Zeitung Heute : Kunst kaufen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man könnte ja auch was ganz anderes machen. Auf einen Berg steigen zum Beispiel, bisschen meditieren, bisschen schlafen, bisschen trainieren und zum Essen ab und zu hinuntersteigen. So lange man damit kein Geld verdienen kann, macht S.M.R. Motamedi noch in Kunst. Selbst stellt er welche her (Bilder vor allem, weil Installationen nicht gut laufen), verkauft sie, und von anderen hergestellte Kunst verkauft er auch (z.B. Installationen, obwohl die nicht so gut laufen).

„Kunst ab fünf Euro“, heißt S.M.R.Motamedis Konzept, denn die Zeiten haben sich gewandelt. Vor ein paar Jahren kam es vor, dass eine Frau, die mit seinen rosaroten Fleischbildern nicht viel anfangen konnte, trotzdem 15000 Mark für ein Bild bezahlte. Wie sie den Eindruck gewonnen hat, dass es sich um Kunst handele, für die man 15000 Mark ausgeben sollte, weiß der Künstler nicht, er war eben irgendwie angesagt. S.M.R.Motamedi hat auch Kunstaktionen mit Fäkalien und mit toten Karpfen gemacht, und ist dafür bezahlt worden. In der Stadtsparkasse Wuppertal hat er unterm Motto „Hauptsache Ich“ Angestellten und Kunden schwarze Bärte angemalt, weil er damals selbst einen trug, hat sie so auf das Problem der Selbstbezogenheit hingewiesen, und hat auch dafür Geld bekommen. Von der Stadtsparkasse Wuppertal.

Das ist jetzt alles ein bisschen anders, denn selbst Leute, die Bärte an Sparkassenkunden malen und Fäkalperformances vorführen, sind konjunkturabhängig. Im Augenblick läuft’s mit der Konjunktur nicht so, und deshalb läuft alles über den Preis. Je billiger desto besser. „Kunst ab fünf Euro“ also.

Bei S.M.R.Motamedi kosten tendenziell die kleinen Bilder weniger als die großen. Das Bild „Anfang und Ende einer Beziehung“ gehört zu den größeren und kostet 450 Euro. Darauf ist ein Paar zu sehen, das sich paart, Mann unten, Frau oben. Wenn jemand das nicht erkennt, dreht S.M.R.Motamedi das Bild auch gern um. Dann sieht man’s besser.

S.M.R.Motamedi kommt aus dem Iran, hat dort im Krieg Furchtbares erlebt, dann in Deutschland Kunst studiert und ist sich sicher, dass die Menschen Abschaum sind, auch er selbst, logisch. Jetzt hat er einen Laden angemietet, in dem es früher alte Fernseher gab, in dem verkauft er nachmittags die Kunst. Vormittags trainiert er Karate. Eigentlich würde er lieber auf einem Berg sitzen und nichts tun. Wenn es langweilig wird, kann man ja ein bisschen trainieren oder meditieren, sagt er. Kunst braucht er nicht mehr.

S.M.R.Motamedi ist, wie es aussieht, ein sehr ehrlicher Künstler, er ist im Augenblick sehr günstig, und vor seinem Laden steht keine lange Schlange. Bevor man ins „MoMA“ geht, sollte man mal bei ihm vorbeischauen. Denn, wer weiß, vielleicht läuft das mit der Konjunktur bald wieder besser und Motamedi bekommt von reichen Damen und Stadtsparkassen so viel Geld, dass er endlich auf einen Berg verschwinden kann. Das „MoMA“ wird es immer geben, und sei es in New York.

Kaufen Sie Kunst ab fünf Euro! Am besten Installationen, denn die laufen nicht so gut. Lustig ist der „Chinesische Zuhälter im Bordell“ aus Watte für 55 Euro. „Fachbereich 1“, Danziger Straße 31, Prenzlauer Berg, täglich 14-22 Uhr, www.fachbereich1.tk.

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