Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Matthias Eggert

Sie wollen sich heute, am Sonntag, etwas Gutes tun? Nun, ein ausgewogenes Frühstück wäre nicht schlecht. Oder Joggen, das hält fit und verbrennt hässliche Fettzellen. Doch, wenn es Ihnen wirklich ernst ist um Ihr Wohlbefinden, ja, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, dann kümmern Sie sich vor allem um eines: Ihre Freunde.

Wie gefährlich Einsamkeit sein kann, haben amerikanische Gesundheitspsychologen in mehreren Studien festgestellt. Sie ermittelten, dass die Sterberate von Ehemännern im Jahr nach dem Verlust ihrer Frau etwa anderthalbmal so hoch lag wie die von gleichaltrigen Männern, die keinen derartigen Schicksalsschlag erlitten hatten. Und dies gilt nicht nur für die Älteren, gerade die mittleren Jahrgänge der 40- bis 50-Jährigen zeigten sich als besonders anfällig.

Die Ursache für die höhere Sterblichkeit hat vielfältige Gründe. In der Krise kann das Immunsystem schwächeln, das Herz macht schlapp oder das Risiko steigt, den Frust im Alkohol zu ertränken. Auch die Unlust, in der Lebenskrise Sport zu treiben oder bei Beschwerden zum Arzt zu gehen, beeinflusst die Sterberate, sagt Ralf Schwarzer, Gesundheitspsychologe an der Freien Universität Berlin.

Frauen sind kompetenter

Auffällig ist, dass die gleichen Studien für Frauen zu einer ungleich günstigeren Prognose kamen: Ihr Sterberisiko steigt nach dem Verlust des Partners kaum. Warum aber werden Frauen mit der „psychosozialen Risikosituation“, wie Schwarzer das nennt, ganz offensichtlich sehr viel besser fertig?

Einen wesentlichen Grund sieht Schwarzer im unterschiedlichen Sozialverhalten. Während Männer, und dies gilt eben gerade auch für die so genannten mittleren Jahrgänge, sich im privaten Bereich sehr auf ihren Partner fixierten, „und sich zu wenig gegenüber ihren Freunden öffnen und ihre Gefühle zeigen“, würden Frauen mit größerer emotionaler Kompetenz das ungleich dichtere soziale Netz knüpfen. Wenn dann der Partner seine Frau verlasse oder gar sterbe, fingen ihre Freunde sie auf. Zwar werde die Krise dadurch nicht von einem Tag auf den anderen überwunden, der Genesungsprozess aber beschleunigt. Männer dagegen, die sich nie um ihren Freundeskreis gekümmert hätten, stünden plötzlich alleine da.

Auch im Falle einer schweren Erkrankung wirken Freunde wie gute Medizin. Eine Studie amerikanischer Ärzte kam unter 2320 männlichen Herzinfarktpatienten zu dem Ergebnis, dass die Männer, die sozial integriert waren, nur ein halb so großes Risiko hatten, während der folgenden drei Jahre zu sterben, als die Isolierten. In einer schwedischen Studie mit 150 Herzpatienten, die über zehn Jahre lang beobachtet wurden, lag die Sterbequote bei Patienten ohne soziales Netz sogar dreimal höher. Ihnen fehlte offensichtlich der Optimismus, das Selbstwertgefühl und der Lebensmut, den Freunde verbreiten können.

Schweigen beim Angeln

Entscheidend für die wohltuende Wirkung eines sozialen Netzes ist ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Intimität. Es ist dabei egal, ob die emotionale Bindung innerhalb einer Gruppe oder nur mit einem Freund besteht. „Dieses Gefühl können auch zwei Menschen haben, die zum Angeln fahren und sich den ganzen Tag anschweigen“, sagt Schwarzer. „Sie müssen nicht unbedingt reden, um sich wohl zu fühlen.“ Auf die Qualität der Bindung komme es an. Und diese Qualität kommt nicht von allein, sie will gepflegt sein. Dafür muss Zeit investiert werden. Zeit, die Männer offenbar in viel geringerem Maß aufbringen.

Egal wie gut das Netz gesponnen ist, eine Krise bedeutet Stress für alle Beteiligten. Trost spenden, gut zureden, besuchen, motivieren und sich Sorgen machen, das kostet Kraft. Umso mehr, als man den Menschen, der in der Krise steckt, als Helfer mit den eigenen Problemen nicht belasten will. Die Psychologen sprechen in diesem Fall von einer Abpufferungsstrategie. „Es kommt auf die richtige Dosierung an, wie viel man einem Kranken von den eigenen Sorgen und Problemen erzählt“, sagte Ralf Schwarzer.

Ein Fehler wäre es, nie darüber zu sprechen. Gerade wenn der Kreis klein ist, wenn enge Verbundenheit nur in einer Partnerschaft oder Ehe besteht, kann es zu einer Spirale des Schweigens kommen. Aus Rücksicht erzählt keiner dem anderen die Wahrheit darüber, wie es ihm wirklich geht, schluckt stattdessen seinen Frust hinunter. Das gefährdet nicht nur die Gesundheit, es wäre wohl irgendwann auch das Ende der Beziehung.

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