Zeitung Heute : Kurz lebt die Kunst

CHRISTINA TILMANN

Kann man ein "work in progress" elektronisch verewigen?Von CHRISTINA TILMANNJa, muß man es nicht sogar, weil es sonst eben verlorengeht im fortschreitenden Prozeß der Überarbeitung? Bei dem gigantischen Dauer- und Gesamtkunstwerk, das das "Tacheles" für die Berliner Off-Kultur-Szene darstellt, stellt sich die Frage umso dringender, als sich das Kunst- und Galeriehaus nicht nur ständig wandelt, sondern wegen der ungeklärten Besitzverhältnisse auch vom vollständigen Verschwinden bedroht ist. Da könnte die CD-ROM "Kunsthaus Tacheles" vielleicht irgendwann die einzige Dokumentation sein, die von dem seit 1990 aktiven Kulturhaus verbleibt.Virtuell wird man durch das Haus wandern können, vom Dachboden bis zu den Kellerräumen, wird Photoansichten der malerischen Ruine und des Skulpturengartens genießen, den Theaterprojekten im "Theatersaal" und den Kinoreihen im Programmkino "Camera" folgen können, die Galerien und Ateliers besuchen und 45 der dort ansässigen Künstler befragen, lange nachdem die Ruine an der Oranienburger Straße geräumt, ja vielleicht endgültig abgerissen ist. Allein: Ist CD-ROM dazu das richtige Medium? Der geschichtliche Überblick, die Photos des erst 1977 abgerissenen alten "Passage-Kaufhauses", das 1909 als eine der frühesten Stahlbetonkonstruktionen Deutschlands zwischen Friedrichstraße und Oranienburger Straße entstand, die einzelnen Kunstwerke und Lebensläufe der Künstler ließe sich in besserer Auflösung und schönerem Layout in Print präsentieren.Und die quietschenden Türen, tropfenden Rohre und markigen Techno-Sounds sind auch nicht mehr als atmosphärische Untermalung. Die unaufwendigen Präsentationen der verschiedenen Ateliers und ihrer Bewohner vermitteln zwar etwas vom Charme der Off-Kulturszene, in der sich jeder erst einmal präsentieren kann, ein Forum findet, und Aufmerksamkeit, ohne sich dem gängigen Kunstmarkt- und Galeriebetrieb unterwerfen zu müssen.Und was könnte der jungen, experimentierfreudigen, immer auf der Welle der Aktualität surfenden Kunstszene angemessener sein als eine multimediale Präsentation? Allein: Gerade bei der bekannten Schnellebigkeit dieser Kunstszene muß die CD-ROM zwangsläufig veralten.Und bei der brisanten, exponierten Lage des Tacheles, bei seiner kurzen Geschichte und ungeklärten Zukunft ist bedauerlich, daß die von der Firma BITEF ehrenamtlich erstellte Dokumentation im Frühjahr 1996 endet. Einen Überblick über die weitere Entwicklung und neueren Projekte, über den Streit und seine mögliche Schlichtung, bietet die website (www.tacheles.de), die mit einem Solidaritätsaufruf an alle Besucher schließt und von Geschichte und Ortsbegehung Ähnliches bietet wie die CD-ROM.Sollte sich das Internet nicht einst als ebenso vergänglich erweisen wie die realen Bauten in Berlins Mitte, ist die Website die aktuellere Alternative zu der vergleichsweise schnell veraltenden CD-ROM. Eine jeweils aktualisierte Version läuft im Bauch der Metallskulptur im Erdgeschloß des Tacheles.Dort wird seit letzter Woche auch das jüngste Produkt der BITEF-Tacheles-Zusammenarbeit gezeigt: die Dokumentation der gerade abgelaufenen Ausstellung "Vorstadtsalat".Anhand von alten und neueren Photos, Stadtplänen und ironischen Kommentaren zeichnet der Autor und Photograph Klaus Bädicker eine Fieberkurve des Scheunenviertels: Von der kleinbürgerlich-ländlichen Atmosphäre der Spandauer und Rosenthaler Vorstadt mit ihren Ställen und kleinen Geschäften bis hin zu den großartigen Barock- und Gründerzeitgebäuden.Und von da zum langsamen Verfall des lange Zeit vernachlässigten Viertels.Und zur Wiederauferstehung unter der Ägide der Investoren. Die malerisch verkommenen Friedhöfe, Treppenhäuser, Innenhöfe, Sprüche und Graffiti, Fassadenreliefs und Ornamente, die Bädicker gesammelt und dokumentiert hat, zeugen von aufmerksamer Beobachtung und regen an zum Suchen und Finden.Freilich, nicht immer wird der Promeneur erfolgreich sein: Was Bädicker zeigt, ist ein melancholisch-polemischer Rückblick auf vieles, was so heute nicht mehr zu sehen ist, was sich schon zu Zeiten der DDR in beklagenswertem Verfallszustand befand, und dann der Abrißbirne oder der "Glattrestaurierung" anheimfiel.Dieser Streifzug durch Berlins Mitte, durch das derzeit touristisch und städtebaulich attraktivste Viertel Berlins, hat seine eigene, unzeitgemäße Kraft.Diese CD-ROM wird ihre Aktualität behalten: Was sie bewahrt, ist verloren. Die CD-ROM "Kunsthaus Tacheles" benötigt einen 486er Multimedia-PC mit Windows 3.1x und kostet im Handel 50 Mark.Die vollständige CD-ROM "Vorstadtsalat" ist ab Mai im Handel, die Vorversion schon jetzt für 30 Mark bei BITEF, Tel.3126562, erhältlich.

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