aushebelt, das eherne Prinzip also, nicht eine Vielfalt verschiedener Tätigkeiten zu erlernen, sondern ein Berufsbild aus einem Guß.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar