Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Deike Diening

Von Deike Diening

Jackie Kennedy war im Zimmer nebenan, als ihr Mann schrie. Laut und wie am Spieß. Aber es war eigentlich nichts weiter, als sie herbeirannte. Er bekam eine seiner regelmäßigen Spritzen gegen Rückenschmerzen von seiner Ärztin Janet Travell. Das ging schon lange so. Seit seiner Kindheit, um genau zu sein. Denn John F. Kennedy, der Mann mit dem sportlichen Image, war ein körperliches Wrack. Er war während seiner Amtszeit auf ständige ärztliche Begleitung angewiesen und hatte vor seiner Wahl zum Präsidenten schon einmal die Sterbesakramente empfangen.

Die Amerikaner wussten, dass ihr Präsident große Rückenschmerzen hatte, aber dass es so schlimm war, wissen sie erst jetzt: Er bekam regelmäßig Hydrocortison und Testosteron, Steroide, um mit Stress umgehen zu können, denn er selbst produzierte zu wenig eigene Hormone – die so genannte Addison-Krankheit. In Phasen hoher Belastung verabreichte man ihm einfach mehr davon. Kennedy entwickelte chronische Rückenschmerzen, bekam Osteoporose – wie man jetzt vermutet, als Folge der Steroide. Er nahm Schmerzmittel, Barbiturate für den Schlaf, Amphetamine gegen Müdigkeit, Antibiotika gegen fiebrige Entzündungen des Verdauungstraktes und oft alles zugleich. Und trotzdem: Tonbandaufnahmen zeigen zum Beispiel in der Kuba-Krise den Präsidenten keineswegs umdämmert, sondern reaktionsstark und verhandlungssicher. Trotz Schmerzen, trotz Medikamente.

Das Beispiel Seehofer

Wie ist das möglich? Wie kann jemand trotz ständiger, starker körperlicher Behinderungen Höchstleistungen erbringen? War ihm die Politik ein Lebenselixier? Der Biograph Robert Dallek, der als erster die vollständigen Krankenakten Kennedys einsehen durfte, zeichnete kürzlich für das Magazin „Atlantic Monthly“ das Bild eines heroischen Menschen, der mit größter Willenskraft seine Krankheiten zu überwinden versucht. Zugleich muss man fragen: Wie konnte es ihm gelingen, die Öffentlichkeit in anderem Glauben zu lassen? Und ist das in diesem Amt nicht verantwortungslos?

Horst Seehofer sieht das so. Der CSU-Politiker wäre Anfang letzten Jahres beinah an einer akuten Herzmuskelentzündung gestorben und ist auf eine Weise das genaue Gegenteil von Kennedy. Lange Jahre hatte er nie einen Arzt gebraucht. „Ich hatte ja so eine Aura der Unfehlbarkeit. Ich habe sogar oft kokettiert damit, vorher, mit meinem Nervenkostüm und meinen Nehmerqualitäten, weil ich so bumperlgesund war.“ Als Gesundheitsminister konnte er seine eigene gute körperliche Verfassung als politisches Argument gelten lassen. Da erwischte ihn Anfang des letzten Jahres diese Entzündung am Herzen. Sie kam mitten im Wahlkampf, sie war lebensgefährlich, und Seehofer konnte sie nicht gebrauchen. Er brachte es fertig, die Krankheit zu verdrängen, bis er vor Schwäche nicht mehr gehen oder sitzen konnte und fast daran gestorben wäre. Seehofer hat sich sehr erschrocken, wirkt heute wie geläutert – und er empfand es als seine Pflicht, die Öffentlichkeit über seinen Zustand nicht im Unklaren zu lassen.

Das Beispiel Hildebrandt

Kennedy, die Vermutungen sind einhellig, wäre wohl nicht gewählt worden, wenn die Amerikaner von seinen Krankheiten gewusst hätten. Der Präsident konnte sich ohne Hilfe nicht einmal mehr die Socken anziehen. Und seine größte Angst war, dass dies aufflog. Trotzdem war er ein guter Präsident. Geliebt wurde er obendrein.

Aber es stellt sich die Frage: war Kennedy trotz oder wegen seiner Krankheiten so leistungsstark? Die Experten-Meinungen sind geteilt. Die einen sagen, der politische Ehrgeiz fresse sinnvolle Therapie, das heißt, die Kranken ruinieren sich, ohne auf ihren Körper zu achten. Die Politik macht krank. Andere sagen, der politische Ehrgeiz ist selbst die Therapie. Dann macht Politik gesund.

Anders liegt der Fall bei akuten Erkrankungen. „Im Unterschied zu Kennedy war das Loslassen bei mir die einzige Therapie, um mein Leben zu retten. Das lag an der Art der Erkrankung,“ sagt Seehofer. Die Ärzte verordneten ihm politische Abstinenz bis zur Genesung.

Wer allerdings chronische Schmerzen hat oder einer ständigen Behinderung ausgesetzt ist, muss nach einer dauerhaften Lösung suchen. Und hier kann die politische Arbeit sogar helfen. Regine Hildebrandt hat trotz ihrer Krebserkrankung viel gearbeitet. Aber sie hat auch viel Anerkennung bekommen. Anerkennung ist ein Weg, Schmerzen vergessen zu machen. Schmerzpatienten wird denn auch empfohlen, sich nicht ausschließlich auf ihr Leiden zu konzentrieren, sondern sich abzulenken und beweglich zu bleiben.

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