Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Stefanie Flamm

Als die „heimliche Krankheit“ Magersucht in den letzten zehn Jahren öffentlich wurde, konnte man fast den Eindruck haben, es handele sich dabei um eine Prominentenepidemie, unter der vor allem Sportler und Königskinder zu leiden haben: Mitte der 90er Jahre gab Lady Diana während eines Fernsehinterviews zu, eine Bulimie, also Ess-Brech-Sucht, hinter sich zu haben, ein paar Jahre später sah die schwedische Krone sich genötigt zu erklären, warum Kronprinzessin Viktoria so hohlwangig von den Titeln der bunten Blätter lächelte. 1994 starb die amerikanische Turnerin Christy Henrich an den Folgen ihrer Magersucht, 2001 der deutsche Ruderer Bahne Rabe. Er wog bei einer Körpergröße von über zwei Metern weniger als 60 Kilogramm. Er wollte nicht sterben, aber sein Körper konnte ohne Nahrung nicht mehr leben. Was bringt intelligente, gut ausgebildete Menschen dazu, sich das Nötigste zu verweigern, warum versuchen sie, die Naturgesetze im Selbstexperiment zu bezwingen?

Einstiegsdroge Diät

Bei einer Krankheit, die in fast allen Fällen mit einer Diät beginnt, liegt es zuerst einmal nahe, dem Schlankheitsdiktat der westlichen Gesellschaften die Alleinschuld zu geben. Die Zahlen scheinen auch dafür zu sprechen: Der Body-Maß-Index für Schönheitsköniginnen und Models (Gewicht durch Körpergröße im Quadrat) ist von 1920 bis heute von 22 auf 18 Punkte gesunken. Und wenn man weiter bedenkt, dass die Durchschnittsbevölkerung in diesem Zeitraum eher dicker als dünner wurde, muss sich gemessen am Laufstegideal fast jeder und jede Normalgewichtige „zu dick“ fühlen. Doch die immer größer werdende Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit kann nur erklären, warum Menschen, die durchaus eine normale Figur haben, sich dem Ideal entgegen hungern wollen. Sie gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, warum immer mehr, vor allem junge Menschen mit dem Fasten nicht mehr aufhören können, wenn der gewünschte Zustand erreicht ist. Um landläufige Vorstellung von Schönheit oder sexueller Attraktivität kann es bei ihrem Fasten nicht gehen: Magersüchtige verstecken ihren ausgemergelten Körper unter weiter, unförmiger Kleidung, sie schminken und frisieren sich nicht, und sie verlieren das Interesse am anderen Geschlecht vollkommen; Männer werden im fortgeschrittenen Stadium sogar impotent - und sie sind nicht selten froh darüber.

Anklage und Rebellion

Magersüchtige, mit Einschränkungen auch Bulimiker, leben in einer eigenen Welt, in der andere Werte und andere Regeln gelten. „Dann sagen sie mir, ich solle mir eine Freundin suchen. Ich habe niemanden. Ich will auch niemanden. Ich habe meine Waage und meinen Spiegel“, schreibt eine Anorektikerin in ihrem Tagebuch, das sie anonym ins Internet gestellt hat. Ihre Krankheit kann man als einen Kampf um Autonomie oder Autarkie verstehen. Die meisten Magersüchtigen, so die Pyschoanalytikerin Patricia Bourcillier, wenden sich gegen alles Triebhafte, den Hunger und die Sexualität. Tritt die Krankheit in der Pubertät auf, ist sie oft auch Rebellion gegen das Erwachsenwerden. Vor allem Mädchen fliehen vor ihrer sich entwickelnden weiblichen Figur in die androgyne Hülle ihres Kinderkörpers: die Hüften wachsen nicht mehr, die Brust bleibt flach, die Menstruation bleibt aus. „Niemand hat mich gefragt, ob ich erwachsen werden will“, heißt es in dem anonymen Tagebuch. Seine Schreiberin feiert das Ausbleiben der Monatsblutung wie einen Triumph. In der Magersucht äußerst sich ein Streben nach Autarkie, nach absoluter Selbstbeherrschung. Wenn die Kranken ihren Hunger und damit ihren Körper bezwungen haben, fühlen sie sich stark. In der Verweigerung des Essens ist, so der Berliner Psychoanalytiker Klaus-Dieter Rath, „Verweigerung von Sozialität“ und Anklage zugleich. Wenn Anorektiker ihre Suppe nicht essen wollen, sagen sie indirekt: „Es ist nicht das, was ich von dir will.“ So gesehen ist das zwanghafte Hungern ein Ausdrucksmittel, das auf ein tiefer liegendes Lebensproblem oder einen Mangel verweist. Auch die unglückliche österreichische Kaiserin Sissi befand sich vor ihrem Tod im Hungerstreik gegen ihre Umwelt. Sie war, wie wahrscheinlich auch Virginia Woolf, Tania Blixen und Franz Kafka magersüchtig, bevor es den Begriff gab.

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