Zeitung Heute : Kurswechsel in der Landwirtschaft: Grüner Tee statt Jägermeister

Bernd Matthies

Es ist Freitag, früh um halb neun, als Eberhard Diepgen seiner alten parlamentarischen Lieblingsfeindin Renate Künast das erste Ständchen bringt. Nicht sehr flüssig, nicht sehr elegant - aber das Instrument ist eben auch das schwierige Alphorn. Unten am Ende tutet es dumpf, mancher Zuhörer fühlt sich akustisch an die BSE-Symptomatik erinnert, doch die Heiterkeit ist groß. Die neue Agrarministerin versucht kurz, aber vergeblich eine Antwort zu blasen, und zieht dann lieber auf ihren ebenso modischen wie bequemen Laufschuhen weiter durch die Grüne Woche, vier Stunden lang getragen von einer Woge freundlicher Aufmerksamkeit. Da! Die Künast!

Das ist das Komische an diesen ersten Tagen der grünen Ministerin im Amt: Die Schurken wollen einfach nicht aus den Kulissen; kein Dolch im Gewand, nicht mal ein Tafelspitz. Stattdessen wird sie gehätschelt wie eine talentierte Nachwuchskraft, die gerade von der Jungen Union zur Landjugend gewechselt ist. "Ich halte sie für eine sehr intelligente Frau", sagt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, der kaum von ihrer Seite weicht und den Journalisten unentwegt Auskunft über agrarpolitische Krisengebiete geben soll, "und unter Profis kann man immer zusammenarbeiten." Sie revanchiert sich mit allerfreundlichster Aufmerksamkeit und ruft, nach einer etwas vagen Aussage unsicher geworden: "Wo ist Herr Sonnleitner? Stimmt der Satz?"

Am tiefsten in joviales Wohlwollen getunkt wird sie an diesem Vormittag von Constantin Freiherr von Heeremann, dem Inbegriff schlitzohrigen Lobbyistentums. Plötzlich steht der Sonnleitner-Vorgänger zwischen den Verschlägen, die ländliches Brauchtum repräsentieren sollen, hinter ihm eine Bläsergruppe, die eine waidgerechte Melodie intoniert. "Frau Ministerin", sagt er anschließend mit freudvoll gerötetem Gesicht, "was die da geblasen haben, das war der Fürstengruß. Bitte!" "Danke", antwortet Renate Künast verdutzt und ist ein paar Sekunden baff, bis ihr der pflichtgemäße Konter betreffs Abschaffung der Monarchie einfällt. Da hat Heeremann schon längst die Musterbäuerin mit den Jägermeister-Flaschen herangewinkt und möchte mit der Frau Ministerin einen zur Brust nehmen.

Die besteht indessen, wie schon an vielen Ständen zuvor, auf Mineralwasser und löst damit gelinde Enttäuschung aus. "Ach", klagt der legendäre Ober-Bauer, "ihr macht hier die ganze Zeit Wasserspiele?" Da nickt dann auch Eberhard Diepgen, der erfahrenste aller Grüne-Woche-Besucher, ja, auch er macht Wasserspiele. Allerdings anders als Renate Künast: Während sie grundsätzlich und demonstrativ Wasser oder Saft kommen lässt, führt Diepgen gehorsam jegliches Wein- oder Schnapsglas an die Lippen, bis die Fotografen zufrieden sind, und stellt es dann mit dem ursprünglichen Füllstand wieder ab. Das finden vor allem die Aussteller aus dem osteuropäischen Wodka-Gürtel irgendwie höflicher.

Die Kunst des Politikers besteht bei solchen Rundgängen darin, sich nur so weit zum Deppen machen zu lassen, wie es unbedingt notwendig ist. Nie mit vollem Mund fotografieren lassen, nie mit den Beinen im Stroh versinken! So darf die Bildpresse es als äußerstes und unerwartetes Entgegenkommen der Ministerin nehmen, dass sie nicht nur ein empört quiekendes Ferkel an ihre Brust drückt, sondern gleich auch noch einigen mäßig interessierten Rindern ein paar Schippen Futter hinwirft. Sollte das in der Absicht geschehen sein, die schätzungsweise zwei Millionen Fotografen und Kameraleute endlich vom Hals zu bekommen, war es ein Misserfolg. Denn gleich ums Eck liegen sie schon wieder zu dritt im Broccoli, um nur keinen Wimpernschlag der noch kaum archivierten Politikerin zu verpassen. Verona Feldbusch, nackt, hätte keinen größeren Auflauf provozieren können.

Renate Künast gibt sich mit erkennbarer Lust als Minister-Azubi. Gewiss: Eberhard Diepgen ist ihr im Smalltalk noch ein Stück voraus, und er würde auch nie den Fehler machen, in einem geschenkten Präsentkorb tatsächlich interessiert herumzukramen und so den heiklen Zeitplan zu gefährden. Sie sucht Zuflucht in Formulierungen, die im Öko-Laden durchgehen mögen, manchen Funktionär aber auf eine harte Probe stellen: "Ist das jetzt hier aus artgerechter oder konventioneller Haltung?" Ähm, ja, sagen die Gesprächspartner, artgerecht, was sonst? Das schöne Stück Rindfleisch, von den Franzosen als eine Art Opfergabe adrett zurechtgebunden, bleibt dennoch am Stand zurück, sicher ist sicher. Doch die grundlegenden sprachlichen Versatzstücke erfolgreichen Regierens beherrscht die Neue bereits so perfekt, dass sie sie ins Mikrofon schleudert, ohne noch nachzudenken: Die "Standards von Produktion, Fütterung und Haltung" beispielsweise sind in wenigen Tagen zum Generalbass ihrer öffentlichen Stellungnahmen geworden.

Manchmal rettet sie sich vor dem Druck in kaum merkliche Ironie. "Ich habe in dieser Woche eine der bedeutendsten Aufgaben einer Agrarministerin, nämlich, die Grüne Woche zu eröffnen", hatte sie am Montag vor der Bundespressekonferenz formuliert. Echt? Am Donnerstag steht sie vor 2000 Gästen im ICC und vollzieht eben diese Eröffnung mit einer ganz und gar ironiefreien Rede, während Ex-Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke, kaum beachtet, grimmig unten im VIP-Block sitzt. Sollten ihr dabei die Knie gewackelt haben, war es jedenfalls nicht zu bemerken; als ihre Teil-Vorgängerin Andrea Fischer erstmals vor den Deutschen Ärztetag trat, war sie heiser vor Aufregung, intonierte ihren Standpunkt mit heftig schwankender Stimme. Nichts davon bei Renate Künast. Obwohl ihr Vorredner Sonnleitner bereits zutreffend bemerkt hat, man werde ihr wohl keine Hundert-Tage-Schonfrist zubilligen können, obwohl Agrar-Kommissar Franz Fischler gerade mit einem komplizierten Fachreferat brillieren durfte, packt sie die Seiten des Pults und trägt ungerührt vor. Und als ihre Aussage, sie wolle den Anteil der ökologischen Wirtschaftsweise in zehn Jahren auf 20 Prozent steigern, höhnische Proteste auslöst, da wiederholt sie eben diese Aussage noch einmal - eine routinierte und gelehrige Absolventin des berüchtigten Berliner Abgeordnetenhauses. Da allerdings war Eberhard Diepgen nie so verblüffend gönnerhaft.

Dennoch wird es wohl nicht lange dauern, bis die ersten Fragen nach dem essenziell grünen Gehalt ihrer pragmatischen Linie auftauchen. Sie selbst ahnt wohl die Gefahren und sucht Zeichen zu setzen, etwa mit einer höflichen Anrede an die Gäste im ICC, einer Begrüßung zahlloser Minister und Exzellenzen, die länger dauert als die einschlägigen Girlanden ihrer Vorredner. Aufmerksame Zuhörer würden bemerkt haben, dass diese Begrüßung schon Programm sei, sagt sie dann. Ob es die zwei namentlich erwähnten Frauen waren? Wenig später, dort, wo es eigentlich rituell "Verbraucherinnen und Verbraucher" heißen müsste, lässt sie die Verbraucher einfach weg - möglicherweise handelte es sich um die akustisch nicht kenntlichen "VerbraucherInnen". Aber ob das Landvolk, ob die Dolmetscher derlei Filigranfeminismus begreifen?

Wenn sie denn eine Art Heimspiel hatte, dann sicherlich in der Bundespressekonferenz, die ihr gewogen zu sein scheint. Ein Klacks! "Ich bin jetzt drei Tage und drei Minuten im Amt", formuliert sie am Montag kokett, doch das ist nicht mit einem Antrag auf mildernde Umstände zu verwechseln. Drei Ministerialbeamte, die ihr zur Rechten sitzen, kommen nicht zu Wort, werden auch nicht gebraucht zur Verfertigung einiger laut brummender Gemeinplätze wie "Ich gehe da ergebnisoffen heran" oder "bevor ich entscheide, prüfe ich Alternativen". Lediglich die auffällige Häufung von Sätzen, die mit "Ich" anfangen, lässt tiefere Rückschlüsse zu. Aber welche? Ist sie so egozentrisch? Oder nur ganz allein gelassen mit den ganz wichtigen Entscheidungen? Und als man sie nach der Ablösung missliebiger Abteilungsleiter fragt, blinzelt sie ein wenig zur Seite und teilt vage, fast diepgenesk mit, es sei "in meinem Kopf eine ganze Menge an Nachdenken". Dann wird es noch ziemlich kritisch, bei der Fangfrage nach den möglichen Risiken von Milch. Sie vermeidet es knapp, eine Massenpanik auszulösen und bemerkt, man könne ja nun überhaupt nichts ganz ausschließen - wohl die sicherste Antwort in einer Zeit, da niemand noch irgendetwas ausschließen mag. Noch Fragen?

Es geschieht dann doch noch, auf dem Rundgang über die Grüne Woche. Dort, wo das Protokoll ein Treffen offenbar gar nicht vorgesehen hat, irgendwo in der internationalen Zone zwischen Schweden und der Ukraine, treten dem Pulk einige iranische Offizielle in den Weg, schwer bewaffnet mit Kaviarhäppchen und anderen folkloristischen Kleinigkeiten. Es kommt zu einem kurzen Gespräch, doch hier fällt die Jungministerin entschlossen aus der Rolle und wechselt ins Gewand der grünen Politikerin. "Ich mache mir großen Sorgen um die Demokratie in Ihrem Land", sagt sie, "und ich mache mir große Sorgen um die Menschen, die sich im Iran für die Demokratie eingesetzt haben." Das sind nun neue Töne, wie sie beispielsweise Karl-Heinz Funke kaum angeschlagen hätte, und auch Eberhard Diepgen, der so etwas aus Politikermund in 17 Jahren Grüne Woche nicht gehört hat, blickt ein wenig säuerlich. Der Kaviar bleibt zurück, die Offiziellen gleichfalls.

Zu diesem Zeitpunkt liegen noch Stunden vor ihr, die sich die Ministerin dann wieder durchgehend heiter gestaltet. "Es gibt da diesen Spruch", sagt sie fröhlich, "entweder ich esse, oder mir ist schlecht." Pause. "Ich kann noch essen." Ein wenig Elchroulade beim Schweden, einen Happen Obstsalat auf der "Fruit Logistica", immer wieder ökologisch einwandfreie Butterbrote, dazu tiefroten Blutorangensaft, den Diepgen zum Anlass eines nahe liegenden politischen Scherzes nimmt. "Wie wäre es mit grünem Tee?", antwortet Künast, und auch den wird es später noch zu kosten geben.

Dann, als alles vorbei ist, lässt sich die Ein-Wochen-Ministerin locker in ihren fein gewienerten Dienst-Audi plumpsen. Erinnert sich noch jemand an den Krieg ums Dienstfahrrad, der das Rathaus Schöneberg in den Achtzigern erschüttert hat? Ach: Das war in einem weit entfernten Jahrhundert.

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