Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Daniel Erk,Esther Kogelboom

Von Daniel Erk

und Esther Kogelboom

Vor einem wichtigen Termin. Alles gecheckt. Kein Fleck auf dem Hemd, die Frisur sitzt, dezente Parfümierung. Plötzlich der Zweifel: Irgendwie ist die Zunge pelzig vom Milchkaffee, ach du lieber Gott, riecht man etwa aus dem Mund? Dann folgt die typische Geste. Hand vor den Mund, kräftig ausatmen – und riechen. War da was? Vielleicht die Spur einer Muffigkeit? Man ist unsicher. Auf diesem Zweifel beruht der Erfolg von Drops wie „Fischerman’s Friend“ und Kaugummis wie „Orbit ohne Zucker“. Der moderne Mensch soll für alle Situationen gerüstet sein, stets frisch und quasi auf Stand-by für ungeplante Küsse.

Doch woher kommt das, was die Amerikaner „Bad Breath“ nennen und worunter, wen wundert es, auch Adolf Hitler gelitten haben soll? Die Annahme, der Geruch entstehe aufgrund einer Magenkrankheit, ist jedenfalls weitgehend falsch. Neue Erkenntnisse weisen nach, dass der schlechte Atem in 85 Prozent aller Fälle direkt im Mund- und Rachenraum entsteht. Die Speiseröhre dichtet normalerweise so gut ab, dass außer beim Aufstoßen keine Gerüche vom Magen nach oben transportiert werden. In der Vielzahl aller Fälle kommt der Gestank schlicht von mangelnder Mundhygiene. Bakterien zersetzen nicht heruntergeschluckte Essensfasern oder abgestorbene Zellen und produzieren so flüchtige Schwefelverbindungen. Die Folge dieses Zersetzungsprozesses: Es stinkt nach faulen Eiern.

Volksleiden Halitosis

Fünf Prozent aller Deutschen leiden unter Halitosis, so die wissenschaftliche Bezeichnung für Mundgeruch. Das fand der Berliner Forscher Rainer Seemann von der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivmedizin der Charité heraus, der dort regelmäßig eine Halitosis-Sprechstunde abhält. Neben den übrig gebliebenen Essensresten in der Mundhöhle sei eine belegte Zunge eine andere Ursache für den Mundgeruch. Es gebe Hinweise darauf, dass Menschen mit einer stärker zerfurchten Zunge häufiger betroffen seien, weil sich Bakterien zwischen den Falten besonders wohl fühlten. Zur „Risikogruppe“ gehören laut Seemann auch Mundatmer und Schnarcher, also Menschen mit wenig Speichelfluss, deren ausgetrocknete Schleimhäute übel riechende Amine frei setzen. Parodontitis oder alte Zahnfüllungen können ebenfalls schlechten Atem machen.

Auch Seemanns Kollege Wolfgang H. Koch von der Haranni-Klinik in Herne nennt geringen Speichelfluss als Auslöser für Mundgeruch. „Bestimmte Faktoren können das Problem noch zusätzlich fördern“, sagt der Zahnmediziner. „Die wichtigsten sind Störungen des Immunsystems, Stoffwechselprobleme, Ernährungsfehler, Alkoholgenuss oder starkes Schnarchen.“ Solche so genannten Co-Faktoren können das gesunde bakterielle Gleichgewicht in der Mundhöhle stören. Die geruchsbildenden Fäulnisbakterien gewinnen so immer wieder die Oberhand. „Weitgehend unbekannt ist“, so Koch, „dass auch eine körperliche oder seelische Überbelastung Mundgeruch auslöst.“

Schaben, schaben, schaben

Was also tun gegen den faulen Zauber? Zunächst steht die organoleptische Messung an, was schlicht bedeutet, dass der Arzt erst mal riecht. Wenn seine Diagnose positiv ausfällt, wird er in den meisten Fällen verstärkte Mundhygiene empfehlen. Besonders die Reinigung der Zunge spielt dabei eine zentrale Rolle, denn das Abschaben des Organs mit einem Schaber oder Kratzer aus der Apotheke kann den dort gemütlich lebenden Mikroorganismen wenigstens zum Teil den Garaus machen. Wessen Würgereiz schnell aktiviert wird, kann es für den Anfang auch mit einer Zahnbürste probieren. Nicht zu oft, versteht sich, sonst kann die Zunge verletzt werden, was die Geruchsgefahr erneut steigert. Aber auch das Säubern der Zahnzwischenräume, in denen sich bekanntlich besonders gerne Essensfasern verstecken, ist von elementarer Bedeutung für einen neutralen Atem. Das gelingt am besten mit gewachster Zahnseide, die man zwei Mal täglich anwenden sollte. „Eine Standard-Therapie für Mundgeruch-Patienten gibt es nicht“, erklärt Koch. „Antibiotika sollten nur dann eingesetzt werden, wenn die Bakterien eine Gefahr für die Gesundheit des Patienten bedeuten.“ Von der Psychotherapie über die Polypen-Behandlung bis zur Vitalstoffmedizin bekommen die Mundgeruch-Opfer in der Haranni-Klinik individuell auf sie zugeschnittene Hilfe.

Ein „Tic Tac“ dagegen hilft laut Seemann von der Charité wenig bis gar nicht, ebenso andere „Mini-Mint-Pillen“. Einzig „Desaquick forte“, das habe eine Studie ergeben, überzeuge. Bei Kaugummis sollte man die Verpackung vor dem Gebrauch studieren – wenn diese Zink, Tee-Extrakt oder Chlorophyll enthalten, gehören sie nachweislich zur Gattung der Raubtier-Atem-Killer.

Die Mundgeruchsprechstunde von Rainer Seemann an der Charité findet wieder ab Ende August statt. Mehr Informationen unter Tel. 450 562 - 710.

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