Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Die Tribunale der Vereinten Nationen für Ex-Jugoslawien und Ruanda suchen Menschen, die zu den größten Verbrechern der Geschichte gehören. Die Täter sollen ihrer gerechten Strafe nicht mehr entrinnen können. Geständnisse gibt es kaum – Einsicht und Reue sind noch seltener. In vollem Bewusstsein

Caroline Fetscher

Drazen Erdemovic hat gemordet. Vom Morgen bis zum Abend gemordet, am 16. Juli 1995, in Branjevo, Ostbosnien. Systematisch erschossen er und andere Soldaten den ganzen Tag lang unbewaffnete Menschen - auf Befehl ihrer Vorgesetzten in der Armee der bosnischen Serben. Sie schossen auf Hunderte und Hunderte von Jungen und Männern zwischen siebzehn und siebzig. Alle kamen aus Srebrenica. Es sollen, an dieser einen Exekutionsstätte allein, weit über tausend gewesen sein. Mehr als 7500 muslimische Männer und Jugendliche und töteten serbische Militärs in diesen Tagen, Hunderte wie Erdemovic gehören zu den Tätern. Einer allein hatte den Mut, sich zur Tat zu bekennen.

„Ich bin schuldig“, sagt Drazen Erdemovic, als er am 31. Mai 1996 in Den Haag vor seinen Richtern steht, ein magerer, blasser 23-Jähriger. Stockend erklärt er dann: „Euer Ehren – ich musste es tun.“ Sonst hätten sie ihn umgebracht, sagt er. Am Ende seiner Aussage presst Erdemovic die Lippen zusammen, um sich zu fassen. Es gelingt ihm nicht. Er hält eine Hand vors Gesicht und bricht weinend zusammen.

„Ich bin schuldig“: Ein seltener Satz, wenn es um Schwerverbrechen geht. Drazen Erdemovic, der junge Mann aus der bosnisch-serbischen Armee, hat ihn als erster Angeklagter eines UN-Tribunals ausgesprochen: „Ja sam kriv.“ Wie bei den Nürnberger und Tokioter Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg gilt jedoch auch im modernen Völkerstrafrecht: Je höher ein Angeklagter in der Befehlskette stand, desto schwerer wiegt seine Schuld. Nach Hauptverfahren und Revision erhielt Erdemovic fünf Jahre Haft. Er sei zur Tat gezwungen worden, führten die Richter aus. Der Mann, den sein Gewissen ein Leben lang belasten wird, lebt heute, vom Zeugenschutzprogramm der Uno mit einer neuen Identität ausgestattet, in einem unbekannten Land.

Kleine und große Fische sind Den Haag wie Arusha, Sitz des Haager Schwester-Tribunals der Uno, eingerichtet 1994 für Verbrechen während des Ruanda-Krieges, ins Netz gegangen. Lagerleiter, Folterer, Soldaten, die gemordet haben, zum Morden gezwungen wurden, Priester und Bischöfe, die – besonders in Ruanda – zum Hass aufhetzten und den Untaten Vorschub leisteten, Offiziere und Generäle, Minister und Staatschefs. Dragoljub Kunarac, der im bosnischen Lager Foca, Hunderte von Frauen und Mädchen versklavte und vergewaltigte, Massenvergewaltigungen und Misshandlungen beförderte und duldete, wurde Ende Februar 2001 in Den Haag zu 28 Jahren Gefängnis verurteilt.

Aber beide Tribunale richten ihre Aufmerksamkeit dezidiert auf die obersten Drahtzieher der Menschheitsverbrechen, die „Bosse des Bösen“. Am morgigen Montag wird Milan Milutinovic erstmals vor seinen Richtern in Den Haag erscheinen. Er wird auf unschuldig plädieren. „Nisam kriv“ – ich bin nicht schuldig, das sind die ersten Worte auf serbokroatisch, die jeder Prozessbeobachter von alleine lernt. Auch der 57-jährige Milutinovic wird sie voraussichtlich sagen. Auf die Vorwürfe, er sei im Fall Kosovo beteiligt gewesen an Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sei er gut vorbereitet, ließ er vor dem Abflug in Belgrad hören. Der Mann, der noch bis vor drei Wochen als serbischer Präsident im Amt war, hat sich freiwillig überstellen lassen – wie 16 andere Angeklagte vor ihm.

Das Tribunal in Arusha erfährt in Europa, mit Ausnahme von Belgien und Frankreich, wenig Öffentlichkeit. Doch die Täter dort verantworten sich für mindestens so schwere Verbrechen, wie in Den Haag. 500 000 oder, so manche Schätzungen, sogar bis 800 000 Tote forderte Ruandas Völkermord. Groß war die Überraschung, als sich Ruandas ehemaliger Premier Jean Kambanda am 1. Mai 1998 schuldig bekannte. Ja, er habe Völkermord begangen, zum Völkermord angestiftet, Völkermord geduldet. Was sensationell und für den Täter hoffnungsvoll begann, endete für ihn im September 1998 hart und nüchtern: Lebenslänglich. Kambanda, der 1955 geborene Diplomingenieur, Vater zweier Kinder, ein aggressiver Politiker und Machtmensch, hatte sich verkalkuliert. Er hatte offenbar auf mildernde Umstände gehofft – vergebens. Die Richter sahen keinen Grund für Gnade: Kambanda habe im Prozess weder Mitleid noch Reue gezeigt, und er habe, als Staatschef, die Pflicht gehabt, sein Volk zu schützen, nicht es zu unterjochen und zu ermorden. Er sitzt heute in Mali in Haft.

Spekuliert wird darüber, was die ehemalige Stellvertreterin Radovan Karadzics, die als Rassistin und Einpeitscherin bekannte 71-jährige Biljana Plavsic, bewogen haben mag, sich im November 2002 in Den Haag schuldig zu bekennen. Anders als Kambanda zeigt Plavsic Reue und Einsicht. Am 17. Dezember erklärte sie vor Gericht, sie habe zwei Haftjahre lang gründlich nachdenken können, nun wolle sie ihr Volk von der Kollektivschuld befreien und ihren Anteil Schuld auf sich nehmen. „Ich akzeptiere jetzt die Tatsache, dass Tausende Unschuldiger zu Opfern einer systematischen Aktion wurden, Muslime und Kroaten von einem Territorium zu vertreiben, das Serben als ihres ansahen.“ Sie habe zur Führung der Serben gehört und sehe ihre Mitschuld. Die Führung des Landes habe ihre „Grundpflicht verletzt, die Würde anderer zu achten“. Sie hoffe, ihr Geständnis werde Muslimen, Kroaten und Serben helfen, „nicht von Bitterkeit übermannt zu werden“.

Sollten Plavsics Anwälte vom Fall Kambanda gelernt haben, dann vor allem, dass mildernde Umstände nur zu erreichen sind durch ein Geständnis mit Einsicht und Reue. Plavsic indes beharrt darauf, dass es ihr um Milde nicht geht. Selbst bei einer – vergleichsweise geringen – Haftstrafe von zehn Jahren, bedeutet das für eine Frau in ihrem Alter ebenso viel wie lebenslänglich. Womögliche sind die Tribunale dem einen Schritt näher gekommen, was der Internationale Strafgerichtshof einmal leisten soll, der seine Arbeit demnächst aufnimmt: Verantwortliche vom Missbrauch ihrer Macht so abzuschrecken, dass sie gar nicht erst damit beginnen. Biljana Plavsic, sagen manche Völkerrechtler, hat einen Anfang gemacht. Die kroatische Autorin und Prozessbeobachterin Slavenka Drakulic kommentierte, ihr „Auftritt vor Gericht ist nicht nur bewundernswert mutig, nicht nur das beeindruckende Zeugnis einer Bereitschaft zum moralischen Wandel – er ist historisch. Denn nachdem jemand wie sie die serbische und die eigene Schuld bekannt hat, wird keiner sie mehr leugnen können.“

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