Zeitung Heute : Kurzmeldungen

23.08.2003 00:00 UhrVon Malte Lehming

Er hat Marihuana geraucht und Anabolika genommen. Dennoch mögen ihn die Amerikaner. In Kalifornien nennen sie ihn schon den „Gouvernator“. Arnold Schwarzenegger kandidiert für das höchste Amt im Sonnenstaat. Er passt in kein Klischee. Das kann eine Schwäche sein – oder das Gegenteil. Wer ist der Stärkste im ganzen Land?

Von Malte Lehming,

Los Angeles

Hier vereinen sich Geist und Körper. Wer in Los Angeles an den Strand von Santa Monica fährt und die Promenade entlangschlendert, stößt auf ein weißblaues Holzschild mit der Aufschrift „Muscle Beach“, der Muskelstrand. An dieser Stelle befindet sich, so steht es in der Erklärung, „die Geburtsstätte des körperlichen Fitness-Booms des 20. Jahrhunderts“. Hinter dem Schild, in Richtung Pazifik, sind mehrere Volleyballnetze aufgespannt. Vor dem Schild stehen ein Dutzend Holztische, auf denen blecherne Schachbretter montiert sind. Gegen Abend, wenn die Intensität der kalifornischen Sonne etwas nachlässt, wird es voll.

Oberhalb vom Muskelstrand beginnt die Main Street. Ein Besucher, der aus einem deutschsprachigen Land stammt, wird hier sofort an seinem Akzent erkannt. „Woher wissen Sie, woher ich komme?“ – „Weil Sie wie Arnie sprechen.“ Mit „Arnie“ ist Arnold Schwarzenegger gemeint. Der hat in der Main Street, in einem roten Backsteinbau, vor zwölf Jahren das Restaurant „Schatzi“ eröffnet. Angeboten werden „kalifornische und österreichische Spezialitäten“. Die Portionen sind üppig. Das Wiener Schnitzel etwa ist mindestens 30 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit. In der Bar hängen Poster und Fotos, die die Karriere des in Österreich geborenen Action-Schauspielers dokumentieren. Über der Toilette steht in Deutsch „Damen/Herren WC“. Auf der Toilette selbst wird über Lautsprecher, statt Dudelmusik, ein Deutschkurs für Amerikaner gespielt. „That is too big“, sagt die sonore Stimme. „Das ist zu groß“, wiederholt eine andere.

Die Motive des Muskelmannes

In dieser Gegend fing vor 35 Jahren, als der junge Schwarzenegger mit wenigen Schillingen in der Tasche nach Amerika kam, alles an. Die Motive des Muskelmannes sind bis heute kaum zu verstehen. Um ihn herum tobte damals Politik pur. Kalifornien – das stand im Jahre 1968 für Studentenrevolte und Hippiebewegung. Doch den Polizistensohn aus der Steiermark ließ das kalt. Er schuftete sich jeden Tag stundenlang an Hanteln ab, bis der Schweiß floss. Warum? Bodybuilding ist kein Sport. Man misst sich nicht mit anderen. Alleine vor sich hin trainieren, um den eigenen Körper zu stählen, hat vielleicht auch mit Autismus und Narzissmus zu tun. Die unterschwellige Botschaft lautet: All die anderen mögen klug sein, Geld haben und beruflichen Erfolg, doch so stark wie ich wirkt keiner. Bodybuilding ist die Image-Waffe des einfachen Mannes.

Es hat funktioniert. Aus dem Muskelprotz wurde ein Hollywoodstar, der in die Kennedy-Familie einheiratete, Millionen verdiente, 1983 Amerikaner wurde und als Nächstes, in knapp sieben Wochen, Gouverneur von Kalifornien werden will, der sechstgrößten Wirtschaftsmacht auf Erden. Schwarzenegger hat den Mythos vom eingewanderten Underdog wiederbelebt, der es aus eigener Kraft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bis ganz nach oben schafft. Amerikaner mögen diese Geschichte. Sie berührt ihr nationales Selbstverständnis.

Es ist Mittwoch, in einem Hotel in der Nähe des Internationalen Flughafens von Los Angeles gibt Schwarzenegger eine Pressekonferenz. Zu seiner Rechten sitzt der ehemalige US-Außenminister George Shultz, ein Republikaner, zu seiner Linken der zweitreichste Mann der Welt, Warren Buffett, ein Demokrat. Die beiden Schwergewichte unterstützen die Kandidatur des fünfmaligen „Mister Universum“ und siebenmaligen „Mister Olympia“. Sie beraten ihn in Wirtschaftsfragen, verleihen ihm die Aura der Kompetenz. Und der beantwortet tapfer, schlagfertig und souverän eine Dreiviertelstunde lang die Fragen der Weltpresse, die so zahlreich vertreten ist wie zu einer Ocsar-Nacht.

Der Terminator als Gouverneur? Diese Vorstellung elektrisiert Amerika. „Time“ und „Newsweek“ bringen Titelgeschichten. Selbst am Dienstag, als in Bagdad ein Anschlag auf das UN-Hauptquartier verübt wurde, analysierten die US-Hauptnachrichten ausführlich den ersten Werbespot des „Gouvernators“ in spe. Nicht einmal der Präsident hält im Wettbewerb um die öffentliche Aufmerksamkeit mit. In der vergangenen Woche weilte George W. Bush zum Truppenbesuch in Kalifornien. Kurz vor seiner Abreise aus Texas sprach ihn ein Reporter auf die Schwarzenegger-Kandidatur an, die „größte politische Geschichte im Land“. Bush war pikiert. „Das ist interessant“, gab er schnippisch zurück. „Das sagt viel. Das spricht Bände.“ – „Finden Sie nicht?“ fragte der Reporter. – „Sie entscheiden, was die größte politische Geschichte ist.“ – Ein anderer Reporter hakte nach: „Sollte dies nicht die größte politische Geschichte sein?“ – „Oh, ich glaube, es gibt noch andere politische Geschichten“, erwiderte Bush. „Findet da nicht auch bald ein Rennen um die Präsidentschaft statt?“

Doch es ist noch lange hin. Bis zum 7. Oktober beherrscht die „recall madness“, der kalifornische „Amtsenthebungs-Wahnsinn“, die Schlagzeilen. Dabei ist Schwarzenegger nur ein Teil der Geschichte. Hinzu kommen Chaos, Kosten, Skurrilitäten sowie eine erbittert geführte Kontroverse über die Vor- und Nachteile von Volksabstimmungen. Rund 70 Millionen Dollar kostet die Abstimmung über die vorzeitige Abwahl des amtierenden Gouverneurs Gray Davis, dem insbesondere das Haushaltsdefizit in Höhe von 38 Milliarden Dollar angelastet wird. Finanziert worden war die Bürgerinitiative von einem republikanischen Millionär. Pro Unterschrift gab’s einen Dollar.

Die Bedingungen, die man erfüllen muss, um sich bei einem Nachwahlverfahren für das Gouverneursamt bewerben zu können, sind minimal. Es müssen lediglich 3500 Dollar gezahlt und 65 Namen von Unterstützern vorgelegt werden. Das Angebot ist üppig. Unter 135 Kandidaten können sich die 15 Millionen Wahlberechtigten nun entscheiden. Allein die logistischen Probleme sind gigantisch. Kalifornische Wahlzettel müssen in sieben Sprachen gedruckt werden. Passen trotzdem alle Namen auf einen Zettel? Bergen nicht mehrere Zettel die Gefahr, dass die Wähler annehmen, pro Wahlzettel ein Kreuz machen zu können? Und es wird noch komplizierter. Wie bei einer Lottoziehung ging es vor knapp zwei Wochen in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento zu. Sorgfältig wurde jeder Buchstabe des Alphabets in eine kleine schwarze Büchse und dann in eine Trommel gelegt. Die Trommel wurde gedreht, schließlich wurde eine Büchse nach der anderen gezogen. Die Prozedur existiert seit 1975. Untersuchungen hatten festgestellt, dass Kandidaten, die bei Wahlen oben auf einer Liste stehen, eher angekreuzt werden als solche, die weiter unten stehen. Deshalb hatte das Oberste Gericht von Kalifornien entschieden, dass die Reihenfolge, in der die Kandidaten aufgelistet werden, vor jeder Wahl neu bestimmt werden muss. Arnold Schwarzenegger hat Glück. Sein Name ist leicht zu finden: Er ragt aufgrund seiner Länge heraus.

Zum Einsatz kommt auch wieder das berühmte Lochkartensystem, das schon bei der Präsidentenwahl 2000 in Florida Aufsehen erregte. Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten sind davon betroffen. Jene knapp zehn Prozent, die das hypermoderne, elektronische „Touchscreen“-System benutzen, plagt ein anderes Problem. Die Software ist nicht ausgereift. Experten glauben, dass jeder jugendliche Computerfreak den Apparat überlisten und mehrfach abstimmen könnte. Sämtliche Klagen auf eine Verschiebung des Referendums wurden bislang abgelehnt.

Zu den skurrilen Bewerbern zählt zweifellos Larry Flynt, Gründer und Herausgeber des Pornomagazins „Hustler“. Der seit einem Attentat zum Teil gelähmte 61-jährige Mann hat sich in Beverley Hills, auf dem Sunset Boulevard, ein kleines Pornoimperium errichtet. Ab acht Uhr morgens hat der riesige Chromladen geöffnet. Nebenan ist ein Café. Im zweiten Stock sind die Büroräume. Flynt residiert hinter einem Mahagonitisch. Er nennt sich den „schmierigen Hausierer, der sich um die Menschen kümmert“. Deshalb kandidiert er. Im Laden gibt es T-Shirts mit der Aufschrift „Larry Flynt for Governor“. Ansonsten wolle er erst weitere Umfragen abwarten, sagt er, bevor er mit seiner Kampagne beginnt.

Es treten ebenfalls an: Gary Coleman, ein Kinderdarsteller, der sich selbst allerdings für ungeeignet hält, Bill Vaughn, ein Architekt, der den Bundesstaat besser gegen Erdbeben schützen will, Bruce Margolin, der seit vielen Jahren für die Legalisierung von Haschisch kämpft, Richard Gosse, der zwar verheiratet ist, sich aber für die Rechte von Singles einsetzt, und die Porno-Darstellerin Mary Carey, die besonders häufig im Fernsehen auftritt und die Finanzen Kaliforniens sanieren will, indem sie Busenimplantate versteuert. Auch für die Medien bedeutet die Zahl von 135 Kandidaten ein Problem. Wie wahrt man Gerechtigkeit? Soll jeder die gleiche Sendezeit für seine Botschaft erhalten?

Das Referendum besteht aus zwei Fragen. Die erste lautet: Soll Gouverneur Davis im Amt bleiben? Die zweite lautet: Falls nicht, wer soll sein Nachfolger werden? Davis benötigt also mehr als 50 Prozent der Stimmen, um im Amt zu bleiben, während sein Nachfolger bei derart vielen Kandidaten mit einer einstelligen Stimmenzahl gewählt werden könnte.

Das sei absurd, meinen Kritiker der Volksabstimmung, wie überhaupt ein Großteil der kalifornischen Wirtschaftsprobleme eine Folge von zu viel direkter Demokratie sei. Volksentscheide sind in Kalifornien zu einem Geschäft geworden. Dazu zählt das Sammeln von Unterschriften, das Versenden von Briefen sowie die Straßenwerbung. Wer ausreichend Mittel zur Verfügung hat, beherrscht die politische Agenda. Zwischen 1980 und 2000 sind in Kalifornien 626 Bürgerinitiativen gestartet worden, 123 wurden angenommen, 52 umgesetzt. Seitdem ist der „Golden State“ gezwungen, bestimmte Gelder für Schulen, Obdachlose, Straßen, Gefängnisse und Senioren auszugeben. „Bei uns läuft die Demokratie Amok“, schimpft der ehemalige Budget-Direktor des Weißen Hauses, der kalifornische Abgeordnete Leon Panetta.

Das alles in „Recall-ifornia“ richten soll nun der „Kindergarten Governor“, der „Predatorvanor“, der „last action candidate“, der „Governando“, kurzum: Arnold Schwarzenegger. Bei den letzten Umfragen lag er gleichauf mit dem einzigen Demokraten im Rennen, Cruz Bustamante. Die Demokraten, die Kalifornien ansonsten fest in ihrer Hand haben, stehen freilich vor einem Dilemma. Ihre Kampagne muss sich einerseits gegen die Abwahl von Davis richten, andererseits muss Bustamante gepuscht werden. Wofür sollen Sponsoren ihr Geld geben? Um Davis zu halten oder – weil dies wohl schwierig ist – Bustamante zu fördern? Doch in Not sind auch die Republikaner – weil so viele kandidieren, nehmen sie sich gegenseitig die Stimmen weg.

Denn einer Reihe von Konservativen ist Schwarzenegger höchst suspekt. Er ist ein Außenseiter in der Partei. In sozialen Fragen gilt er als liberal, er setzt sich für strenge Waffenkontrolle, Abtreibung und Homosexuelle ein. Er hat zugegeben, Anabolika genommen und Marihuana geraucht zu haben – „ich habe eingeatmet, ausgeatmet, alles“ –, ihm werden Affären nachgesagt, das Amtsenthebungsverfahren gegen Ex-Präsident Clinton fand er abstoßend – „nie habe ich mich so für meine Partei geschämt“, hinzu kommt die frühe Heirat mit der Kennedy-Nichte Maria Shriver. Der Einfluss des Demokraten-Clans auf Schwarzenegger scheint groß zu sein.

Schwarzenegger passt in kein Klischee. Das kann eine Schwäche sein, aber auch seine größte Stärke. Etwa eine Million Juden leben in Kalifornien, im Zweiten Weltkrieg bot der Bundesstaat Zuflucht für viele Emigranten. 1990 wurde bekannt, dass Gustav Schwarzenegger, Arnolds Vater, ein überzeugter Nazi war. Nach dem Anschluss Österreichs war er 1938 freiwillig der NSDAP beigetreten. Arnold war schockiert. Er beauftragte das „Simon Wiesenthal Center“ in Los Angeles, Näheres herauszufinden. „Ich weiß nicht viel über die Vergangenheit meines Vaters“, sagte er dem Gründer des Zentrums. „Bitte forschen Sie nach.“

Nachforschungen über den Vater

Bereits in den Jahren zuvor hatte der Schauspieler für das Wiesenthal Center knapp eine Million Dollar gespendet. Die Historiker beruhigten den Sohn: Vater Gustav hat keine Kriegsverbrechen begangen, war weder in der SA noch in der SS. Vor einer Woche hat die „Los Angeles Times“ erneut recherchiert. Das Ergebnis: Vater Gustav war sehr wohl am 1.Mai 1939 der SA beigetreten. In demselben Zusammenhang wurde daran erinnert, dass Arnold Schwarzenegger zu seiner Hochzeit im Jahre 1986 auch Kurt Waldheim eingeladen hatte. Der sandte zwar nur ein Geschenk, aber der Bräutigam hielt trotzdem einen überschwänglichen Toast auf den ehemaligen österreichischen Präsidenten und UN-Generalsekretär, der einen Skandal verursachte, weil er große Teile seiner Vergangenheit im Dritten Reich verschwiegen hatte. Für das „Jewish Journal“, eine in Los Angeles erscheinende Wochenzeitung, ist all das kein Thema. Kaliforniens Juden seien zwar mehrheitlich demokratisch eingestellt, schreibt Chefredakteur Rob Eshman, aber die moderaten Positionen Schwarzeneggers, seine engen Beziehungen zum „Simon Wiesenthal Center“ und seine Kontakte zur Entertainment-Industrie in Hollywood könnten auf einige Juden einen gewissen Reiz ausüben. Der Kandidat möge etwas mehr Substanz als Glamour zeigen, dann würde er akzeptiert.

Gegenüber vom Restaurant „Schatzi“ in der Main Street liegt eine Synagoge, daneben das „Urban Fitness Nutrition Center“ und „Musclemag“, wo es Arnold-Poster zu kaufen gibt. Es ist eine seltsame Gegend, in der alle versöhnlich nebeneinander leben – Bodybuilder, Körnerfresser, Strandhungrige und die Schickeria. Schwarzenegger, der Facettenreiche, mischt sich perfekt darunter. Er verkörpert ein Stück Amerika. Schauspieler und Einwanderer haben hier keine Vergangenheit.

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de
Service

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

  • Wer passt zu mir?

    Finden Sie jetzt den passenden Partner. Hier wird jeder 3. fündig!
  • Stellensuche

    Experteer.de: Zugang zu einem exklusiven Headhunternetzwerk und über 80.000 Stellenangebote!
  • Sie möchten einkaufen?

    Hier finden Sie die aktuellen Prospekte der Einzelhändler aus Ihrer Region.
  • Schreiben Sie?

    So kommen Sie zum eigenen Buch.
  • Fotoservice

    Gestalten Sie Ihr individuelles Fotobuch mit dem Tages-spiegel-Fotobuchservice.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...