Zeitung Heute : La vie continue, and the beat goes on

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Außer der Bezeichnung Hotel trug das heruntergekommene Haus in der Pariser Rue Gît-le-coeur Nr.9 keinen Namen. Doch es hatte binnen kurzem einen - als Anlaufstelle für die Beat Poets aus New York und San Francisco, die sich ihren europäischen Traum erfüllten und dort einige ihrer wichtigsten Texte schrieben. So waren die beiden Männer oben links nicht einfach Touristen, sondern die Dichter Peter Orlovsky und Allen Ginsberg, die immerhin ein dreiviertel Jahr blieben. Und bei dem ernst dreinblickenden Herr oben rechts handelt es sich um den Autor des Romans "Naked Lunch", um William S. Burroughs, der in Frankreich zusammen mit Brion Gysin die literarische Collagetechnik des Cut up perfektionierte. Mit Gregory Corso, Lawrence Ferlinghetti und anderen adelten sie die Adresse, wie ihr Zimmernachbar, der Schriftsteller Harold Norse später in einem Maro-Bändchen erzählte, zum "Beat Hotel" und machten das quartier latin unsicher. Harold Chapmans Bilder sind atmosphärisch genaue Bilder dieser Zeit. Inspiriert von den Aufnahmen von John Deakins und Ed van der Elsken streifte er, ebenfalls Gast des legendären Hotels, durch Paris und porträtierte die Stadt in einem Augenblick, von dessen Nachruhm sie heute noch zehrt. Der englische Fotograf hatte dabei nicht nur Augen für die prominenten Gäste. Ob er einen Passanten in St-Germain-des-Pres festhielt oder die blonde Mirja, die als Lieblingsmodel der Fotografen an der rive gauche zum Dunstkreis des Beat Hotels gehörte: Er interessierte sich für eine bestimmte Art von Poesie, die er mehr und mehr auf der Straße fand und so fern von der Steifheit des britischen Alltags war, wie er es sich nur wünschen konnte. "Bilder sind überall", hat Chapman einmal gesagt. "Warum ein Bild erfinden, was ganz natürlich da ist, so viel besser ist?"

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