Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Hartmut Wewetzer

Von Hartmut Wewetzer

Helge Schneider weiß aus eigener Erfahrung, warum er in seinem neuen Lied „Tu ma lieber die Möhrchen“ mit der ihm eigenen Sprache singt, „Marihuana is nit gutta!“. Der Entertainer war in jungen Jahren selbst Kiffer: „In langen Leidensjahren habe ich erlebt, dass man davon unreine Haut bekommt, schmutzige Fingernägel und lange Haare.“ Haschisch „macht so schlapp, kriste Kopp aus Papp!“ Schneider steht mit seinen Möhrchen derzeit in Hitparaden-Konkurrenz zu Stefan Raab. Der wiederum hat Christian Ströbele gesampelt – mit dem Satz „Gebt das Hanf frei“.

Wie gefährlich ist die Hanf-Pflanze Cannabis, die sowohl Haschisch als auch Marihuana liefert? Die Frage beschäftigte bereits das Bundesverfassungsgericht – auch die Richter konnten sie nicht beantworten. Immerhin, in letzter Zeit bestätigen immer mehr Wissenschaftler Helge Schneiders Jugenderfahrungen: Cannabiskonsum ist riskanter als es viele seiner Anhänger wahrhaben wollen. Jüngstes Beispiel ist eine australische Studie, die sich mit der Frage beschäftigte, ob früher Marihuana-Konsum einer späteren Drogen- und Alkoholsucht den Weg ebnet. Die Forscher befragten 311 Zwillinge, von denen jeweils der eine bereits vor dem 17. Lebensjahr begonnen hatte, Marihuana zu rauchen.

Das Ergebnis, veröffentlicht im amerikanischen Fachblatt „Jama“ von dieser Woche, bestätigt die Befürchtung, dass Cannabis Einstiegsdroge sein kann. Wer früh mit dem Marihuana-Rauchen anfängt, hat ein um das zwei- bis fünffache erhöhtes Risiko, später von Cannabis abhängig zu werden, harte Drogen zu nehmen oder dem Alkohol zu verfallen. Weil die Forscher jeweils Zwillinge miteinander verglichen, konnten die Unterschiede nicht auf ein anderes soziales Umfeld oder die Erbanlagen zurückgeführt werden.

Immer mehr Konsumenten

Brisant sind diese Ergebnisse, weil Cannabis gerade bei Jüngeren immer beliebter wird. In Westdeutschland haben bereits 16 Prozent der Zwölf- bis 18-Jährigen Erfahrungen mit der Droge, bis zum 24. Lebensjahr sind es gar 38 Prozent. Bei den ganz Jungen sei der Konsum in den letzten Jahren „explodiert“, sagt Rainer Thomasius, Leiter der Drogenambulanz am Hamburger Universitätsklinikum.

Cannabis gilt als weiche Droge. Die Gefahr schwerwiegender akuter Gesundheitsprobleme ist gering, das Suchtrisiko nicht so dramatisch wie bei Heroin. Aber das heißt nicht, dass der Konsum folgenlos bleibt. Vor einigen Wochen veröffentlichte das „British Medical Journal“ drei Studien, die zu einem deprimierenden Schluss kamen: Wer in seiner Jugend viel Cannabis konsumiert, hat später ein deutlich erhöhtes Risiko, an einer Depression, einer Angststörung oder gar einer Schizophrenie zu erkranken.

Schon länger beschäftigt Wissenschaftler der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Haschisch und Schizophrenie. Die Droge kann bei psychisch Gesunden Symptome auslösen, die auch bei Schizophrenen auftreten, zum Beispiel Halluzinationen, Panikreaktionen und Verfolgungsideen. Bei Schizophrenen kann sie einen erneuten Krankheitsschub hervorrufen, Halluzinationen und Wahnideen verstärken.

Und dann ist da noch das „amotivationale Syndrom“. Das ist in etwa das, was Helge Schneider mit „Kopp aus Papp“ bezeichnet: die Betroffenen dümpeln gleichgültig dahin und verlieren das Interesse an sozialen Bindungen und Beruf. Es tritt bei Leuten auf, die über lange Zeit Cannabis konsumieren – und findet sich in ähnlicher Form auch bei der Schizophrenie.

Wie bei der Schizophrenie

Die Tatsache, dass Cannabis wie Schizophrenie dieses Syndrom auslösen kann, führen japanische Forscher auf eine gemeinsame Wurzel zurück. Es gebe Hinweise, dass das körpereigene Cannabis-System bei einer bestimmten Form der Schizophrenie besonders aktiv ist und das „amotivationale Syndrom“ auslösen könnte, schreiben sie im Fachblatt „Molecular Psychiatry“.

Solche Annahmen sind vorerst noch kein gesichertes Wissen. Viel handfester ist dagegen eine Warnung der Britischen Lungenstiftung, die vor zwei Monaten auf die Gefahren des Marihuana-Rauchens für die Atemwege hinwies. Danach ist Cannabis nicht etwa ein „gesunder“ Ersatz für Tabak. Auch ein Joint enthält viele der vom Tabak bereits bekannten krebserregenden Stoffe, etwa das hochgefährliche Benzpyren. Wer sich am Tag drei oder vier Cannabis-Zigaretten genehmige, tue seinen Bronchien das gleiche an wie jemand, der 20 oder mehr Zigaretten rauche.

Aus der Hanfszene werden solche Veröffentlichungen kritisch beäugt und angezweifelt. Aber vom Tisch wischen lassen sie sich nicht, auch wenn die Schadensbilanz „erlaubter Drogen“ wie Alkohol und Nikotin unendlich viel größer ist. Jeder Rausch muss bezahlt werden, hat der Schriftsteller Ernst Jünger einmal festgestellt. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, sollte sich an Helge Schneider halten und zu Möhrchen greifen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar