Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Er weiß, wo man Falschgeld bestellt, wer Frauen verkauft, wo das Koks besonders fein ist. 15 Jahre war er im Drogengeschäft, sieben im Gefängnis. Jetzt ist er 34 und wieder in Gropiusstadt, wo alles begann. Die Regeln, die Freunde – alles noch beim Alten dort. Aber Mike sagt: Ich bin raus. Der König der Wutzkyallee

Jana Simon

Erst vergangene Woche hat Mike ein alter Partner angesprochen. Auf dem Schulhof seiner Tochter. Ob er wieder im Geschäft sei. Ob sie zusammenkommen könnten. Mike hat nicht geantwortet, nur den Kopf weggedreht. „Erzähl mir doch nichts“, hat der andere gesagt. Niemand glaubt Mike, dass er raus ist. Und manchmal sieht es aus, als wundere sich Mike selbst darüber. 15 Jahre im „Aufmunter-Business“, Kokain, Pillen, Gras. Und dann einfach Schluss? Da bleiben zu viele alte Bekannte, zu viele wichtige Verbindungen, sorgfältig gepflegt über die Zeit. Das Netzwerk aus gegenseitigen Abhängigkeiten und Mitwissern entlässt nur selten seine Söhne.

Hinzu kommen die fast sieben Jahre Gefängnis. Mike weiß, wo man Falschgeld bestellt, wer die Frauen verkauft und für wie viel, wo das Koks besonders fein ist, und wenn er will, kann er auch herausfinden, wer bereit ist, einen umzulegen. Gegen Geld versteht sich. Regel eins: In diesem Leben ist nichts umsonst.

Mike klingelt an der Tür seiner Ex-Freundin. Berlin-Gropiusstadt. Die Mutter der Frau öffnet, Mikes elfjährige Tochter küsst ihn. Neben den Plakaten von Daniel Küblböck ist in ihrem Zimmer der Vater der Star. Überall hängen Fotos von Mike an den Wänden. Die Sehnsucht eines Kindes, dass seinen Vater lange nur auf Bildern anhimmeln konnte. Mike durchmisst die Wohnung mit großen Schritten, drei Zimmer, er nimmt sie in Besitz. Er lebt schon lange nicht mehr hier, sie haben sich vor Jahren getrennt. Im Wohnzimmer sind die Jalousien heruntergelassen „Sind wir bei Vampiren oder wat?“, sagt Mike und setzt sich an den Tisch. Er holt einen Briefumschlag aus der Tasche und kippt ihn auf dem Tisch aus, sein Leben fällt heraus, Fotos verteilen sich auf der bunten Decke.

Bild eins: Drei Männer umarmen sich. Mike zeigt auf einen kräftigen jungen Mann mit schwarzem Zopf. Das ist Hasan. „Zwölf Jahre wegen Kokain“, sagt Mike. Daneben steht Sven. 14 Jahre wegen Mordes. Und dann der Robert, der hat jemanden abgeknallt. War aber Notwehr, der andere wollte ihn zuerst umlegen. Elf Jahre. Erinnerungen an Mikes hinterbliebene Freunde im Gefängnis. Mike nennt sie „Brüder“, er vermisst sie. Wenn sie entlassen werden, wollen sie gemeinsam eine Sicherheitsfirma gründen. „Die wäre ziemlich durchschlagend“, sagt Mike und grinst. Das Problem ist nur, mit den anderen ist frühestens 2008 zu rechnen. Dann ein Bild von Mike heute: 34, Glatze, braun gebranntes Gesicht, eine Narbe quer über dem Schädel. Die Erinnerung an einen Kampf an einer der Disko-Türen, die Mike mal bewacht hat. Ein Gast wollte sich an ihm für ein paar „Backpfeifen“ rächen und zog ihm beim nächsten Besuch die Eisenstange über den Kopf. Schädelbruch. Mike ist erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. In seinem linken Ohr steckt ein Ring. „Alle denken, er ist aus Platin, aber ich bin doch nicht Rockefeller“, sagt er. Es ist mattiertes Silber. Mike trägt auch keine teuren „Breitling“-Uhren oder „Glashüttes“ mehr wie die anderen in der Szene, nur eine „Swatch“, die „Arbeiter-Rolex“. Aus dem Stadium des Zeigenmüssens ist Mike längst hinaus. Sein Ruf klingt auch ohne Statussymbole laut genug.

Gegenüber von Christiane F.

Ganz unten im Stapel wartet Bild drei, schwarz-weiß unter all der Farbe. Ein kleiner schmaler Junge steht auf einer Bühne und singt in ein Mikrofon. Er hat entfernte Ähnlichkeit mit Mike, Mike vor der jahrelangen Muskelstählung. Die Band hieß „Zivil“ und Mike war der Sänger. Für eine Filmproduktion mimten er und die anderen ihren größten Traum: einen Auftritt in der Waldbühne. Der Film lief auf der Berlinale. Und weil Mike schon immer gut quatschen konnte, musste er die Interviews geben. Es hat ihm gefallen.

Er steht auf und geht ins Zimmer seiner Tochter, legt die Videokassette ein. „Zivil“ bei einem Fernsehauftritt. Seine Tochter quietscht vor Vergnügen. Mike sitzt im Schneidersitz auf einer Bühne und singt: „Was hab’ ich dir denn getan? Warum bist du fortgegangen?“ Keine schlechte Stimme. Eine Plattenfirma wollte die Band unter Vertrag nehmen. Wenn Mike Englisch singen würde. „Ick kann keen Englisch“, hat Mike nur gesagt. Das war’s.

Eine neue Kassette. Es läuft ein Beitrag über die Gropiusstadt und ihre Jugendbanden Anfang der 90er. Mike tritt auf, er steht im Boxring eines Sportstudios. Seine Schultern und Oberarme sind gewachsen, er sagt in die Kamera: „Ick würde hier’n Musikcafé aufmachen“. Ein anderer Typ tritt ins Bild. „Das ist Chinesen-Kalle“, sagt Mike, „den haben sie erschossen.“ „Warum denn?“, fragt leise seine Tochter. „Das war’n V-Mann von den Bullen“, antwortet Mike. Stille. Bilder aus der Gropiusstadt, bröckelnde Fassaden. Und Beton, Beton, Beton. Mikes Heimat. Er ist am U-Bahnhof Wutzkyallee aufgewachsen, Christiane F. wohnte schräg gegenüber. „War’n hübsches Mädchen“, sagt Mike.

Alles, was Spaß machte, war verboten, den Rasen betreten, Fußball spielen, laut sein. Es gab keine Jugendclubs, nur das Haus der Mitte, wo Christiane F. mit ihren Freunden herumhing. Dafür war Mike aber noch zu jung. Dann lief der Film „Warriors“ über Jugendbanden in New York in den Kinos, und die Kinder der Gropiusstadt wollten ihre eigene Gang. Mike und seine Freunden legten sich blaue Motorradjacken der Marke „Hein Gericke“ zu, stellten sich auf den Platz vor dem U-Bahnhof und nannten sich „Terrorbande Wutzkyallee“. Es begann harmlos mit Klingelstreichen als Mike 13 war. Dann klauten sie am Markttag „Eier-Clark“ die Eier und veranstalteten damit riesige Schlachten vor dem Bahnhof. Irgendwann räumten sie die Läden des nahen Einkaufzentrums aus. Das erste Mal geschlagen hat sich Mike wegen seiner Mutter. Er schildert das in einem Drehbuch, dass er über diese Tage geschrieben hat. Es heißt: „Mein Leben, die Straße.“ Ein Mitschüler behauptet, Mikes Mutter würde ihr Geld in Schnaps umsetzen. Daraufhin bricht ihm Mike die Nase. Kein schlechtes Gefühl. Im Drehbuch sagt der Held zu seinem Schuldirektor: „Ich fühle mich befreiter. Dieser Mensch hat nicht das Recht, meine Mutter zu beleidigen.“ Heute sagt Mike: „Beim ersten Mal zitterst du noch beim Zuhauen. Dann is es wie’ne Droge.“

Die Zeit der großen Schlägereien brach an, Terrorbande Wutzkyallee gegen die anderen großen Berliner Gangs der 80er, die 36 Boys aus Kreuzberg, die Fighters, die Black Panther. Deutsche gegen Ausländer. So lernte er auch Hasan und Robert aus dem Knast kennen. Früher kämpften die bei den Fighters, damals waren Mike und sie noch Feinde. Mike wartete mit den Seinen auf dem Dach des U-Bahnhofs Wutzkyallee und warf Molotowcocktails auf die Gegner. Waffen kamen hinzu Messer, Ketten, Pistolen. Zwei junge Männer starben. Gedanken hat sich nie jemand von ihnen über irgendetwas gemacht. „Es ging um nichts“, sagt Mike. Nur um Ansehen. Wenn die Terrorbande auf den Schulhöfen der Gropiusstadt aufmarschierte, durften nur noch die Schüler ab Klasse 8 in die Pause hinaus. Mike legt Bild vier auf den Tisch: Darauf sitzen sie alle zusammen. 15 Jungs, blaue Jacken, die Blicke hart.

Mikes Ex-Freundin ist vom Einkauf zurück. Sie hat der Kleinen Klamotten mitgebracht. Die Tochter führt sie stolz ihrem Vater vor. Sie ist klein, zierlich mit wachen Augen. Mike pfeift bewundernd durch die Zähne und sagt: „Wir haben uns noch nicht einmal darüber unterhalten, wie es für sie war, als ich im Gefängnis war.“ Seine Tochter hat ihn über die Jahre besucht. Erst dachte sie, Tegel sei eine Kaserne. Dann hat sie langsam verstanden. Nur was sie genau verstanden hat, weiß niemand. Sie verschwindet wieder in ihrem Zimmer. „Ist die neue Playstation immer noch nicht da?“, ruft Mike ihr hinterher. „Nee“, antwortet die Tochter. Sauerei.

Mike ging trotz Fehltagen im Monatsbereich weiter zur Realschule und schaffte den Abschluss. In Deutsch war er immer gut. Sein Vater hat die Familie verlassen, als Mike sechs war. Mit einer 18-Jährigen. Mike verachtet ihn bis heute dafür. Mikes Mutter bemühte sich, vier Kinder aufzuziehen, erst als Krankenschwester, dann pachtete sie eine Bierstube. Wenn die Polizei mal wieder die Wohnung durchsuchen wollte, hielt sie die Beamten vor der Tür auf, bis Mike über den Balkon flüchten konnte. Richtig aufgeregt hat sie sich anscheinend nie. „Wie sollte sie mich erziehen?“, sagt Mike. Er hätte alles trotzdem gemacht. „Ich wollte dazugehören.“

Traumjob Tierpfleger

Eigentlich habe er ja nie richtig in die Gropiusstadt gepasst. Dass er zu Hause Gedichte und Liedtexte schrieb, erzählte er niemandem. Und dass er für Heinz Rühmann schwärmte, verschwieg er auch. Musste ja keiner wissen. So was zerstört den Ruf. Mike zeigt auf Bild fünf: Ein blondes Mädchen mit langen Locken blickt traurig in die Kamera. Sandra, Mikes große Jugendliebe. Überhaupt Mike und die Frauen, das ist ein großes Thema. Leider könne er das hier nicht vertiefen. Momentan hat er wieder eine blonde Freundin.

In seinem Drehbuch ist Sandra, die Jugendliebe, noch das Objekt seiner Sehnsüchte. In Wirklichkeit mögen sie sich nicht mehr besonders. Mike hat sie im Verdacht, dass sie ihm das SEK in die Wohnung schickte. Weil er angeblich seine neue Freundin umgebracht habe. Die sei doch durchgeknallt. Manchmal verwirren sich all diese Geschichten zu einem einzigen Märchen. Nur dass es Wirklichkeit ist, Mikes Normalität.

Irgendwann hat er auch mal vom legalen Leben geträumt. „Haus, Auto, Familie und so.“ Vielleicht wäre es so gekommen, wenn er in Zehlendorf oder Steglitz aufgewachsen wäre, sagt er. Aber, wer weiß schon, was dann gewesen wäre. In der Gropiusstadt träumten sie von den schicken BMW der Großen, die immer genügend Geld hatten, um alle einzuladen, und neben denen die schönsten Frauen schmachteten. Dass es nicht das Arbeitslosengeld gewesen sein kann, von dem sie sich das alles leisten konnten, störte nicht weiter. Mike hat Tierpfleger gelernt, die Ausbildung dann aber abgebrochen wegen einer Futtermittelallergie. Es war sein Kindheitstraum. Der nächste Traum ist der Filmpreis für das beste Nachwuchs-Drehbuch. Davor musste er den Film nur noch leben.

Es klingelt an der Tür. Leroy, sein Freund und Fahrer schaut vorbei. Er ist 25 , wiegt 150 Kilo und lässt sich auf die Ledercouch fallen. Früher hat Leroy „Nutten gefahren“, für die Albaner. Vom Puff zu den Kunden. „Iiiih, is ja eklig“, sagt Mikes Tochter. Leroy lacht. Er kennt Mike von früher oder besser: seinen Ruf. Der Mike sei krass.

Es ist schwer in diesen Tagen, Mike allein zu treffen. Ständig sind Menschen um ihn. Sie umgeben ihn wie ein Kokon und wenn gerade keiner da ist, dann ruft jemand an, der dazustoßen will. Mike ist derjenige, in dessen Hirnwindungen die anderen dringen wollen. Und er genießt das.

Der nächste Schritt war, weg von der Terrorbande hinein ins Geschäft. Das große Geld, das da draußen auf sie alle wartete. Türen übernehmen. Wer die Tür hat, führt den Laden – Drogen, Frauen, Kontakte. Sie wurden von Diskothekenbesitzern angesprochen, die von den Taten der Terrorbande gehört hatten, ob sie sich nicht um die Sicherheit im Club kümmern wollten. Oder sie traten als Gruppe auf, verwüsteten die Disko und stellten den Besitzer vor die Wahl: Entweder weiter Terror bis zur Pleite, oder du überlässt uns die Tür. Von da an war alles nur noch eine Folge von Ereignissen. Irgendwann kam jemand auf Mike zu und fragte, ob er einen Umschlag von A nach B transportieren könne. Mike hat nicht hineingeschaut.

Er sah dem Kokain beim Aufstieg zu. Und er hat einen Freund daran verloren, er fuhr sich im Vollrausch in den Tod. Mike kreuzte selbst einmal betrunken mit einem halben Kilo Koks im Wagen durch Berlin, die Polizei hielt ihn sogar an, bemerkte aber nichts. Das Geld hat er immer sofort ausgegeben. Leben für den Augenblick, jeder Tag ein einziges Abenteuer und Mike mittendrin, unbesiegbar. Als Mike das erste Mal auf einen Menschen schoss, war das nur eine weitere Grenze, die fiel. Der Chef einer Disko hatte andere Vorstellungen vom Geschäft als er. Die Einschusslöcher seiner „Skorpion“ sind heute noch in der Fassade zu sehen.

Der Mauerfall brachte den großen Durchbruch, da drüben lag der Osten, eine riesige rauschfreie Zone. „Die hatten viel nachzuholen“, sagt Mike. Etwas eigenartig fand er die Angewohnheit seiner östlichen Partner, Hakenkreuzdeckchen auf die Tische zu legen. Über einen Ost-Freund gelangte Mike schnell in die Türsteher- und Hooliganszene Ost-Berlins. Sie akzeptierten ihn als einen der wenigen Westler. Bald fuhr er auch zur „dritten Halbzeit“, den verabredeten Fußballschlägereien am Ende eines Spiels im Stadion oder irgendwo im Wald. Wer dazugehören wollte, sollte dabei sein. Die Härte überraschte Mike. Dieser Hass in den Augen. Die meinten es ernst hier. Respekt.

Mike fuhr Mercedes-Coupé, trug Goldketten, Vokuhila, Schnauzer, das Basecap saß verkehrt herum auf seinem Kopf. „Die hielten mich alle für einen Jungzuhälter.“ Nicht, dass er nicht auch dahin Kontakte gehabt hätte. In diesem Leben schien alles möglich. Mike, der Schneekönig von Ost-Berlin. Das Dasein eine einzige Kontaktbörse.

Einmal erwischte Mikes Mutter ihn beim Stapeln von geklauten Markenjeans in der Küche. „Ach, so verdienst du dein Geld“, sagte sie. In seinem Drehbuch beschreibt Mike seine Wirklichkeit als ständige Hatz, Päckchen von einem zum anderen zu tragen. Zwischendurch werden Leute verprügelt. Heute könne man mit Drogen kein Geld mehr verdienen, sagt er. Aber vor dem Heute kam Mikes „kleine Auszeit“.

Dass all das einmal ein Ende haben würde, damit war zu rechnen. Mike lebte Größe XXL, wohnte in der feinen Fasanenstraße bei seiner Jugendliebe Sandra. „Deren Ökobude habe ich in einen Palast verwandelt“, sagt er. Mike reiste durch die Welt, besuchte die Puffs der Stadt, wo er nur an der Bar hockte, wie er sagt. Im Kopf seiner Liebsten wuchs ein Tumor, die Ärzte meinten, es sei bald vorbei. „Ich wollte ihr was bieten“, sagt Mike. Das erste Mal wurde er am Moritzplatz erwischt mit 100 Gramm Kokain. Er bekam zwei Jahre und vier Monate. Offener Vollzug. Eines Tages besuchte ihn ein Typ, der Bruder von so und so, und bot Mike fünf Kilo Koks zum Weiterverkauf an. Er überreichte ihm die Tüte, damit Mikes Fingerabdrücke darauf blieben. Mike lehnte ab. Kaum war Mike draußen, stellte jener ihm einen anderen Herrn vor. Der sollte ein neuer Großkunde sein. Er fuhr BMW, trug eine 150000-Mark-Uhr und mimte den Paten. Mike besorgte Kokain.

Mike hatte kein gutes Gefühl an diesem Tag, und diesem Typ traute er auch nicht wirklich. Als er am Übergabeort in Dreilinden eintraf, wunderten ihn die vielen Lkw und herumstehenden Menschen. Er setzte sich ins Auto seines Abnehmers und kaum hatte er den Stoff hervorgeholt, sah er lauter kleine Laserpunkte auf seinem Körper. Der neue Großkunde war ein verdeckter Ermittler der Polizei. Sie zogen ihm einen schwarzen Sack über den Kopf. Und aus. Mike wurde für ein Kilo Kokain zu sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Er hat geschwiegen, deshalb musste er die Strafe bis zum Ende absitzen.

Eine neue Zeitrechnung begann. JVA Tegel. „Da drinnen ist die Schule des Verbrechens“, sagt Mike. Es gibt alle Drogen, die es auch draußen gibt. Meistens schmuggeln Beamte sie gegen Provision ein. Mike bestellte sich Filets und Colgate-Zahnpasta, die „gute“, in den Knast. Er lernte schweißen, nahm am Ingeborg-Drewitz-Literaturwettbewerb teil, schrieb an seinem Drehbuch und verbrachte viel Zeit im Fitnessraum der Haftanstalt. Hat das Gefängnis irgendetwas verändert? „Da biste auch allein, und niemand kümmert sich um dich“, sagt Mike. Zusammen mit Hasan, Sven und Robert meldeten sie eine Bibelgruppe an, um sich treffen zu können. Sie wurde nicht genehmigt.

Im Knast ging es wie auf der Straße um Macht und Ansehen. In der Hierarchie standen Mike, Hasan und die anderen oben, weil alle Angst vor ihnen hatten. Sie beschäftigten ihre Privatsklaven, die für sie die Zellen putzten. Auch die Klos. Für ein kleines Entgelt und zu ihrem Schutz. Wenn es Stress gab, hatten sie wenigstens die richtigen Verbindungen.

In der Wohnung von Mikes Ex-Freundin sitzen inzwischen Mikes Fahrer Leroy, ein weiterer Freund, Mikes Ex-Freundin, die Tochter und seine momentane Freundin. Alle reden durcheinander. Mikes jetzige Freundin hat ihn bei Pizza Hut kennen gelernt. „Ich dachte, er ist ein Zuhälter“, sagt sie. Warum sie trotzdem unbedingt an seinem Tisch bedienen wollte, sagt sie nicht. Das war kurz nach Mikes Entlassung vor einem Jahr. Bild sechs: Mike am Tag der Verabschiedung aus Tegel. Ein großer Mercedes steht vor dem Gefängnis, Mike sitzt lächelnd auf der Kühlerhaube. Den Wagen haben Kumpels spendiert. Drinnen schließen sie Wetten ab, wie lange Mike in Freiheit aushalten wird. Er steht unter Führungsaufsicht, alle vier bis sechs Wochen geht er zum Bewährungshelfer. Es heißt, die Staatsanwältin sei noch immer auf der Jagd. Mike ist wieder in die Gropiusstadt zurückgekehrt, seine Wohnung zeigt er niemandem. Das Handy auf dem Tisch baut er auseinander, wenn er über heikle Sachen redet. Blöde Angewohnheit.

Er kennt zu viele

Mike drückt sich hoch, er will los, noch jemanden treffen. Eigentlich muss er andauernd jemanden treffen. Irgendwer ruft immer an und will ihn „in der und der Angelegenheit“ sprechen. Mike ist Vermittler, er bringt Menschen zusammen, ohne dass er selbst aktiv wird. Er läuft über den Marktplatz an der Wutzkyallee. Heute wie damals ein Ort in Grau. Auch hier kennt er zu viele. Nickt, grüßt, grüßt absichtlich nicht. Mike versucht, seriös zu werden. Den Sicherheitsdienst bei der Echo- oder Bambipreisverleihung übernehmen – das wär’s. Er hat schon Kontakte geknüpft. Regel zwei: Kontakte sind alles.

Bis dahin bemüht er sich, nicht aufzufallen. Nur „Inkasso-Sachen“ macht er noch. Für Baufirmen Geld eintreiben. Die meisten zahlen sofort, wenn sie Mike und die anderen sehen. In den vergangenen zehn Jahren hat er vielen seiner Kumpels und früheren Dons beim Absturz zugeschaut. Sie sind Pillenwracks, Alkoholiker, im Gefängnis oder tot. Die Szene kommt regelmäßig auf Beerdigungen zusammen.

Mike steht am U-Bahnhof Wutzkyallee, er wartet auf einen Bekannten. Als der sich nähert, weichen die Passanten zurück, ein Ex-Hells-Angel. Fleischgewordene Gewalt: jeder Schritt ein Tritt, jede Bewegung ein Schlag. Er ist von Kopf bis Fuß tätowiert und ihm fehlen alle Vorderzähne. Auch ihn kennt Mike schon seit Jahrzehnten aus der Gropiusstadt. Die alten Verbindungen. Mike müsste die Stadt verlassen, aber er hängt an seiner Tochter. In ein paar Jahren will er nach Holland auswandern. Da gibt’s mehr Jobs. Wenn bis dahin niemand Scheiße erzählt und er allen Verführungen standhält. Aber jetzt muss er erst mal einem alten Partner den Kiefer brechen. Regel drei: Respekt ist unentbehrlich.

Alle Namen wurden geändert.

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