Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Andreas Austilat

Man spricht in solchen Fällen gern vom „Herzschlagfinale“. Dabei geht es doch nur um ein Spiel. Ein Fußballspiel, um genauer zu sein, und der Ausdruck meint die knappste aller Entscheidungen: Den einen Treffer, erzielt per Elfmeter oder Golden Goal, der den Unterschied ausmacht zwischen Sieg oder Niederlage. Doch ist es vielleicht mehr als nur eine Redensart? Können Emotionen einen derart mitreißen, dass das Herz nicht mehr mitmacht?

Einzelfälle sind bekannt. Bei der letzten Fußball-WM in Asien berichteten Zeitungen, dass zwei junge Südkoreaner den Ausgleich der Italiener gegen ihr Team nicht mehr verkrafteten. Am Ende siegte Südkorea, da waren die beiden schon tot – das Herz hatte ausgesetzt.

Für Dietrich Andresen, Direktor der Kardiologie im Berliner Vivantes Klinikum am Urban, gehört das Phänomen zum klinischen Alltag. Ja, nach dramatischen Spielen würde der Notarztwagen schon häufiger alarmiert. Emotionen wirkten nun einmal auf das vegetative Nervensystem, das und die mit der Erregung verbundene Adrenalinausschüttung könne den Blutdruck in die Höhe treiben, das rasende Herz aus dem Tritt geraten, wenn es denn schon vorher nicht ganz gesund gewesen sei. Andresen war denn auch dabei, als im vergangenen Jahr der Berliner Spielbank ein Defibrillator übergeben wurde, eine Art Elektroschockgerät, von Laien zu bedienen und geeignet, ein stockendes Herz wieder in Gang zu bringen. Die Spielbank ist kein schlechter Platz für solch ein Gerät, findet der Kardiologe. Immerhin würden in Amerika überproportional viele Herzanfälle in Las Vegas, der Stadt der Spielhöllen, registriert.

Hollands schwarzer Tag

Wie aber verhält es sich mit dem Fußball? Vor ein paar Jahren schon haben holländische Mediziner der Universität Utrecht die Ereignisse rund um den 22. Juni 1996 untersucht – ein schwarzer Tag für die Niederlande. Erst schied ihr Nationalteam nach Elfmeterschießen gegen Frankreich aus, dann registrierten die holländischen Krankenhäuser 14 Herztote mehr als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Eine Steigerung um 50 Prozent gegenüber normalen Tagen. Betroffen waren ausschließlich Männer. Warum, darüber wurde nur spekuliert. Am wahrscheinlichsten galt den Medizinern, dass Frauen sich nicht so sehr für Fußball interessieren. Möglicherweise gehen sie auch sorgsamer mit ihrem Körper um, haben einfach die gesünderen Herzen.

Die Ergebnisse der Niederländer konnten französische Wissenschaftler in einer eigenen Studie nicht bestätigen. Was zwei Schlüsse zuließ. Zum einen waren Franzosen in der Vergangenheit im europäischen Vergleich ohnehin resistenter gegen Herzerkrankungen – womöglich wegen ihres höheren Rotweinkonsums, den manche Forscher als Stärkungsmittel preisen. Zum anderen wurde Frankreich 1998 Europa- und 2000 Weltmeister, zur Aufregung bestand kein Anlass – es sei denn vor Freude.

Wie ein Erdbeben

Im Dezember erschien nun im British Medical Journal das Ergebnis einer dritten Studie, diesmal von der Universität Bristol. Die Engländer hatten sich ganz genau angeschaut, was am 30. Juni 1998, während der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich, in ihren Krankenhäusern los war. An diesem Tag trat England gegen Argentinien an. Über 60 Prozent der Bevölkerung verfolgten das Ereignis vor dem Fernseher. Die mit hohen Erwartungen gestarteten Engländer verloren nach einem bösen Foul erst ihren Starspieler David Beckham und dann – nach Elfmeterschießen – das ganze Spiel. Anschließend registrierten die Krankenhäuser nicht mehr Schlaganfälle, Verkehrsunfälle oder Fälle von vorsätzlicher Körperverletzung als sonst, aber bei Herzinfarkten, da verzeichnete man eine Steigerung von 25 Prozent. Und zwar sowohl bei Männern als auch, wenngleich in geringerem Ausmaß, bei Frauen. Die Forscher verglichen das Ergebnis mit einem Erdbeben: Als nämlich 1994 in Südkalifornien die Erde bebte, wurden 35 Prozent mehr Herzinfarkte registriert als an normalen Tagen.

Sie zogen daraus folgende Schlüsse: Erstens, es mag makaber klingen, die Auswirkungen eines Erdbebens mit denen einer Fußballpartie zu vergleichen, aber in bezug auf das Risiko, einen Herzanfall zu erleiden, gibt es rein statistisch Übereinstimmungen. Zweitens, nicht nur physische Überanstrengung kann einen Herzinfarkt nach sich ziehen, gleiches gilt für psychischen Stress.

Der bleibt bei einem gesunden Herzen ohne Folgen. Gefährlich wird es erst, wenn durch mangelnde sportliche Betätigung, Rauchen, falsche Ernährung und zu viel Alkohol das Herz bereits vorgeschädigt ist. Leider verführe gerade das Anschauen spannender Fußballspiele auf massive Weise zu eben diesem Fehlverhalten. Fernsehzuschauer, so die Empfehlung der holländischen Mediziner in Utrecht, sollten dringend ihr Ernährungs-, Bewegungs- und Trinkverhalten überprüfen, bevor sie sich einem Fußball-Finale aussetzen.

Die englischen Forscher dagegen würden am liebsten den Auslöser beseitigt sehen: Sollte man nicht, so ihre Frage, auf Elfmeterentscheidungen künftig verzichten?

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