Zeitung Heute : Kunst, Handwerk und Eßkultur

KATRIN BETTINA MÜLLER

Japanische Lackarbeiten im Berliner Museum für Ostasiatische KunstKATRIN BETTINA MÜLLERAuf runden, quadratischen oder aus verschobenen Rechtecken zusammengesetzten Grundrissen erheben sich kleine Türme.Zinngürtel und vorkragende Dächer gliedern die dunkelroten und schwarzen Flächen horizontal.Minimalistische Skulpturen von Donald Judd? Architekturmodelle für Hotels in Shanghai? Tatsächlich handelt es sich um Stapelkisten japanischer Lackmeister.Früher dienten sie dazu, Speisen zum Kirschblütenfest und der Mondschau im Herbst mitzunehmen.Heute servieren traditionelle Restaurants in Japan darin verschiedene Gänge. Diese Kisten haben es in sich.Umgedreht wird jede Etage zum Tisch für die mitgebrachten Schalen.Mit ihnen spart man Tisch, Eßzimmer, Geschirrschrank.Daneben erscheint unsere Einrichtungskultur schwer und raumverschlingend.Mit den Stapelkisten hat der Nutzer die Bestimmung des Raumes in der Hand.So steckt in ihnen ein Konzept von Beweglichkeit und Anschlußfähigkeit.Wohl deshalb haben die Lackmeister sie aus dem Speicher der Tradition in die Gegenwart überführt. Die Sonderausstellung "Nurimono - Japanische Lackarbeiten der Gegenwart" gilt zwölf Meistern, die sich gegen die Trennung von Kunst und Handwerk wehren.Ihre Schalen, Schüsseln und Sake-Kännchen setzen einen seit Jahrhunderten tradierten Formenkanon fort.Aber zwischen dem Plastikmüll der Fastfood-Läden und dem hochstilisierten Ritual der Teezeremonie hat sich ihre Bedeutung geändert."Schön ist für mich etwas", sagt Akagi Akito, "das lebt, und leben heißt, sich nicht abzutrennen, zusammenzuhängen, in Verbindung zu sein." Nichts erscheint isoliert in der Lackkunst, deren auch von verschiedenen Händen geschaffenen Schalen, Dosen und Tabletts in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Von Akito stammt ein rechteckiger Teller, eigentlich nur ein dunkelrotes Brett, das von einem schwarzen Rand mit Silberstaub eingerahmt ist.Noch reduzierter wirken die fünf dünnen Eßtabletts aus gespaltenen Brettern, deren spröde Oberfläche Takimura Hiromi rot übermalt hat.In einem anderen Museum würde man sie für konzeptuelle Malerei halten, deren Formate den menschlichen Maßstab vergegenwärtigen. Auch in Japan, berichtet Khanh Trinh, die neue Museumsassistentin in Dahlem, habe sich ein Kunsthandwerk durchgesetzt, das massenhaft produziert wird und mit virtuosen Dekoren auftrumpft.Es sei ein Schlachtfeld der konkurrierenden Begriffe Kunst und Handwerk.Die für die Ausstellung ausgewählten Künstler bilden eine Ausnahme; ihre Handschrift zeigt sich im Verzicht auf expressives Stilwollen.Dafür kommt der Eigensinn der natürlichen Materialien wieder zur Geltung.Oft scheint die Maserung des Holzes durch den härtenden Anstrich mit dem Saft des Lackbaums hindurch.In ihnen ist gegenwärtig, was in Europa immer Utopie blieb: eine elementare Gestaltung des Alltags als Kunst zu begreifen.Doch auch in Japan zahlen die Künstler dafür den Preis, daß ihre Arbeiten zu Luxusgütern werden: für den täglichen Gebrauch sind sie zu kostbar, während ihr symbolischer Wert steigt. Museum für Ostasiatische Kunst, Lansstr.8, bis 26.Oktober; Dienstag bis Freitag 9 - 17 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10 - 17 Uhr. 

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