Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Andreas Austilat

Man nehme nur einmal folgende Konstellation: Da sind drei Männer – ein Schweizer, ein Italiener und ein Deutscher – und alle werben sie um die gleiche Frau. Wer von den Dreien hätte wohl die größten Chancen? Rein statistisch ist die Sache leicht: der Schweizer. Denn er hat die besten Zähne weltweit, und das könnte laut Emnid durchaus entscheidend sein. 70 Prozent aller Frauen nehmen nach einer Umfrage der Meinungsforscher die Zähne besonders wichtig.

Der Schweizer hat sich seinen Vorsprung sauer erarbeitet. 87 Prozent der Eidgenossen putzen sich mindestens zweimal täglich die Zähne, jeder Zweite benutzt täglich Zahnseide und wer zum Beispiel in Basel lebt, kriegt auch noch Fluorid ins Trinkwasser. Binnen einer Generation ist Karies bei Schweizer Kindern um 90 Prozent zurückgegangen. Und wies ein junger Erwachsener 1970 noch 20 Schadstellen im Gebiss auf, so sind es heute nur noch vier. Eine Bilanz, die allerdings nicht ganz freiwillig erreicht wurde. Der Schweizer muss seinen Zahnersatz selber zahlen. Und was einem teuer ist, das wird ganz besonders sorgsam umhegt.

Nicht ausgeschlossen, dass solche Verhältnisse auch hier zu Lande einkehren. So sorgte es vergangene Woche für einigen Aufruhr, als aus Kreisen der so genannten Rürup-Kommission die Kostenerstattung für Zahnmedizin komplett zur Disposition gestellt wurde. Zur Erinnerung: Die Rürup-Kommission wurde von der Bundesregierung eingesetzt, Vorschläge zur Gesundheitsreform zu entwickeln.

Kinder haben heute bessere Zähne

Vorsorge könnte also an Bedeutung gewinnen. Und bei Kindern funktioniert sie bereits ganz gut. So hatten 12-Jährige in Deutschland 1990 noch 4 kariöse Zähne, zehn Jahre später waren es nur noch 1,2. Die Aufklärungsarbeit der Landesarbeitsgemeinschaften zur Verhütung von Zahnerkrankungen, kurz LAGs, hat offenbar Wirkung gezeigt. Die Kinder erhalten nicht nur Putzunterricht und Ernährungsberatung, im Rahmen von Reihenuntersuchungen in Kindergärten und Schulen wird auch die Fluoridlackierung gegen Karies angeboten. Eine sinnvolle Ergänzung ist die Individualprophylaxe in den Zahnarztpraxen. Dort kann man sich Fissuren, das sind kleinste Unebenheiten und Risse im Zahnschmelz, versiegeln lassen.

Weitgehend vorbei gehen die Prophylaxeanstrengungen offenbar an der erwachsenen Bevölkerung. Sie erschöpfen sich in der Aufforderung, einmal im Jahr zum Zahnarzt zu gehen und zweimal täglich die Zähne zu putzen. Eine wesentliche Verbesserung der Zahngesundheit konnte bislang nicht festgestellt werden. Bei der Aufklärung gibt es denn auch reichlich Nachholbedarf: Alle drei Monate sollten wir unsere Zahnbürste wechseln, wir tun es nur anderthalb Mal im Jahr. 70 Meter Zahnseide müsste jeder Deutsche im Jahr verwenden, denn rund ein Drittel der Zahnoberfläche ist für die Bürste unerreichbar, es sind nur 3,75 Meter. Immerhin hat fluoridiertes Speisesalz heute einen Marktanteil von 54 Prozent, Fluorid gilt als wirksames Mittel zur Härtung des Zahnschmelzes. Eine Studie in Ungarn habe ergeben, dass die Verwendung dieses Salzes den Kariesbefall um 50 Prozent senke, sagt Stefan Zimmer von der Zahnklinik der Charité. Zimmer rät jedem über sechs Jahre, zusätzlich die Zähne einmal in der Woche mit einem Fluorid-Gelee zu pflegen.

Risiko durch Fluorid?

Das Risiko einer Überdosierung schätzt Zimmer als gering ein. Die Gefahr einer Fluoridvergiftung bestehe etwa für ein Kind erst, wenn es eine ganze Tube Erwachsenenzahnpasta oder 400 Gramm fluoridiertes Kochsalz aufessen würde. Theoretisch wenigstens, das Salz allein würde ein Kind sehr viel schneller umbringen, 20 Gramm reichten völlig aus. Die Folgen einer leichten Überdosierung könnte übrigens an den Zähnen beobachtet werden, solch eine Fluorose führt zu kreideähnlichen Verfärbungen.

Wer alle diese Maßnahmen beherzigt, dazu regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung geht und übermäßigen Zuckergenuss meidet, der darf mit einem gesünderen Gebiss rechnen. Kosten wird er kaum sparen. Denn auch dies zeigt das Beispiel der Schweizer. Weltweit geben sie hinter den US-Amerikanern das meiste Geld für ihr Gebiss aus. Logisch, sagt Zimmer, wer viele gesunde Zähne hat, muss auch für sie sorgen. Die Total-Prothese käme da allemal billiger. Ob sie schöner ist, muss jeder für sich beantworten.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben