Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Adelheid Müller-Lissner

Noch bevor der Fahrer das Fenster öffnen und seine Wünsche mitteilen konnte, bedeckte der Tankwart Mund und Nase mit einem Taschentuch. Der Wagen kam, wie das Kennzeichen deutlich zeigte, aus Meschede. Man schrieb das Jahr 1970. Und jeder, der aus der Kleinstadt im Hochsauerland kam, war verdächtig, denn dort hatten sich gerade gut ein Dutzend Menschen in einem Krankenhaus mit einem gefährlichen Virus infiziert, das ein junger Mann nach einer Reise aus Pakistan eingeschleppt hatte.

Sie gehörten zu den letzten, die in Deutschland an den Pocken erkrankten. Schon wenige Jahre später, im Jahr 1979, wurde das Variola-Virus von der Weltgesundheitsorganisation ganz offiziell für ausgerottet erklärt. Nur in zwei Sicherheitslabors, eines in Atlanta, USA, und eines in Koltsovo bei Novosibirsk, dürfen sich heute noch Proben der gefährlichen Erreger befinden. Trotzdem hat die Bundesregierung erneut die Anschaffung von Pockenimpfstoff beschlossen, bis zum 1. April sollen schon 75 Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Die Bevorratung ist der erste Teil eines Vorsorgekonzepts. Denn niemand kann ausschließen, dass Viren in unbefugte Hände gelangten. Sie wären eine äußerst wirksame Waffe.

Die Pocken verstehen es, sich mit der ausgeatmeten Luft eines Infizierten ausgesprochen schnell zu verbreiten. Ansteckend werden die Tröpfchen aus dem Atem erst einige Tage nach einer Neuinfektion, und zwar dann, wenn die Schleimhaut des Rachens sich verändert hat. Das geschieht sieben bis 19 Tage nach der Infektion. Meist zwingen zu diesem Zeitpunkt Fieber und Mattigkeit den Erkrankten ins Bett, so dass in erster Linie die Menschen gefährdet sind, die den Patienten pflegen. Erst zwei bis fünf Tage nach dem Befall der Schleimhaut kommt es zu den typischen Hautveränderungen. Das Virus im Inhalt der Pusteln kann auch indirekt durch Wäsche aus dem Krankenzimmer übertragen werden. Ansteckend bleibt ein Pockenkranker, bis die letzten Krusten der Pusteln abgefallen sind. „Ein kurzer gleichzeitiger Aufenthalt mit einem Kranken in einem Raum genügt, um die Infektion auszulösen“, steht in einem Kinderheilkundebuch aus dem Jahr 1968, als Mediziner noch praktische Erfahrungen mit dem Virus hatten.

Um die Krankheitssymptome auszulösen, muss das Virus sich zunächst im großen Maßstab vermehren. Das tut es zu Beginn in den Lymphknoten, die in der Nähe seiner Eintrittspforte liegen. Innerhalb einer Woche verbreitet es sich über die Blutbahn weiter und infiziert Zellen des Immunsystems von Milz, Leber, Knochenmark und Lunge. Stark vermehrt dringen die Erreger von dort aus, in die Pusteln verpackt, denen sie ihre Namen Pocken oder Blattern verdanken, in die Schleimhäute und in die Haut vor. Besonders gefährlich sind die „schwarzen Blattern“, bei denen der Pustelinhalt blutig ist und auch die Schleimhaut blutet. Lebensgefahr besteht durch Versagen des Kreislaufs, aber auch durch Entzündungen der Lunge, des Herzmuskels oder im Gehirn.

Wären Ärzte von heute überhaupt noch in der Lage, die besiegte Krankheit zu erkennen, wenn sie jemals durch verbrecherische Aktivitäten erneut in Umlauf kommen sollte? Zu Beginn könnten hohes Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen auch an eine schwere Grippe denken lassen. Die Pusteln selbst könnten mit schweren Windpocken verwechselt werden, wie sie Erwachsene manchmal befallen. Trotzdem spricht der Dermatologe Günter Stüttgen, der 1962 nach dem vorletzten Ausbruch der Krankheit in Deutschland an der Düsseldorfer Uniklinik mehrere Patienten behandelte, von „charakteristischen Krankheitszeichen, die man eigentlich nicht übersehen kann“.

Gewissheit geben die Anzucht des Virus auf Zellen von Hühnerembryonen und moderne molekularbiologische Methoden. Schnellen Aufschluss verschafft der Blick auf die Bläschenflüssigkeit durch das Elektronenmikroskop. Und Tempo ist in der Pockendiagnostik entscheidend. Im Wettlauf mit dem Unheil, das der hochinfektiöse Erreger anrichtet. Aber auch als Mittel gegen die Panik, die sich womöglich noch schneller verbreitet als ein Virus.

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