Zeitung Heute : Kunst, die aus der Kälte kam

SANDRA LUZINA

Tanztruppe LABOR GR AS 888 im Theater am Halleschen UferSANDRA LUZINADer Traum von Arkadien ist längst ausgeträumt, nun locken die künstlichen Paradiese."Idyll" hat die Hamburger Tanzgruppe "Labor GR AS 888" ihre Produktion getauft.Den Vorstoß in unbekannte Bühnenwelten riskieren die Österreicherin Renate Graziadei, die bei der Frankfurter Truppe S.O.A.P.tanzte, und der Schweizer Arthur Stäldi, zuvor Solist des Bremer Tanztheaters und Mitbegründer von COAX.Präsentiert wird eine Choreographie aus Bewegung, Raum, Klang und Licht.Die menschliche Figur steht nicht mehr im Zentrum: die beiden Tänzer werden selten ausgeleuchtet, verharren im Dämmerlicht.Die Akteure sind nicht mehr in ein festes Koordinatensystem eingebunden, sie navigieren durch das Unbestimmte.So soll die koproduzierende Phantasie des Zuschauers stimuliert werden. Eine flackernde horizontale Linie erzeugt zu Beginn die Illusion einer unaufhörlichen Fortbewegung.Elektronische Klänge fräsen sich ins Ohr, rumoren an der Schwelle des Bewußtseins.Die Bewegungen wirken zunächst wie abgezirkelt, Abläufe werden zerlegt.Auch die Choreographie basiert auf kleinen Einheiten.Hier wird nichts entwickelt, ausformuliert.Den Kontrast zu den analytisch anmutenden Sequenzen bildet ein Kontinuum-Stil, wo die Bewegungen ineinanderfließen, Impulse durch den Körper wandern.Bisweilen fühlt man sich an Computeranimationen erinnert.Virtuelle Landschaften in Pastelltönen sausen vorbei, die symmetrisch gespiegelten Bilder scheinen im Mittelpunkt der Projektionsfläche regelrecht ineinanderzustürzen.Den Effekt räumlicher Desorientierung bewirkt manchmal auch der Tanz, ohne daß dies größere Irritationen erzeugen würde.Eine Sphäre jenseits aller Konflikte und Kollisionen wird hier betreten, ein rein formales Bewegungsspiel, das bisweilen suggestive Qualität erreicht, bisweilen auch in den Leerlauf abdriftet. Der zweite Teil zu percussiven Klängen bietet eine Reminiszenz an den Pas-de-deux.Doch die Begegnung der beiden gegensätzlichen Tänzer ist so absichts- wie folgenlos.Dies ist Kunst, die aus der Kälte kommt.Unaufgeregt, oft auch unangestrengt und doch nicht von aller Erdenschwere befreit.So könnte eine zukünftige Idylle aussehen.

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