Zeitung Heute : Kunst im Netz: Mit Pixel statt Pinsel

Tina Heidborn

Wer die Seiten von jodi.org besucht, kann sein blaues Wunder erleben. Mal erscheinen kryptische Zeichen und lassen vermuten, dass mit der Programmierung der Seiten etwas nicht in Ordnung ist, mal sieht man kreiselnde Bilder, die einen Komplett-Absturz des Computers suggerieren. Doch das soll so sein. Die Arbeiten des niederländischen Künstlerduos Jodi mit dem Hacker-Gestus gehören zu den Klassikern der noch jungen Netzkunst. Sie waren zum Beispiel dabei, als die zeitgenössische Kunstschau documenta 1997 erstmals eine eigene Rubrik Netzarbeiten einführte.

Kunst im Netz gibt es, seit es das Netz gibt: Seit Mitte der 90er Jahre entdeckten immer mehr Künstler im WWW. Doch die Euphorie klingt gerade ab. Künstler diskutieren in Mailing-Listen das Ende der Netzkunst, und auch das Internet-Organ "Telepolis" meldet, die Epoche der "Webkunst" sei zu Ende.

Ganz so pessimistisch sieht es der Kunsthistoriker Rudolf Frieling vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe nicht. "Es hat eine Phase der Ernüchterung eingesetzt. Das ist eine ganz normale Entwicklung", sagt er. Auch wenn der unwissende User eher zufällig im Netz über Kunst stolpert, haben Netzarbeiten inzwischen die Museen erreicht. Mit der Ausstellung "net-condition" im ZKM gab es Ende 1999 die erste große Netzkunstwerke-Schau in Deutschland, und 1997 rief die Hamburger Kunsthalle gemeinsam mit "Spiegel-Online" einen Internet-Kunstwettbewerb aus - ein Klassiker, der inzwischen zum Kunstkanon gehört.

Das lag sicherlich nicht zuletzt am Beitrag von Cornelia Sollfrank: Sie schrieb ein Programm, das willkürlich HTML-Seiten im Netz sammelt und neu zusammenstellt. Sollfrank versah die Zufallskunstprodukte mit ausgedachten E-mail-Adressen und Frauennamen und generierte so 288 virtuelle Künstlerinnen. Die Wettbewerbsmacher freuten sich über die hohe weibliche Beteiligung und waren blamiert, als Sollfrank ihren Coup hinterher aufdeckte. Mit der Undurchschaubarkeit von Netzangeboten spielten auch die Preisträger des Wettbewerbs, Micz Flor und Florian Clausz. Sie hatten in ihrem Cyber-Tattoo-Studio einen Bauplan für eine krude Maschine offeriert, mit deren Hilfe man sich Motive aus dem Netz direkt auf die Haut drucken lassen konnte. Dass diese Arbeiten immer noch im Netz zu sehen sind, ist dem zunehmenden Drang zur Dokumentation zu verdanken. Die Hamburger Kunsthalle hat Informationen zum Wettbewerb und die Werke online gestellt (www.hamburger-kunsthalle.de), das ZKM baut derzeit zusammen mit dem Goethe-Institut ein Medienkunstnetz auf, in dem ausgewählte Netzarbeiten online archiviert werden ( www.medienkunstnetz.de ). Die Seite der documenta x wurde zwar offiziell abgeschaltet, der slowenische Künstler Vuk Cosic hatte sie aber kurzerhand kopiert. Kopien von privaten Künstlerseiten, wie sie die italienische Gruppe mit dem originellen Namen 0100101110101101.org betreibt, sind in der Szene umstritten. Doch in gewisser Weise ist das symptomatisch, zumal um die Klärung von Urheberrechten vielfach noch gestritten wird.

Wie man im Internet mit Kunst Geld verdienen soll, bleibt jedoch ein Rätsel. "Ökonomische Strukturen haben sich nicht etabliert", sagt Rudolf Frieling. Obwohl er die Aufgabe von Museen auch im Ankauf von Internet-Arbeiten sieht, muss er zugeben, dass selbst das staatlich geförderte ZKM für Ankäufe von Netzkunst kein Geld hat.

Auch wenn es mit dem Kommerz im Kunstbetrieb noch nicht klappt: Netzkunst ist inzwischen nicht mehr nur ein Spiel unter Eingeweihten, die sich auf immer zahlreicher werdenden Festivals bis hin ins russische Sankt Petersburg treffen. Es sind spezielle Suchmaschinen und Linklisten für Netzkunst entstanden: zum Beispiel das Projekt "verybusy.org" der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo man sogar nach künstlerischen Fehlermeldungen suchen kann.

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