Zeitung Heute : Kunst ist wie Kochen

SANDRA LUZINA

Saburo Teshigawara, japanischer ChoreographVON SANDRA LUZINAWie keinen anderen zeitgenössischen Choreographen umgibt Saburo Teshigawara ein Nimbus.Der "Pierrot lunaire" aus Tokio, der für eine seltene ästhetische Radikalität steht, gastiert mit seiner Gruppe Karas zum ersten Mal in Berlin; gleich mit zwei Produktionen ist er beim "Tanz im August" vertreten. Eine entrückte Figur, die gleichsam aus einer anderen Sphäre auf die Bühne tritt, dem Tanz eine andere Dimension erobert - so war der zierliche Japaner in der Produktion "I was real - Documents" zu erleben.Wenn das Wort von der ästhetischen Distanz seine Gültigkeit hat, dann bei Saburo Teshigawara."Ich möchte sehr fern rücken, ich brauche die Distanz", erklärt der Kult-Choreograph, der sich im Gespräch als erstaunlich zugänglich und auskunftsfreudig erweist."Wenn wir über uns nachdenken, sind wir zu nahe an uns selbst, wir wiegen uns in falscher Sicherheit." Wer sich einem Stück des Japaners aussetzt, der sieht sich aller Gewißheiten und Verläßlichkeiten beraubt, seine Arbeiten bieten keinen festen Orientierungsrahmen mehr."Wir leben in Umgebungen, die sich ständig verändern" - das ist die Grundannahme, auf der alle seine Produktionen basieren.Seine Arbeiten gleichen so Vorstößen ins Unbekannte und Ungewisse, sie evozieren immer auch ein Gefühl des Unwirklichen, das Gegenteil aller Bühnen-Illusion."Natürlich sind wir sichtbar als Tänzer, aber es gibt unsichtbare Dinge, die uns umgeben oder in uns existieren." Das Bewußtsein und die Sinne zu schärfen für das, was sich der Wahrnehmung scheinbar entzieht, ist die erklärte Absicht des Choreographen.Wenn der ehemalige Maler und Bildhauer über seine Produktionen redet, dann ist er mal anschaulich und konkret, mal senkt sich ein Nebel aus philosophischen Begriffen über das Bühnengeschehen. Bald drängt sich der Eindruck auf: der Körper wird hier zur Bühne, wo sich ein geheimnisvoller Austausch zwischen innen und außen, zwischen Materiellem und Immateriellem ereignet.Seine Choreographien bezeichnet Saburo Teshigawara gern als einen Tanz der Luft.Es sei ja kein leerer Raum, sondern Luft, die den Akteur umgebe, erklärt er und berichtet von einem ungewöhnlichen Projekt, das zu einer einschneidenden Erfahrung werden sollte.1985 ließ er sich während einer Performance bis zum Hals in Erde eingraben.Heftiger Regen verstärkte noch den Druck, den die Erde auf den Körper ausübte.Als er nach acht Stunden aus dem feuchten Grab befreit wurde, spürte er mit nie gekannter Intensität, wie die Luft seinen Körper trägt und durchdringt."Es war ein sehr schmerzhaftes Erlebnis", erzählt Saburo Teshigawara, doch für ihn habe sich dadurch alles verändert, für seine Arbeit habe er dadurch entscheidende Impulse empfangen. Eine Vorliebe für Extreme verraten alle seine Stücke.Die Körper agieren unter ungewöhnlichen, oft erschwerten Bedingungen.In dem Stück "White clouds under the heels" bewegten die Tänzer sich auf einem Grund aus zerbrochenen Glas.Doch es ist nicht die pure Lust am Risiko, das Spiel mit der Gefahr, die den Choreographen reizt.Das Glas sei ihm wie Wasser vorgekommen, sagt Saburo Teshigawara.Das zerbrechliche Material erfordere einen behutsamen Umgang, letztlich resultiere daraus eine Balance und Harmonie.Er überlegt kurz - ja, Harmonie sei das richtige Wort.Mit Teshigawara ist eine neue Sensitivität in den Bühnentanz eingekehrt.Der bewegte Körper sei für ihn nicht nur Zeichen und Figur, ihm gehe es vornehmlich um einen Tanz der Qualitäten.So hermetisch die Produktionen auch anmuten - dies teilt sich dem Zuschauer unmittelbar mit.Vor allem die Soloauftritte Saburo Teshigawaras, der ein ebenso exzellenter wie eigenwilliger Tänzer ist, öffnen die Augen, sie stimulieren aber auch ein nicht nur visuelles Erfassen: der Körper scheint sich in seinem Volumen und seiner Konsistenz ständig zu verändern, der Betrachter entwickelt ein starkes Empfinden für sinnliche Qualitäten wie hart und weich, flüssig und fest, leicht und schwer.Dabei denkt der japanische Choreograph nicht in starren Oppositionen; vielmehr werden die Gegensätze hier wiederum verflüssigt und aufgelöst.Fließen, strömen, schmelzen sind überhaupt die Lieblingsvokabeln Teshigawaras, mit denen er nicht nur bestimmte Bewegungsqualitäten, sondern auch den künstlerischen Schaffensprozeß als ganzes beschreibt.Oder - ein schöner Vergleich - Kunst sei manchmal wie Kochen. Als Neuerer des Tanzes wird Saburo Teshigawara in einem Atemzug mit William Forsythe oder Jan Fabre genannt, doch möchte er nicht eigentlich etwas Neues schaffen.Unschuld, Reinheit, Aufrichtigkeit - mit solch starken Begriffen charakterisiert er seine künstlerische Haltung.Ihm gehe es um die unverbrauchte Erfahrung, den neugierig-staunenden Blick."Ich möchte frische Dinge sehen, fühlen und berühren."

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