Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Weil sie feinere Knoten machen, waren Frauen in der Viskosefabrik von Premnitz im Vorteil. Sie mochten die Arbeit. Selbst wenn es nach faulen Eiern roch. Jetzt hat das Werk dicht gemacht. Doch sie kämpften darum, mit allen Mitteln. Kunststoff für viele Leben

Kirsten Wenzel[Premnitz]

Vor dieser Tonne, aus der hoch die Flammen lodern, haben sie 82 Tage gesessen. Solange das Feuer brennt, gibt es Hoffnung, sagten sie sich Tag für Tag. Auch an Nikolaus, an Weihnachten und an Silvester. Sie saßen da für ihr Werk, für ihre Arbeit, für die Zukunft ihrer Stadt, im Schichtdienst, mit Thermoskannen und elektrischen Taschenwärmern. Sie hatten Brennvorräte für Wochen angelegt. Auch wenn die Blockade der Werktore am Schluss nur noch eine symbolische war, sie wussten: Die Maschinen sind ihr letztes Pfand. Das Einzige, was wirklich noch etwas wert ist in den Produktionsanlagen des Viskosewerks Prefil in Premnitz.

Gestern war es vorbei. Kein lautes Wort, nur Schweigen und Tränen gab es, als am Mittag Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns vor die 150 Arbeiter trat und das Aus von Prefil verkündete. Das Land habe alles versucht, beteuerte er. Aber der potenzielle Investor hatte bis zuletzt kein konkretes Angebot für die Übernahme gemacht. Der Wirtschaftsminister sagte etwas von Auffanggesellschaften, und dass das nicht das Ende für die gesamte Industrie in Premnitz bedeuten soll. Doch für die Menschen, die ihm zuhörten, brach endgültig eine Welt zusammen. Jeden Tag waren sie nach Potsdam gefahren, um auch dort zu protestieren.

Das System

Was hat sich der Werkschlosser Lothar Boetig im Dezember gefreut, als sie ihn fragten, ob er wieder arbeiten will. Wo doch schon im August Insolvenz angemeldet worden war und alle 218 Mitarbeiter der Prefil GmbH entlassen worden waren. Ein Hoffnungsschimmer, dass es vielleicht wieder losgeht mit der Viskoseproduktion, denn Turbulenzen hatte es ja in der Vergangenheit oft schon gegeben. Die Hoffnung schwand mit einem Schlag, als Boetig erfuhr, dass er lediglich die modernen Spinnmaschinen abmontieren sollte, damit sie nach Indien verkauft werden können. Da hat der Schlosser leise nein gesagt, ist nach Haus gegangen und hat genau einmal telefoniert.

Die Premnitzer sind im Krisenfall gut organisiert. Mit einer Telefonkette hatte Boetig die ehemalige Belegschaft in 30 Minuten zusammengetrommelt. Alle waren sofort dabei, auch weil sie sich an einen Erfolg erinnern konnten: Schon einmal hatten die Arbeiter mit einer Werksbesetzung Sympathien und Investoren gefunden. Das war vor zehn Jahren, da haben sie ihre Fabrik vor der Schließung durch die Treuhand bewahren können.

Am 3. Dezember 2002 bauten sie also wieder ihre Posten vor den Toren der Viskosefabrik auf. Tonnen, Stühle, Decken, ein grüner Windschutz. Fast drei Monate lang haben sie unter dem Plastikdach gesessen, rund um die Uhr. „Wir wussten: Wenn die Spinnmaschinen weg sind, ist es vorbei“, sagt Lothar Boetig. Nicht nur mit der Fabrik. Sondern mit der ganzen Industrie in Premnitz.

In Premnitz hält man enger zusammen, weil man hier deutlicher spürt als anderswo, wie sehr alles zusammenhängt, erklärt Boetig. Premnitz ist nicht nur eine Stadt, Premnitz ist ein System. Das war in der Vergangenheit seine Stärke, in den letzten Jahren seine Schwäche. Im Zentrum des Systems steht das große Heizwerk, erbaut in den 70er Jahren. Die Fabriken leben von seinem Strom und Dampf, und das Heizwerk von den Fabriken. Je weniger Fabriken es gibt, umso teurer werden Strom und Dampf. Es gab einmal viele Fabriken in Premnitz. Schon zur Zeit des Ersten Weltkriegs waren hier über 7000 Menschen beschäftigt. Damals produzierten sie Schießwolle für die Rüstungsindustrie.

Als die Stadt später zum Zentrum der DDR-Faserindustrie wurde, gab es sogar Arbeit für 8000 Menschen. Premnitz, die Industriestadt mitten in der Natur, entwickelte einen regelrechten Sog. In der Kleinstadt zwischen Brandenburg und Rathenau gab es interessante Jobs und viele Wohnungen. So mancher zog gerne an die Havel, aus Mecklenburg, aus Sachsen. Heute sieht es hier düster aus. Jeder Vierte ist arbeitslos. Von den 1990 gemeldeten 11000 Einwohnern sind noch 8000 übrig, Tendenz fallend. In dem ehemaligen Chemiezentrum sind nach dem Ende von Prefil nur noch 500 Menschen beschäftigt, und auch diese letzten Arbeitsplätze sind jetzt bedroht.

Die weltweit erste Teppichrecycling-Firma „Polyamid 2000“ hatte sich erst 1998 für Premnitz entschieden. Jetzt fehlt dem Unternehmen sein Hauptkunde. Auch das Kraftwerk ist nicht mehr zu halten. In der nächsten Woche beginnen bereits Schließungsgespräche. Der Fall von Prefil ist der Anfang vom Ende für den Chemiestandort Premnitz, fürchtet Wolfgang Weber von der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Ein Dominoeffekt.

Auch Waltraud Sieber saß seit Dezember mit zwei Schals und drei Pullovern jeden Tag am Feuer und hoffte. Besonders nachdem Ministerpräsident Platzeck erst am letzten Wochenende noch gesagt hatte, es gebe eine echte Chance für Prefil. Vielleicht kommt einer von uns beiden noch mal unter, hat sie gedacht. Sie hatte gemeinsam mit ihrem Mann bei Prefil gearbeitet. Die beiden Kündigungen lagen am selben Tag im Briefkasten. Gleich in der ersten Woche der Besetzung waren Junghanns und Ministerpräsident Platzeck zu ihnen ans Werkstor geeilt und hatten Hilfe versprochen. Fernsehteams waren auch da, mehr als man zählen kann, und viele Unterstützer aus der Umgebung. Das hat Mut gemacht. Die Politik hatte schon so oft geholfen in Premnitz. Mindestens 400 Millionen Euro öffentliche Gelder sollen seit 1990 in das marode Industriegebiet geflossen sein. Genaue Zahlen will in Potsdamer Regierungskreisen aber niemand nennen. So wie auch Waltraud Sieber ihre Chefs der letzten Jahre nicht mehr aufzählen kann. Da waren die Schweizer, die West LB, die Spanier, ach ja, und die Toleram Group aus Singapur. Aber wie viele insgesamt? „Beim besten Willen, das weiß ich nicht“, sagt die 46-Jährige. Zu viele haben sich schon an der Viskose in Premnitz versucht und mussten glücklos wieder von dannen ziehen. Und immer wieder flossen reichlich Fördergelder, aus allen möglichen Töpfen.

Letzter Hoffnungsschimmer

Im letzten Sommer schien doch noch alles gut zu werden. Die Frauen aus dem Spinnsaal freuten sich über den frischen gelb-blauen Fassadenanstrich ihrer Halle, die Auftragsbücher waren voll, die Maschinen liefen rund um die Uhr. Und dann hieß es plötzlich wieder: Insolvenz. Neue Hürden waren aufgetaucht. Die Firma konnte die hohen Kosten für die vorgeschriebene Werksfeuerwehr und ein brandsicheres Dach nicht aufbringen. Die Sicherheitsstandards für den Umgang mit dem hochgiftigen und explosiven Schwefelkohlenstoff, der aus der flüssigen Viskosemasse erst einen Faden werden lässt, wurden in den letzten Jahren geändert. Doch das Werk in Premnitz, in dem seit 1928 Kunstseide produziert wird, war das alte geblieben.

Aus Potsdam hatte man in den letzten Tagen schon deutlich skeptischere Töne zum Thema Premnitz gehört als noch am letzten Wochenende. Es mehrten sich Stimmen, wie die des wirtschaftspolitischen Sprechers der SPD, Heiko Müller, die vor einem weiteren Engagement des Landes warnten. 29 Millionen Euro, so hieß es, wolle der neue Investor, dem bereits die Märkische Faser AG auf dem Gelände gehört, vom Land als Starthilfe, viel mehr als nur das Geld für die Beseitigung der Sicherheitsmängel. Würde der Staat noch einmal in die Bresche springen, weiter überalterte Strukturen stützen? Jetzt hat das Land einen Schlussstrich gezogen.

Wegen der Fingerfertigkeit, die man zum Beispiel braucht, um die Fadenenden mit dem fast unsichtbaren Weberknoten aneinander zu binden, waren die meisten Arbeiter bei Prefil Frauen, viele geschieden oder die einzigen Verdiener in der Familie. Sie sind zäh geworden in den letzten Jahren des ewigen Auf und Ab. Sie haben gelernt, sich die Verzweiflung vom Leib, ihre Hoffnung klein, aber lebendig zu halten. Bis der Wirtschaftsminister mit seinen Dienstauto vorfuhr, war immer noch etwas von diesem Kampfgeist vorhanden.

Eine von den Frauen ist Karen Falkenhagen, jung, still, mit goldenem Stecker im Nasenflügel. Ihre Kollegen nannten sie unser „Sonnenscheinchen“ und sagten „Liebste, was biste ne Kichererbse“. Was bleibt einem auch übrig außer lachen, sagt Karen, wenn man mit 17 ein Kind bekommt, wenn der Job dauernd wegbricht und ein Kerl nach dem anderen abhaut? Sie gehörte vor zwölf Jahren zu den Letzten, die im Viskosewerk noch als „Chemikanten“ ausgebildet wurden. Wenn du in den Schichtdienst gehst, wirst du übernommen, haben ihr die Vorgesetzten versprochen. Also fragte sie ihre Nachbarin, ob sie ab und zu an der Tür nach ihrem kleinen Sohn hören könne und ging nachts arbeiten. Nach der Lehre saß sie trotzdem auf der Straße und musste von 500 Mark Arbeitslosengeld leben. Als das Werk 1994 wieder Arbeiterinnen suchte, rief sie so lange in der Personalabteilung an, bis man ihr schließlich den Job gegeben hat.

Karen mochte die Arbeit in der Spinnhalle, weil dort alle zusammenhielten. Sie mochte ihre Arbeit, auch wenn es anstrengend war, die mannshohen Garnrollen – im Fachjargon Garnbäume genannt – bei, während der Produktion nötigen, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit einzupacken. Es störte sie nicht, wenn es im Sommer nach faulen Eiern roch. Sie zuckte die Schultern, wenn sie von Kolleginnen hörte, dass nach 20 Jahren im Spinnsaal die Hände taub werden und die Gliedmaßen einschlafen, als Folge des Schwefelkohlenstoffs.

Pleiten, Pausen, Neuanfang, das war die alltägliche Katastrophe in Premnitz, wenn auch längst nicht nur dort, sondern an vielen Orten in Brandenburg. Nach jeder Pleite gab es noch weniger Geld, noch weniger Lohn, wenn es wieder von vorne anfing. Aber es war immer noch Geld, sagt Karen. Richtiges Geld. Und keine Sozialhilfe.

„So weit werde ich es auch jetzt nicht kommen lassen“, sagt sie. Sie könnte sich in der Reißverschlussfabrik in Rathenow bewerben oder im Waschmaschinenwerk in Nauen. Oder eine Umschulung machen. Sie ist noch jung, 29 Jahre. Andere schauen da in einen tieferen Abgrund. Das Durchschnittsalter der Belegschaft lag über 40.

„Immerhin haben wir gekämpft und alles versucht“, sagt Karen. Das Feuer vor dem Werktor war das Zentrum ihres Protests. Solange das Feuer noch brannte, war es warm in Premnitz. Auch wenn es zum Schluss nur noch ein Funke war. Heute werden sie das Feuer in der Tonne löschen.

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