Zeitung Heute : Kunst kaufen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

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Zwölf Jahre ging ein Freund von mir zur Schule, danach drei Jahre zur Armee. Anschließend ein Jahr Praktikum. Er hatte einen Traum: Er wollte Maler werden. Kurse an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, Studium der Kunstgeschichte, kleine Ausstellungen, Verkauf von Bildern an Freunde.

Irgendwann erkannte der Freund allerdings, dass er von seiner Malerei allein nicht leben kann. Er studierte Spanisch, und mit dieser neuen Kombination wurde er Reiseleiter auf Kuba. Mehr als 200 Tage im Jahr ist er unterwegs, den Rest der Zeit malt er seine Erinnerungen in Öl. An den Wänden seiner Wohnung hängen der Malecón, die Prachtpromenade Havannas, kubanische Sänger und Landschaften der Insel. Manchmal wünscht sich der Freund, er könne ein Jahr aussetzen, um wieder mehr zu malen. Die bildende Kunst ist aber nur Passion, nicht Profession.

Tatsächlich können nicht allzu viele Künstler ihr Geld allein mit der Kunst verdienen. So baut ein Bildhauer zum Broterwerb Modelle für Schiffsfirmen. Eine in der DDR sehr bekannte Malerin arbeitet jetzt als Arzthelferin, und ein anderer Maler bekommt seit ein paar Jahren Sozialhilfe. Nicht alle können mal ein Werk verkaufen, viele können ihre Kunst nicht einmal ausstellen. Wenn doch, dann nur mit viel Glück und Geduld.

In der Galerie Leo.Coppi in Mitte zum Beispiel werden derzeit die Arbeiten von drei Malerinnen gezeigt, die jung und zum Teil kaum bekannt sind. Uta Jeran, Ulrike Hahn und Anja Sei sind Anfang bis Mitte dreißig und wohnen alle in dieser Stadt. Die Chance, ihre Bilder zu präsentieren, haben sie dem speziellen Konzept der Galerie Leo.Coppi zu verdanken, der Mischung von erfolgreichen und weniger bekannten Künstlern. Das heißt: Verkauft die Galerie Werke von bekannteren Leuten wie Harald Metzkes, Arno Mohr oder Werner Stötzer, ist auch Geld da für die Jungen. Nicht immer geht das Konzept auf, für die Galerie bleibt ein Risiko. Doch bietet das Konzept die Option, den unbekannteren Künstlern ein Forum einzuräumen und sich mit jungen Blicken auseinanderzusetzen.

Die Ölbilder von Ulrike Hahn zeigen Ansichten von Berlin, den Alexanderplatz zum Beispiel, das Kottbusser Tor und die Nationalgalerie, die Acrylarbeiten von Uta Jeran bilden Stilleben und Landschaften ab, und die pastellfarbenen Porträts von Anja Sei muten an wie Grafiken, die am Computer entstanden sind.

Lange haben die drei Künstlerinnen auf die Ausstellung gewartet. Über Jahre hinweg haben sie die Galerie über ihr Schaffen informiert und Fotos geschickt. Sie haben sich der Malerei verschrieben. Der Freund von mir hingegen ist weiterhin hin- und hergerissen – zwischen seinem Traum und Kuba, der Insel, auf der er Geld verdient.

Katja Hübner

Junge Malerinnen in Mitte: Ulrike Hahn, Anja Sei, Uta Jeran. Noch bis zum 9. November 2002, Galerie Leo.Coppi, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, 10178 Berlin-Mitte, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13 bis 18. 30 Uhr, Samstag 12 bis 18 Uhr, Telefon: 030/ 283 53 31, www.galerie-leo-coppi.de

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