Zeitung Heute : Kurs Nordnordost

Das Meer in der Mitte bietet schönste Aussichten – auch auf Erholung

Rasso Knoller

Lange Strände und viel Sand. Die Ostsee ist das Meer der Sandburgenbauer. Wer seine Ferien auf Rügen oder Usedom verbringt, weiß das. Hier Binz, Sellin oder Göhren, da Zinnowitz, Heringsdorf und Ahlbeck. Oder jenseits der Grenze das polnische Swinoujscie. Gebadet wird in der Ostsee schon lange. Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Binz die ersten Strandvillen gebaut – die berühmte Bäderarchitektur, noch heute Markenzeichen der einst mondänen Ostseebäder, entstand. Anders als die sonnenhungrigen Kurgäste, haben sich die Fischer damals lieber etwas abseits des Meeresufers niedergelassen. Aus Sicherheitsgründen: Dem unberechenbaren Meer trauten selbst die hartgesottenen Männer nicht. Bekannt ist Rügen aber nicht nur für Sand, sondern auch für Kreide. Im Norden der Insel ragt der Königsstuhl aus der Ostsee. Caspar David Friedrich hat den Kreidefelsen im Jahr 1800 auf Leinwand gebannt. Die berühmte Aussicht, die der Künstler damals festgehalten hat, können heutige Besucher aber nicht mehr genießen. Vor einigen Jahren stürzten Teile der Kreideküste ins Meer.

Doch Kreidefelsen gibt es auch gleich gegenüber – jenseits des Meeres auf der dänischen Insel Møn. Møn und Rügen sind gewissermaßen Schwestern, und so sind Ähnlichkeiten nichts ungewöhnliches. Beide Inseln entstanden zur selben Zeit, nämlich vor etwa hundert Millionen Jahren im Mesozoikum. Die hügelige Insel mit ihren kleinen Dörfern liegt etwas abseits des Massentourismus - ein berühmter Deutscher hat Møn aber schon lange für sich entdeckt. Literaturnobelpreisträger Günter Grass kommt seit über dreißig Jahren jeden Sommer hierher.

Sandburgen kann man auch an der schwedischen Südküste bauen. Von Trelleborg bis Ystad reiht sich eine Bucht an die andere. Wäre es in Schweden im Sommer nur ein kleines bisschen wärmer, erwüchse hier der Südsee starke Konkurrenz. Doch Achtung: An den Stränden der Südküste Schwedens wird immer wieder mal eine Leiche angeschwemmt - wenngleich nur in den Krimis von Henning Mankell. Seine Romane sind inzwischen weltberühmt, und sie spielen fast alle hier im Süden Schwedens, genauer: im Hafenstädtchen Ystad.

Anders als im Süden Schwedens sind Sandstrände im Norden des Landes rar. Doch es gibt einen ebenbürtigen Ersatz: die Schären. Die von der Eiszeit rundgeschliffenen Felsen liegen wie die Trittsteine eines Riesen im Meer zwischen Stockholm und dem finnischen Turku. Die Schären sind die Spielwiese der Stockholmer: Im Winter sind die Hauptstädter auf dem zugefrorenen Eis zu Fuß oder auf Schlittschuhen unterwegs. Und im Sommer fahren die meisten mit dem eigenen Boot oder einem der zahlreichen Linienschiffe hinaus zu den Schären. Platz gibt es auf den Inseln genug. Fast 30 000 davon liegen vor Stockholm im Meer. Große und kleine. Bewaldete und unbewaldete. Bewohnte und unbewohnte. Und es kommen immer mehr dazu. Während der letzten Eiszeit war Skandinavien nämlich von riesigen Gletschermassen bedeckt, die die Landmassen nach unten drückten. Seit die Gletscher abgeschmolzen sind, hebt sich das Land langsam wieder. Im Stockholmer Schärengarten geht es um 30 Zentimeter nach oben – in einhundert Jahren. Im Laufe der nächsten Jahrtausende werden also immer mehr Inseln vor der Küste aus dem Wasser steigen.

Schäreninseln gibt es auch vor der Küste Südfinnlands. Die besten Sandstrände liegen allerdings woanders. Der Weg zur „finnischen Riviera“ führt in den Westen des Landes, in die Nähe des Städtchens Pori. Dorthin kommen während der Sommermonate nicht nur Sonnenanbeter, sondern auch zahlreiche Musikfans. Denn „Pori Jazz“ zählt zu den wichtigsten Musikfestivals im Norden – und ist für viele Jazzfreunde ein Muss.

Sonnenbaden am Strand, schön und gut – doch am liebsten wärmt sich ein richtiger Finne noch immer in der Sauna auf. Fast jede finnische Familie hat deswegen ein Ferienhäuschen, zu dem unverzichtbar auch eine Sauna am Ufer gehört. Hocherhitzt geht's dann im Hechtsprung ins Wasser eines Sees oder eben der Ostsee.

Die Sauna und der Ostseestrand verbindet Finnland mit dem großen Nachbarn Russland. Beides ist auch in St. Petersburg beliebt. Nur von einer Sache ist auf russischer Seite eher abzuraten: der Abkühlung im Meer. Während man an den Stränden zwischen Binz, Møn, Ystad und Pori stolz die blauen Flaggen zum Zeichen einer hervorragenden Wasserqualität hisst, ist das Meer im Umkreis von St. Petersburg, der vielleicht schönsten Stadt am Ostsseeufer, stark verschmutzt. Hier ergießen sich die Abwässer der Viereinhalb-Millionen-Stadt ins Meer, große Mengen davon nach wie vor ungeklärt. Ein Austausch von sauberem und schmutzigem Wasser wird zudem durch einen riesigen Damm in der Newabucht behindert, der die Stadt vor Überschwemmungen schützen soll.

Und so baden die Petersburger lieber jenseits des Damms im Meer, genauer: am Westufer der Insel Kotlin. Oder sie fahren noch weiter hinaus aus der Stadt, hin zu einem der vielen Sandstrände, die in Richtung der estnischen Grenze liegen. Das Schöne an dieser Ostseeregion ist, dass sie vom Massentourismus noch weitgehend verschont ist. Einheimische bleiben hier beim Sprung ins Meer unter sich.

Anders sieht es jenseits der Grenze aus: In Estland boomt seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 der Tourismus. Im Seebad Pärnu beispielsweise, der „Sommerhauptstadt Estlands“, notiert man Jahr für Jahr steigende Besucherzahlen. Der Badebetrieb florierte hier schon 1838, dank der genialen Idee des Besitzers des örtlichen Wirtshauses: Er ließ Badewannen mit aufgewärmtem Seewasser füllen – seine Gäste sollten ja auch bei schlechtem Wetter ein Bad nehmen können. Das Ganze entwickelte sich zu einem Touristenmagnet. Das alte Wirthaus ist zwar im Ersten Weltkrieg abgebrannt. Doch an seiner Stelle steht heute, fest in der Badetradition des Ortes verhaftet, die neoklassizistische Schlammbadeanstalt. Die Badewannen gibt es leider nicht mehr.

Gegen den kilometerlangen und bis zu einhundert Meter breiten Sandstrand, der sich vor der Stadt an der Ostsee entlangzieht, haben Schlamm und Badewannen aber keine Chance. Schon gar nicht, weil sich hier selbst Kälteempfindliche schnell ins Meer trauen: Das Wasser in der nach Süden hin offenen, flachen Bucht wärmt sich im Sommer schnell auf 20 Grad und mehr auf.

Ähnliches gilt für Jurmala, den wichtigsten Badeort Lettlands, der etwa 200 Kilometer weiter südlich, am anderen Ende derselben Bucht liegt. 32 Kilometer Sandstrand, gesäumt von einem Kiefernwald, nennt die Stadt ihr eigen. Wer Stille und Einsamkeit sucht, hat selbst im Hochsommer keine Probleme, beides zu finden.

Der größte Sandspielkasten am Ostseestrand ist aber die Kurische Nehrung, ein hundert Kilometer langer und an der breitesten Stelle gerade mal knapp vier Kilometer breiter Landstreifen, der das kurische Haff von der Ostsee trennt. Die Kurische Nehrung besteht aus nichts als Sand, hier liegen die höchsten Dünen Europas und den Spitznamen „ostpreußische Sahara“ hat man sich wohl verdient.

Im Jahr 2000 wurde diese einmalige Landschaft von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Zur Hälfte gehört die Nehrung zu Litauen, dort ist sie touristisch gut erschlossen. Im wichtigsten Touristenort Nida hat einst schon Thomas Mann regelmäßig seine Ferien verbracht. Die andere Hälfte der Kurischen Nehrung liegt in der Enklave Königsberg, auf russischem Gebiet. Hier steckt der Tourismus noch in den Kinderschuhen. Eine Frage der Zeit, bis hier die ersten Bettenburgen entstehen.

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