Zeitung Heute : Labours Gesicht

ALBRECHT MEIER

Tony Blair ist es, der bei den bevorstehenden Parlamentswahl in Großbritannien etwas zu verlieren hat.Denn der Labour-Chef gilt schon lange als Premierminister in speVON ALBRECHT MEIERWer das Wahlkampfprogramm der britischen Labour Party in Händen hält, der sieht zunächst einem Kandidaten namens Tony Blair ins Gesicht.Die Nahaufnahme zeigt einen ernst dreinblickenden Mann, der entgegen seiner Gewohnheit einmal nicht die beiden Zahnreihen bloßlegt.Sonst ist nicht viel zu sehen, am Kragen ein jeansfarbenes Hemd, das einen loêkeren Aufzug verrät, und natürlich eine Botschaft - in verhältnismäßig kleinen Lettern: "New Labour - weil Großbritannien etwas Besseres verdient hat". Ist diese Kombination ein Zufall? Naiv, wer so fragt.Wahlkampf ist auch ein Kampf der Bilder, in Großbritannien nicht anders als in Deutschland.Tony Blair, der 1994 die Führung der Labour Party übernahm, verfügt über ein medienwirksames Äußeres.Am 1.Mai wird in Großbritannien gewählt, und warum sollte die Labour Party in ihrem Bemühen, nach 18 Jahren wieder an die Macht zu kommen, nicht auch das jugendliche Image des 43jährigen Blair einsetzen? Das bemerkenswerte daran ist jedoch, daß sich Blair schon seit geraumer Zeit nicht etwa in der Rolle des jugendlich-rebellischen Herausforderers befindet, sondern in der des Amtsinhabers in spe.Getragen von einer Grundstimmung in Britannien, wonach es nach vier Wahlperioden mit konservativen Regierungen nun wieder Zeit für einen Wechsel ist, liegt Labour beständig mit einem Vorsprung um 20 Prozentpunkte vor den Tories.Blair ist es, der bei dieser Wahl etwas zu verlieren hat, nicht Premierminister John Major.Blair ist es, der in diesem Wahlkampf staatsmännisch auftritt und den Briten verkündet, er könne auch nicht aus Wasser Wein machen. Die Labour Party unter Tony Blair hat ihre sozialistischen Wurzeln gekappt und sich zur Partei der Mitte gewandelt.Dieser Kurswechsel ist freilich nicht allein das Werk Tony Blairs.Auch Neil Kinnock, der Labour-Kandidat bei den letzten Unterhauswahlen im Jahr 1992, versuchte seiner Partei ein Gesicht zu geben, das den marktwirtschaftlichen Wandel Großbritanniens während der achtziger Jahre widerspiegelte.Gerade die Erinnerung an Neil Kinnock und seine überraschende Wahlniederlage erklärt allerdings, warum der jetzige Chef der Labour Party seiner Wahlkampftruppe ein klares Sowohl-als-auch in fast allen Kernfragen der britischen Politik verordnet hat - bis hin zur Gesichtslosigkeit.Wer das Labour-Programm mit dem Konterfei Tony Blairs durchblättert, findet darin vieles, aber kaum etwas, woraus sich ein markanter Unterschied zu den Konservativen ablesen ließe.Der marktwirtschaftliche Kurs soll beibehalten werden, Margaret Thatchers Anti-Gewerkschaftsgesetze sollen unangetastet bleiben, selbst die weitere Privatisierung von Staatsunternehmen mag Blair nicht mehr ausschließen.An den jüngsten Äußerungen aus der künftigen Führungsriege Tony Blairs wird die Kontinentaleuropäer vor allem die Aussicht schrecken, daß auch eine Labour-Regierung nicht so bald der Währungsunion beitreten würde.Mit seiner Ankündigung, alles radikal beim alten zu lassen, hat Blair bis jetzt einen erfolgreichen Wahlkampf geführt - nicht zuletzt unterstützt vom Massenblatt "Sun". Wenn es wahr ist, daß die Frage des Image, des öffentlichen Bildes, in diesem Wahlkampf eine so große Rolle spielt wie nie zuvor in Großbritannien, dann hat allerdings auch John Major seine Lehre daraus gezogen: Er führt seinen Feldzug aus der Position des "underdog", des aus dem ärmlichen Londoner Stadtteil Brixton stammenden "Honest John", der es noch einmal allen zeigen will.Er hat sogar einen Punkt gemacht, als sich sein Herausforderer nun doch weigerte, gegen ihn in einem Fernsehduell anzutreten - und damit erneut die Frage aufwarf, was sich eigentlich hinter dem neuen Gesicht der Labour Party verbirgt.

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