Zeitung Heute : Kunstwerke aus Bits und Bytes

TILMAN BAUMGÄRTEL

Die russische Künstlerin Olia Lialina hat im Internet die erste Verkaufsgalerie für Netzkunst aufgemacht: "Art.Teleportacia", heißt das Angebot - die Sammler müssen freilich erst auf den Geschmack gebracht werden.Einer der wenigen Künstlern aus Rußland, deren Arbeiten im Ausland schon Beachtung finden, ist Alexei Shulgin.Er wurde mit Kunstpreisen bedacht, war als Stipendiat im Künstlerhaus Bethanien in Berlin und bei anderen Kunstinstitutionen im Ausland zu Gast.Kunstmagazine in den USA und Europa berichten über seine Arbeit.Doch im Sommer stand Shulgin plötzlich ohne Werk da.Alle Arbeiten, die er seit 1994 geschaffen hatte, waren verschwunden.

Shulgins "Fehler": er arbeitet nicht mit Ölfarbe und Leinwand, sondern im Internet.In dem noch jungen Genre gehört er zu den profiliertesten Machern.Für seine Arbeiten hat er sich einen eigenen Server mit der Adresse www.easylife.org im WorldWideWeb (WWW) eingerichtet.Seine Kunst-Daten liegen nun auf dem Computer eines amerikanischen Unternehmens, auf den Shulgin über das Internet von Moskau aus zugreifen kann.Denn als der Russe vor drei Monaten die Rechnung für seine Site im WWW nicht mehr bezahlen konnte, nahm der Provider Shulgins "Easylife" einfach vom Netz.Wer in seinen Browser die Adresse eingab, bekam nur noch eine Fehlermeldung.

Die Künstler, die in den letzten fünf Jahren begonnen haben, im Internet zu arbeiten, stehen vor einer paradoxen Situation: im Gegensatz zu Kollegen, die im besten Fall vom Verkauf ihrer Werke leben können, müssen sie oft sogar noch dafür bezahlen, daß ihre Arbeiten zu sehen sind.Die Moskauerin Olia Lialina will das nun ändern: sie hat mit "Art.Teleportacia" ( art.teleportacia.org ) die erste Galerie eröffnet, bei der man Netzkunst kaufen kann - und das nur online im Internet.Mit Arbeiten von Heath Bunting, Jodi, Alexei Shulgin, Vuk Cosic und sich selbst startete im vergangenen Monat die erste Ausstellung.Für 1000 Dollar aufwärts warten sämtliche Werke auf zahlungskräftige Käufer.

Doch wie verkauft man ein Kunstwerk, das nur aus Bits und Bytes besteht und von jedem Internetsurfer mit ein paar Mouse-Klicks beliebig oft auf den eigenen Computerkopiert werden kann? Lialina will dem Käufer ein Zertifikat anbieten, das ihm bestätigt, der rechtmäßige Besitzer des Kunstwerks zu sein.Dann ist es ihm überlassen, ob er die Arbeit an ihrer ursprünglichen Stelle beläßt oder auf seinen eigenen Internetcomputer kopiert und dort "ausstellt".

Mit "Art.Teleportacia" verstößt Lialina indes gegen eines der geheiligten Gesetze der Netzkunst.Der ersten Generation von Künstlern, die online arbeiteten, erschien bei dem neuen Medium gerade die Aussicht verlockend, die Institutionen des Kunstbetriebs - Museum, Galerie, Kurator - zu umgehen.Schließlich kann jeder Künstler seine Arbeiten direkt ins Internet stellen.

In der Netzkunstszene mußte sich "Art.Teleportacia" denn auch einige Kritik gefallen lassen.Viele - wie der New Yorker Künstler Jordan Crandall, der bei der letzten Documenta mit einer Internetinstallation vertreten war - finden die Preise zu hoch."Besser wäre es, wenn man mit niedrigen Preisen junge Sammler gewinnen würde, die die Arbeiten auch verstehen und vielleicht sowieso schon Teil der Netzgemeinschaft sind", sagt der Künstler.Doch auf Dumpingpreise will sich Lialina nicht einlassen.

Daß die Netzkünstler die Vermarktung ihrer Arbeiten bisher selbst in die Hand genommen haben, liegt auch daran, daß der Kunstbetrieb in Europa die Entwicklung bisher komplett verschlafen hat.Ganz anders in den USA: Das Guggenheim Museum etwa hat die Künstlerin Shu Lea Cheang mit der Realisation eines Netzkunstprojekts namens "Brandon" (brandon.guggenheim.org) beauftragt.Ende des Jahres will das renommierte Museum eine eigene Galerie für Computer- und Netzkunst eröffnen.Auch die New Yorker Dia Art Foundation (www.diacenter.org) hat seit 1996 eine kleine, aber feine Sammlung mit Netzkunstwerken angelegt.

Daß sich Museen mit der neuen Kunstrichtung schwer tun, hat mehrere Gründe.Erstens ist für den Aufbau einer eigenen Internetsite immer noch eine relativ aufwendige Technik notwendig; zweitens basieren viele Netzkunstprojekt auf Interaktion.In dieser Hinsicht gleicht die Netzkunst der Performance-Art, die als nicht "ausstellbar" gilt.

Alexei Shulgins "Easylife" ist inzwischen wieder im Netz, nachdem er die Rechnung seines amerikanischen Providers bezahlt hat.Obwohl er auch mit einer Arbeit in der Online-Galerie "Art.Teleportacia" von seiner russischen Kollegin Lialina vertreten ist, ist er von der Idee noch nicht überzeugt."Ich fürchte", sagt er, "daß alle Welt über jemanden lachen wird, der Netzkunst kauft."

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