Zeitung Heute : Kunstgeschichte auf der silbernen Scheibe

RONALD BERG

Der Saur Verlag hat wichtige Künstlerlexika digitalisiert VON RONALD BERG

Der Vorteil eines Lexikons auf CD-ROM liegt auf der Hand: Im Unterschied zu den gedruckten 36 Bänden des Thieme-Becker Künstlerlexikons (1907-50) und den sechs Bänden des sogenannten Vollmer (1953-1962), die zusammen auf einem etwa drei Meter langen Regal Platz hätten, wiegt das "Allgemeine Künstlerlexikon Internationale Künstlerdatenbank (AKL)" aus dem Saur Verlag nur wenige Gramm.Dabei vereinigt die CD nicht nur die Bestände dieser beiden alten Lexika, sondern aktualisiert sie auch bis in die Gegenwart hinein. Der nach seinen beiden Herausgebern benannte Thieme-Becker erfaßt diejenigen Künstler, die bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts geboren wurden, die in der DDR von Hans Vollmer erarbeitete Ergänzung beginnt mit Personen, die in etwa nach 1870 gelebt haben und reicht bis in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts hinein.Zusammen sind diese Bücher wohl das umfangreichste und wichtigste Künstlerlexikon, das es gibt.Maler, Graphiker, Bildhauer und Architekten aus aller Welt von der Antike bis zur Gegenwart haben darin Aufnahme gefunden.Schon beim ersten Band des Thieme-Becker von 1907 hieß es zur Vollständigkeit des Werkes, "daß über sie hinaus für die Wissenschaft und das Leben nichts Nennenswertes mehr zu erjagen sein wird." Die CD-ROM Ausgabe des AKL bietet allerdings nur die Strukturdaten der alten Buchausgabe.So sind zwar 270 000 Künstler auf der Silberscheibe erfaßt worden, in der Regel mit Namen, Beruf und geographischem Nachweis (wie böhmischer Glasbläser oder japanischer Kalligraph) sowie den Lebensdaten und dem Verweis auf die Seitenzahl im Thieme-Becker oder im Vollmer.Volltext-Artikel aber, inklusive Biographie, Werken, Ausstellungen, Selbstzeugnissen und Bibliographie, wie man sie von einem Lexikon erwartet, gibt es nur zu den bisher erschienenen ersten 12 Druckbänden des Allgemeinen Künstlerlexikons.Wer solche Informationen auf der CD-ROM sucht, gelangt gerade einmal bis zum Buchstaben B - Bilder oder gar Animationen, Klänge oder die bei einem Lexikon sich anbietenden Hyperlinks fehlen völlig. Überdies braucht der Nutzer einige Zeit, um sich im Maskenmodus und Expertenmodus oder bei der Indexsuche auf der CD zurecht zu finden.Hat er das umfangreiche Handbuch durchgearbeitet, ist er in der Lage eine Art Rasterfahnung durchzuführen.Beispiel: Ort=Berlin + Geschlecht=Weiblich + Beruf=Fotograf - Heraus kommt: "Ellen Auerbach (geb.Rosenberg), dt.Fotografin, Kunstpädagogin, *20.5.1906 Karlsruhe, lebt in New York".Glücklicherweise beginnt der Name mit dem Buchstaben A und der Nutzer bekommt nicht nur eine kleine Bibliographie mitgeliefert, sondern erfährt auch von der Bekanntschaft der Künstlerin mit dem Bauhausfotografen Walter Peterhans.Dieser fehlt allerdings im AKL.Ob Peterhans irgendwann einmal ein eigener Artikel zuteil wird, ist auch fraglich, weil das AKL auf die Fotografie als eigenständige künstlerische Gattung verzichtet.Das aber ist ein Anachronismus. So hat man mit der AKL-CD zwar den Vorteil einer Datenbank mit gezielten Suchfunktionen, sofern man über einen IBM kompatiblen Rechner (386er oder höher und 4 MB RAM) verfügt.Aber, was was nützt die kleine Scheibe, die horrende 2400 Mark kostet, wenn derjenige, der Näheres zu einem Künstler erfahren möchte, schließlich doch in den Bänden nachschlagen muß, weil die gesuchte Person im Alphabet unglücklicherweise weiter hinten steht?

Fazit: Die CD ist eine Brücke zum Buch, ein Suchwerkzeug für Experten, aber - so unvollständig wie sie bisher ist - kein vollwertiges Lexikon.Allgemeines Künstlerlexikon Internationale Künstlerdatenbank, 3.CD-ROM-Ausgabe, K.G.Saur, 1996, 2400 DM Bestellung online bei der

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