Zeitung Heute : Kußhände und Federboa

MICHAEL PILZ

Keine Posen: das Soul Bossa Trio aus Tokio im QuasimodoMiyuki, die Sängerin des Soul Bossa Trios, windet sich lächelnd am Mikrophon.Ist tüchtig aufgekratzt mit ihrer Federboa.Sie verteilt Kußhändchen, senkt den Blick und bittet um Stimmung.Das scheint Klischees zu erfüllen, die Japaner zu freundlich demütigen Exoten schrumpfen ließen und uns die alte Furcht nahmen vor der "Japan AG".Wir haben so unsere Vorstellungen vom versSushi-Pop im allgemeinen.Da gerinnen jene Klischees zu Marktsegmenten mit putzigem Easy Listening.Und die Japaner? Machen, was sie wollen: Das Soul Bossa Trio aus Tokio gibt sich weder ironisch noch demonstrativ postmodern. Keiner wirft sich in erwartete Dandy-Posen.Beim "Jazz In July" im Quasimodo bringen sie eine solide Acid Jazz-Session auf die Bühne.Das Handwerk möglichst vieler Musikanten ersetzt live die Finessen der DJ-Kunst im Studio.So weit, so vertraut vom Acid Jazz überall auf der Welt."Latin Soul Jazz" heißt das hier und heute und meint weitgehend dasselbe. Statt Nippons Vorsprung durch Technik zu genießen, bedienen sie nostalgisches Gerät.Toshi Matsumoto tastet auf einem alten Fender Rhodes.Baß und Gitarre hängen an Kisten voller Röhren.Über einem federnden Groove schieben sich Harmonien in die Synkopen.Gonzalez Suzuki, der Kopf des Unternehmens, dirigiert vom Schlagwerk aus die Einsätze der Soli.Und dabei wird deutlich, daß doch manches eigen ist an diesem Jazz aus Tokio.Der Gitarrist Junjiroh Seki zum Beispiel: Der zupft keinen sanften Bossa Nova.Er treibt seine Rockismen jaulend und narzistisch auf die Spitze, was zunächst kaum zu Soul oder Bossa passen will.Im Zusammenbosseln der überlieferten Stile sind sie in Fernost doppelt frei von strengen Vorlieben oder Abneigungen.Alles paßt irgendwie.Aus Spaß scheren sie sich wenig um die Vorgaben unsinniger Authentizität.Das ist gut so, ist zum Tanzen und mitunter zum Piepen. Wenn Miyuki in "Dindi" Astrud Gilberto imitiert in ulkigem Portugiesisch, kommen sie ihren gelobten Platten und der Vorliebe für Brasilianisches am nächsten.Auch dafür sind die Japaner berühmt, seit das Yellow Magic Orchestra sich dem Latino und geschüttelten Cocktails hingab und aktuelle Stars wie Towa Tei oder Pizzicato Five in dieser Liebe bestärkte.Was indes nur selten geschieht in dieser Nacht: Reminiszenzen an Jobim und Mendes verbergen sich allenfalls in Anklängen.Schwer funky duellieren sich der Gitarrist Seki und ein Tenorsaxophonist, den Gonzalez Suzuki als Frank ansagt.Und Frank wird zum Mittelpunkt der Schau, als er so wild bläst, daß seine Brille ins Gestühl fliegt.Frank und neben ihm Silke am Altsax: verläßliche, deutsche Gastmusiker unter den eifrigen sechs des Soul Bossa Trios aus Tokio.MICHAEL PILZ

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