Zeitung Heute : Kushinoya

Kleine Langeweile im Teigmantel

Elisabeth Binder

Kushinoya, Bleibtreustraße 6, Charlottenburg, Tel. 318 098 97, dienstags bis sonntags von 18 bis 24 Uhr. Am 3. Januar ausnahmsweise auch geöffnet. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die japanische Küche wird ja sowieso immer populärer. Aber nie hat sie so gute Chancen, neue Fans zu finden, wie nach einer Reihe von Feiertagen mit schwerem Essen. Trotzdem: Sushi-Häppchen aus rohem Fisch sind nicht jedermanns Sache. Aber da es in Berlin inzwischen eine stattliche Anzahl von japanischen Restaurants gibt, befindet sich auch eines darunter, das sich gut für Einsteiger eignet. Im Kushinoya ist man spezialisiert auf die Kushiage-Küche, die von frittierten, kleinen Bambusspießchen handelt. Es gibt also keinen rohen Fisch, und mit Stäbchen muss man auch nicht essen. Finger reichen völlig, und damit sie sauber sind, gibt es vorab ein heißes, feuchtes Frotteetuch, so ähnlich wie am Ende eines langen Fluges.

Die Karte ist sehr überschaubar. Variabel ist man eigentlich nur in der Anzahl der Spießchen, die man im Rahmen eines Menüs isst, zwischen zehn und 35 Kushi, wie die Spieße genannt werden (18 bis 41 Euro). Das Standardmenü umfasst 15 Kushi und kostet 25 Euro.

Das schmale Lokal ist geschmackvoll eingerichtet, mit viel Holz und japanischen Kunstgegenständen. Auf den Tischen sind schon rechteckige, innen unterteilte Schalen vorbereitet. In die eine gießt die nette Bedienung Gewürzsalz, Soja-Sauce mit Knoblauch und Dips, wie die Cha-Sauce mit Mayonnaise und die Kuro-Sauce aus in Worcester-Sauce eingekochtem Gemüse. Außerdem gibt es Senf und Zitrone. Darin taucht man die in einer Schüssel bereitgestellte Rohkost: kleine Maiskolben, Gurken, Tomaten, Salatblätter, Karotten, Rübenstangen, was nicht wirklich aufregend ist.

Sodann werden nach und nach die Spießchen aufgetragen. Zuerst bringt der Koch eine Garnele, dann ein winziges Stück Rind, dem Tofu folgt, dann eine Scheibe Zucchini, schließlich Käse, der lange Fäden zieht. Zum Problem wird leider die Gemeinsamkeit, die alle Spieße haben: eine dicke Panade. Die hat natürlich ihre Funktion. Sie soll verhindern, dass Öl ins Innere eindringt und also bewirken, dass die Gerichte leicht und bekömmlich bleiben. Leider werden sie durch den immer gleichen, dicken Teigmantel aber auch sehr eintönig. Vielleicht bräuchte man noch eine Extraschale, um ihn wenigstens bei jedem zweiten Spieß zu entsorgen. So abwechslungsreich sind die Saucen nämlich auch wieder nicht. Beim Fondue haben die Geschmacksnerven schon mehr gelacht. Dafür teilt das Spießchen-Prinzip mit diesem einen entscheidenden Nachteil: Es dauert eine geraume Weile, bis man einen gewissen Sättigungsgrad erreicht hat.

Der Koch erscheint nur in gewissen Abständen, und die Spießchen sind nicht sehr groß. Einen Bärenhunger bringt man besser nicht mit, es gibt ja auch keinen Brotkorb, was eine Erklärung für die guten Figuren der meisten Japaner ist. Immerhin erhöht sich das Tempo mit der Zeit. Dem Hähnchenwürfel im Teigmantel folgt ein Stück Aubergine, darauf kommt ein Rosenkohl und anschließend ein Schweinefilet. Eigentlich wurde diese Art zu kochen erfunden, als in der Taisho-Ära, die 1912 begann, nach einer langen Phase der Abschottung westliche Essgewohnheiten in Japan populär wurde. Auf diese Weise wollte man den bis dahin eher unüblichen Genuss von Fleisch erträglich machen. Fisch wird trotzdem besser behandelt. Der Lachsspieß trägt außen wenigstens ein kleines Mayonnaise-Muster. Es gibt im Laufe des Abends unter anderem auch noch Lamm und Champignons, alles sehr winzig. Dazu passt das leichte japanische Bier. Es werden auch einige offene Weiß- und Rotweine angeboten, der Riesling ist ganz frisch und durchaus trinkbar (0,2 Liter für vier Euro). Das Eis aus grünem Tee und Rotbohnen schmeckt zum Nachtisch knackig originell und wird begleitet von einem kleinen Kuchenwürfel und kräftigem Kushinoya-Tee.

Wer hierher kommt und Exotik befürchtet, wird allenfalls mit einem Anflug von Langeweile beruhigt. Das neue Jahr beginnen sie hier immerhin innovativ, denn in der kommenden Woche sollen japanische Neujahrsspezialitäten vorgestellt werden. Vielleicht ein kreativer Neubeginn, aus dem sich auf Dauer Alternativen zu den Teig-Spießchen entwickeln lassen.

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