Zeitung Heute : Kurven sind zum Zeigen da

Kate Dillon zeigt als Gesicht von Marina Rinaldi, wie gut Rundungen aussehen

Grit Thönnissen

Kate Dillon sieht appetitlich aus wie ein Sahnetörtchen. Vielleicht liegt das daran, dass auf dem Speiseplan des Models inzwischen auch Kuchen steht. Die Kalifornierin ist ein „Plus-Size-Model“, also jemand, der beim besten Willen nicht in Größe 36 passt, die absolute Obergrenze für normalsterbliche Models. Seit zwei Jahren ist sie das Gesicht für die Kampagnen des italienischen Unternehmens Marina Rinaldi, das Mode für Frauen mit einer Konfektionsgröße über 46 entwirft.

Und sie ist im Moment eine beliebte Gesprächspartnerin für alle Medien, die die dringliche Frage „Sind Models zu dünn?“ beantwortet haben wollen. Denn Kate Dillons Geschichte liest sich wie eine doppelte Version des Märchens „Das hässliche Entlein“. Mit zwölf Jahren wurde sie magersüchtig, weil sie sich „dick und hässlich“ fand. Im Teenageralter entdeckte man sie als Model, und ihrem Erfolg in Paris, Mailand und New York nach zu urteilen, entsprach ihr damaliges Aussehen genau dem Idealbild der Modewelt.

Erst als sie wegen ihrer Magersucht zusammenbrach, beendete Kate Dillon ihre Karriere und begann zu essen. Heute trägt sie Größe 40 bei einer Körpergröße von 1,80 und sieht muskulös und wohlproportioniert aus. Von den Problemen, mit denen sich Frauen beim Kleiderkauf herumschlagen müssen, die nicht nur fünf oder zehn Kilo über ihrem Normalgewicht liegen, ist die 31-Jährige also immer noch weit entfernt.

Trotzdem ist sie für Monica De Bellis, die Modechefin bei Marina Rinaldi, die ideale Repräsentantin: „Sie sieht aus wie eine echte Frau. Sie ist nicht schüchtern, sie ist sexy, kurvig und schick.“ Unterhält man sich mit Monica De Bellis über ihren Job, Kleidung weit jenseits der Größe 40 zu verkaufen, erinnert sie eher an eine Therapeutin, die ihrer Zielgruppe die Komplexe nehmen will, als an eine Geschäftsfrau. „Wir versuchen, eine positive Botschaft auszusenden: Alles ist möglich. Habe Selbstvertrauen.“

Füllige Frauen sollten ihren Körper nicht von Kopf bis Fuß verhüllen, sondern ihre Figur an den richtigen Stellen betonen, besonders an Brust und Taille. „Schließlich mögen dickere Frauen genau die gleichen Sachen wie dünne.“ Deshalb bietet ihre Firma auch enge Jeans, goldfarbene, Körper umfließende Abendroben mit tiefem Dekolleté und Minikleider im Safaristil. Aber bis diese Teile in die Geschäfte gelangen, werden sie genau auf ihre Tauglichkeit getestet. „Wir machen eine Menge Prototypen, um zu sehen, ob die Stoffe auftragen, die Schnitte älter machen und die Frau vielleicht sogar dicker statt dünner wirkt.“

Deutschland gehört inzwischen nach Italien und Frankreich zum drittwichtigsten Markt für das Unternehmen. Auch wenn Monica De Bellis die Deutschen als besonders komplizierte Kundinnen beschreibt. „In Italien sieht die Kundin einen Mantel: Fantastisch, kaufe ich. In Frankreich sagt sie: Gefällt mir nicht, kaufe ich. In Deutschland kommt die Kundin in den Laden, schaut sich den Mantel sehr genau an und überlegt es sich noch mal. Aber wenn sie schließlich kauft, wird sie die treueste Kundin von allen.“

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