Zeitung Heute : Kunst

Nicola Kuhn

Kunst und Harz – das geht schon sehr lange gut zusammen. Bereits im 16. Jahrhundert versiegelten die Maler ihre Kunstwerke mit einer hauchfeinen Schicht aus Dammar oder Mastix, um die extrem empfindlichen Farben vor Licht und auch Feuchtigkeit zu schützen und sie so für die Nachwelt zu erhalten. Allerdings wird auch diese Schutzhaut irgendwann einmal spröde und dunkelt nach, allerspätestens ein Jahrhundert nach der Versiegelung.

Dann schlägt die Stunde der Restauratoren, die seit den 50er-Jahren das Kunstharz in ihrem Repertoire haben, um den Firnis eines Gemäldes zu erneuern. Während man in den angelsächsischen Ländern auf diese Methode schwört, bekommen deutsche Restauratoren bei dem Stichwort Kunstharz Gänsehaut. In seiner Wirkung ist er nämlich häufig gläsern und lässt die Bilder unschön glänzen, während Naturharz die Farben dagegen wärmer erscheinen lässt. Deshalb gilt die Kunstharz-Anwendung bei alten Meistern zumindest hier zu Lande als Tabu.

Umso glorioser siegt das Kunstharz dafür im zeitgenössischen Bereich. Pop-Art und Minimal-Art wären ohne diesen Werkstoff nicht zu denken. Die so genannten Alkyd-Harze bilden die Grundlage der Acryl- und Lackfarben, die seit den 60er-Jahren auch in den Ateliers zum Einsatz kommen, wo die Künstler ganz bewusst mit alltäglichen Materialien arbeiteten. Solo-Auftritte sollte das Kunstharz bislang allerdings nur selten haben. Eines der schönsten Beispiele befindet sich in Berlin in der Neuen Nationalgalerie. Es handelt sich um ein Werk des französischen Objektkünstlers Arman. In einem Rahmen versenkte er gut hundert Kaffeelöffel in einer tiefen Schicht aus durchsichtigem Kunstharz. Die 1962 entstandene Arbeit des Objektkünstlers (siehe Bild) trägt den bezeichnenden Titel „Ein Löffel für Mama, ein Löffel für Papa.“

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