Zeitung Heute : Kunstbegeisterte Testpersonen gesucht

Wie macht man Tee mit einer Hand? Kommt mein Film an? Der Rundgang ist ein Versuchsgelände für Studenten und ihre Werke

Regina Lechner,Cara Wuchold

Eigentlich sollte der Bart ja nun ab. Schon über ein Jahr hat sich Oskar Offermann nicht mehr rasiert – und angekündigt, erst wieder seine glatten Wangen zu zeigen, wenn sein Abschlussfilm fertig ist. Die Absolventenprüfung liegt nun über eine Woche zurück und seine Zeit an der Universität der Künste Berlin ist vorbei. Doch der Bart bleibt dran. „Ich hab mich daran gewöhnt. Er ist ein bisschen mein Markenzeichen geworden“, so der junge Filmemacher.

Nachdem der Student des Fachs „Kunst und Medien“ mit seinen beiden Filmen vor einer Kommission aus Professoren bestanden hat, steht nun ein weiterer wichtiger Test an: die Prüfung seiner Arbeit durch die Öffentlichkeit. Denn wenn vom 16. bis zum 18. Juli 2010 die Universität der Künste Berlin die Öffentlichkeit zum Rundgang einlädt, wird auch Oskar Offermann zum ersten Mal seine Filme „Asphalt“ und „Disorder“ der Allgemeinheit präsentieren.

Für ihn und viele andere junge Künstler ist der alljährliche Rundgang eine Art Versuchsgelände: An diesen drei Tagen können sie ausprobieren, wie ihre Werke auf das Publikum wirken. Denn dann haben nicht nur Studierende und Lehrende Zugang zu den Ateliers, Studios, Werkstätten und Probebühnen der UdK Berlin, sondern vielmehr ist alles darauf ausgerichtet, Kunstbegeisterten einen Blick hinter die Kulissen einer der größten und vielseitigsten künstlerischen Ausbildungsstätten Europas zu gewähren.

Oskar Offermanns Studiengang „Kunst und Medien“ ist im Medienhaus der UdK Berlin beheimatet. Sein Film „Asphalt“ handelt von einem Obdachlosen, der resozialisiert werden soll und daran scheitert – eine aufwändige Produktion mit Kameramann, Crew und sieben Darstellern, für die Offermann selbst das Buch geschrieben hat, auch Regie und Schnitt übernahm er selbst. „Disorder“ dagegen entstand als Ein-Mann-Projekt – nur er und die Kamera, bei sich zu Hause: Darin spielt Oskar einen jungen Mann, der über Essen versucht sich seiner verflossenen Liebe zu nähern. Bei der Premiere auf dem Rundgang werden Oskars Kommilitonen und Freunde, filminteressierte Besucher, aber auch Leute aus der Filmbranche im Kinosaal des Medienhauses sitzen. Im Anschluss an die Vorführung muss sich der Filmemacher dem Publikum stellen. „Das ist eine Herausforderung, aber ich sehe es auch als große Chance“, so Oskar. Denn nicht selten passiert es, dass Organisatoren von Festivals die Filme der Absolventen für ihr Programm auswählen. „Das ist jetzt erst einmal ein Test für mich, wie die Filme ankommen.“ Je nachdem, wie das Publikum seine Filme annimmt, will Oskar Offermann die eine oder andere Stelle noch einmal überarbeiten.

Auch für die Produktdesignerin Lisa Keller ist der Rundgang ein Test. Sie hat darüber nachgedacht, wie man mit nur einer Hand Tee zubereiten kann. Ihre Teepackung hat einen Verschluss aus Federstahl, der sich auf leichten Fingerdruck hin öffnen lässt und von selbst wieder schließt. „Kochen mit links“ heißt das Gestaltungsprojekt, bei dem Lisa und ihre Kommilitonen von der Fakultät Industrial Design Gebrauchsgegenstände entwickelt haben, die sich einhändig bedienen lassen: für körperlich beeinträchtigte Menschen oder Eltern, die beim Kochen ihr Kind auf dem Arm tragen.

Am Anfang der Recherche veranstalteten die Studenten ein Kochevent, bei dem die einen mit nur einer Hand kochten und die anderen genau zuguckten, was ihnen dabei Probleme bereitete. „Ich beobachte dann beim Rundgang, wie die Leute mit meinem Produkt umgehen. Ob es verständlich ist und ob sie Spaß daran finden, es auszuprobieren“, sagt Lisa Keller. Wer Lisa Keller auf dem Rundgang eine Freude machen möchte, der probiert ihre Tee-Produkte einfach aus. Sie macht sich wahrscheinlich heimlich Notizen, um weiter an der Gestaltung zu feilen.

„Ein Schiff für die Mode“ hat sich Simon Stahnke zusammen mit zwei Mitstudenten in einem Seminar zur Tragwerkslehre ausgedacht. Aufgabe war die Konzeption eines schwimmenden Veranstaltungsraums in einem Lastkahn, der auf den Wasserstraßen in und um Berlin eingesetzt werden kann. 65 Meter lang und nur sieben Meter breit ist das Original; nicht gerade Maße, die man sich für einen Veranstaltungsort wünscht. Die längliche Form des Ortes brachte die Studenten auf die Idee, einen Laufsteg ins Zentrum des Schiffsbauches zu stellen. Rechts und links davon sowie auf der Treppe, die zum Eingang führt, finden 300 Zuschauer Platz.

Um herauszufinden, wie ein perfekter Ort für eine Modenschau aussehen soll, hat sich Simon Stahnke mit einer Modedesignerin getroffen. „Wichtig sind vor allem Atmosphäre und Licht. Am besten eignen sich ganz dunkle Räume, die rein künstlich ausgeleuchtet werden, oder solche mit Lichteinfällen, die an sich schon schöne Effekte erzielen“, hat Stahnke erfahren. Deshalb haben sie sich für das Modeschiff eine verstellbare Dachkonstruktion ausgedacht, mit der verschiedene Lichtstimmungen erzeugt werden können.

Den Umgang mit Räumen sieht auch Johannes Vogl als größte Herausforderung beim Rundgang an. Die Meisterschülerausstellung der bildenden Künstler findet traditionell im Foyer der Hardenbergstraße 33 statt. Eine Säulenhalle, die für Künstler nicht leicht zu bespielen ist, zumal die einzelnen Werke sich sehr dicht aneinander drängen. Johannes Vogl, frisch gebackener Meisterschüler der Klasse Möbus, zeigt darum eine Installation, die sich sehr deutlich von ihrer Umgebung abgrenzt. Ein vier Meter hohes pechschwarzes Pfadfinderzelt beherbergt mehrere seiner Arbeiten, die dem Besucher aus dem Inneren entgegenleuchten. Die innere Zeltwand nutzt Johannes Vogl als Projektionsfläche für seine Videoarbeit „Irrlicht“, die einen selbst gebauten Leuchtturm zur blauen Stunde am Strand zeigt. Dazu bewegt sich ein Lichtpunkt wie der Vollmond am Horizont. Über allem glitzert ein Sternenhimmel, optisch erzeugt durch Muttern an langsam rotierenden Gewindestangen, die das Licht der Leuchtröhren am Boden reflektieren.

Als Kontrast zu dieser sphärischen Idylle hat Johannes Vogl die Klanginstallation „Autobahn“ entwickelt, eine Collage aus Verkehrsmeldungen. Ein Nachrichtensprecher zählt 44 lange Minuten alle Gegenstände auf, die in den vergangenen zehn Jahren auf deutschen Autobahnen lagen. „Ich wollte die Illusion erzeugen, dass jemand in diesem Zelt wohnt, der sich gegen die Außenwelt abschottet. Das Radio ist seine Verbindung nach draußen, doch er hört immer nur von Gefahr und wird paranoid“, erklärt Johannes Vogl die Idee zu seinem Konzept.

Sein Pfadfinderzelt, das keinen Namen hat, hat er auch schon bei der Art Cologne ausgestellt. Er arbeitet mit einer Galerie in Wien zusammen, die ihm häufig Ausstellungen vermittelt. Doch seine Installationen sind oftmals sperrig, was es schwieriger macht, Käufer zu finden. „Da haben es die Maler schon leichter“, so Johannes Vogl. Zum Rundgang wird er das letzte Mal in der Universität ausstellen. Wie es nach dem Abschluss weiter geht? „Jetzt muss man langsam erwachsen werden“, schmunzelt der Künstler.

Der Rundgang findet in fast allen Gebäuden der Universität der Künste Berlin statt, der Eintritt ist frei. Das detaillierte Rundgang-Programm befindet sich unter www.udk-berlin.de oder kann unter rundgang@udk-berlin.de bestellt werden.

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