Zeitung Heute : Kunst des Erinnerns

PETER VON BECKER

Eine hocherfolgreiche Verlegenheitslösung / Über die Ausstellung "Topographie des Terrors", ihre Zukunft im neuen Haus und die Diskussion über das Holocaust-DenkmalVON PETER VON BECKERIn dieser mit Provisorien seit 1945 so reich geschlagenen Stadt war die Ausstellung "Topographie des Terrors" - heute vor zehn Jahren eröffnet - das vielleicht intelligenteste Provisorium.Eine hocherfolgreiche Verlegenheitslösung.Verlegenheit rührte hier schon daher: daß ein historischer Ort, an den erinnert werden sollte, zuvor dem Vergessen anheimgegeben worden war.Geschichtsblinde Applanierungssucht hatte in den fünfziger Jahren das teilweise zerbombte, doch als städtebauliches Ensemble durchaus noch vorhandene Prinz-Albrecht-Gelände in der Mitte Berlins in eine Brache verwandelt. "Tiefenttrümmerung", so nannte sich, was aus dem Quartier zwischen einstigem Prinz-Albrecht-Palais, zuletzt Heinrich Himmlers Amtssitz, und dem heutigen Martin-Gropius-Bau bis in die achtziger Jahre einen Bauschutt-Platz gemacht hatte.Geschichtssteppe.Erst seit 1987 erinnern eine ebenerdige Halle und ihr Souterrain mit nicht viel mehr als einer Sammlung von Foto-Schautafeln und klug informierenden Texten daran, daß hier, im Rücken des weggesprengten Gestapo-Hauptquartiers und des Reichssicherheitshauptamts, die Befehlszentrale jenes SS-Staats war, der Europa mit Rassenwahn, mit Folter, Deportationen und millionenfachem Mord überzog. Nun wird die kleine Halle abgebrochen und ein schlanker, lichter und dabei doch 90 Meter langer Museumsbau als symbolischer Gang durch ein Stück deutscher und europäischer Geschichte errichtet.Darin wird die "Stiftung Topographie des Terrors" ihr Haus haben; zudem soll sie dann auch das künftige, umstrittene Holocaust-Denkmal, so wünscht es Kultursenator Peter Radunski, "betreuen". Wer dieser Tage, vor Baubeginn, noch einmal das aufgerissene Prinz-Albrecht-Gelände durchstreift, gerät zwischen Schutthügeln und ausgedehnten Grabungen in den Kellersystemen einer Bürokratie des Bösen fast unvermeidlich ins Sinnieren: angesichts einer sonderbaren, trügerischen Archäologie.Der Ort gleicht nunmehr den zerstörten, verschütteten Stätten der Antike.Auch hier plötzlich zisternenähnliche Brunnenschächte, ein Geflecht von Grundrissen, viele Scherben, manchmal auch ausgebleichte (Tier-)Knochen.Das Potential der Erinnerung liegt jedoch nicht in den zufälligen Spuren im Erdreich; es ist, nach der Zerstörung des Authentischen, der offene Raum an historischer Stätte, der den zuvor informierten Beobachter ein Stück weit zum Ruinenbaumeister, zum imaginären Nach-Denker macht.Immer wieder wurde diese "offene Wunde" in dem einstigen "Karree des Todes" - so Günter Matthes 1987 im Tagesspiegel - als Faszination auch des Provisoriums zitiert und beschworen.Die Leer-Stelle als eine Lehr-Stelle. Der Gedanke richtet sich im konkreten Zusammenhang nicht gegen das gerühmte neue Museumsprojekt.Er reicht eher weiter und betrifft zum Beispiel die bisherigen Pläne des erwähnten Holocaust-Denkmals.Was immer ein solches Mahnmal bewirken könnte, es gilt der Erinnerung."Alle Erinnerung ist Gegenwart", sagt Novalis.Aber die Vergegenwärtigung, wenn sie Form gewinnen und öffentlich wirken soll, ist eine Kunst (und alle Kunst ist ein Stück Erinnerung).Auch ein Denkmal als abstraktes Symbol für einen Menschheitsschrecken, müßte dem Betrachter, um mehr als rituelle Reflexe hervorzurufen, einen eigenen imaginativen Freiraum öffnen.Daran fehlt es den zunächst preisgekrönten, auf monströse Überwältigung ausgelegten Entwürfen.Jenseits von Debatten über Standorte und mögliche Opferhierarchien wäre in dem augenblicklichen Moratorium, vor einem jetzt geplanten neuen, auf etwa zwei Dutzend Künstler beschränkten Ideenwettbewerb, endlich ein ästhetisches Nachdenken angesagt.Über die Kunst des Erinnerns.

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