Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Christoph Koch

Seit einigen Wochen darf in Singapur wieder ungestraft Kaugummi gekaut werden. Damit endete ein 1992 verhängtes Import-, Herstellungs-, und Verkaufsverbot, mit dem die Behörden des südostasiatischen Stadtstaates auf verschmutzte Straßen und verklebte U-Bahn-Türen reagiert hatten. Die Liberalisierung des Kaugummimarktes erfolgte gewissermaßen aus medizinischen Gründen. Gekaut werden darf nur zuckerfrei und auf ärztliches Rezept.

Mit seiner harten Haltung war Singapur zwar ein Einzelfall, in sonderlich gutem Ruf standen die Klebstreifen hier zu Lande aber auch nie. Generationen von Schülern ist der Genuss zumindest im Unterricht verboten worden – was möglicherweise ein Fehler war. Denn kaum einer anderen Süßigkeit wird ein derart positiver Effekt auf den Menschen zugeschrieben: Schon 1939 konnte der Professor H.L. Hollingworth an der New Yorker Columbia Universität in seiner Studie „The Psycho-Dynamics of Chewing“ nachweisen, dass Kauen die Muskulatur entspannt, die Konzentrationsfähigkeit steigert und hilft, wach zu bleiben.

Nicht die elastische Masse selbst oder geheimnisvolle Inhaltsstoffe sind es, die uns davon abhalten, wegzudämmern, sondern die ständige, monotone Bewegung des Kiefers. Das wissen auch Fernfahrer, die bei langen Fahrten auf Kaugummis zurückgreifen und militärische Befehlshaber, die ihren Truppen Chewing Gum ins Marschgepäck gaben. Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Golfkrieg hat sich das nicht geändert. Ob Kaugummis auch dem Gedächtnis und der Lernfähigkeit auf die Sprünge helfen können, ist indes umstritten.

Vor einigen Jahren behauptete der Intelligenz- und Gedächtnisforscher Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen, bei einem „mittelschweren Lernstoff“ sei davon auszugehen, dass Gummikauer mindestens 30 Prozent mehr von den ihnen präsentierten Informationen behielten. Dies sei durch eine verbesserte Sauerstoffversorgung des Gehirns zu erklären und sehr viel schwerwiegender als das „Entsorgungsproblem“. Kritiker allerdings warfen Lehrl nicht nur vor, einen Teil seiner Studie vom Deutschen Kaugummiverband finanzieren zu lassen, sondern auch, mit nur 123 Testpersonen eine sehr geringe Stichprobe untersucht zu haben.

Ähnliches kann man auch Lucy Wilkinson vom Neurologischen Institut der Universität Newcastle vorhalten, die in einer Untersuchung drei Gruppen von jeweils 25 Freiwilligen testete. Die erste Gruppe kaute nicht, die zweite kaute Kaugummi, die dritte machte lediglich Kaubewegungen, ohne etwas im Mund zu haben. Bei einem Test des Kurzzeitgedächtnisses, in dem es beispielsweise darum ging, sich Telefonnummern einzuprägen, schnitten die Kaugummikauer am besten ab. Diejenigen, die gar nicht kauten, konnten sich am schlechtesten erinnern, das Ergebnis der „Schein-Kauer“ lag dazwischen. Neben der gesteigerten Zufuhr von Sauerstoff im Gehirn machte die Forscherin auch eine höhere Insulinproduktion für das bessere Testergebnis der Kauer verantwortlich. Denn dieser Stoff rege den Teil des Gehirns an, der für Erinnerungen verantwortlich ist.

Sollte sich die Theorie, dass Kauen merkfähiger und somit schlau macht, tatsächlich bewahrheiten, dann muss Deutschland mit einem Defizit fertig werden. Denn die Amerikaner kauen rund 50 Prozent mehr als die Deutschen und auch in Skandinavien wird häufiger zum Chewing Gum gegriffen, in Ländern also, die bei der letzten Pisa-Studie überwiegend besser platziert waren als die Bundesrepublik. Mit 105 Streifen pro Jahr und Mund liegen die Deutschen europaweit im Mittelfeld, kaufauler sind beispielsweise Spanien und Italien - und die wiederum schnitten bei Pisa in den meisten Bereichen noch schlechter ab als Deutschland.

Ob es nun an Pisa liegt oder einfach nur am frischeren Atem, der Trend zum Kauen ist ungebrochen. Auch von der allgegenwärtigen Wirtschaftsflaute scheint der deutsche Kaugummimarkt wenig zu spüren, denn die Umsätze steigen konstant, mit Wachstumsraten von jährlich rund fünf Prozent. Was eigentlich noch überraschend wenig ist, bedenkt man, dass Kaugummikauen nicht nur klug, sondern angeblich auch noch schlank macht. Wie in der Fachzeitschrift „Ärztliche Praxis“ berichtet wurde, können Menschen, die regelmäßig kalorienfrei kauen, mehr als fünf Kilogramm pro Jahr an Gewicht verlieren. Dies sei durch die um rund 20 Prozent erhöhte Stoffwechselrate bedingt, die durch das Kauen entstehe, so die Forscher der renommierten Mayo-Klinik in den Vereinigten Staaten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben