Zeitung Heute : Lach dich tot!

JAN SCHULZ-OJALA

Welche Tragödie.Fünfundzwanzig Jahre hat Alan Rudolph, einer der raren Hochsensiblen des amerikanischen Kinos, an dem Stoff herumlaboriert, und nun das.Eine Farce, gewiß, aber fast ohne Humor.Eine Dramaturgie, unruhig wechselnd zwischen Hektik, Stillstand und Repetition - und zugleich wie absichtslos durcheinander: Bilder-Schnitt-Salat, 105 Minuten lang.Megastars des US-Kinos, ja, aber Stars, die vor der Kamera sichtlich unfroh wie für eine unendliche Stellprobe grimassieren.Dazu ein Kulturpessimismus, so aufdringlich bebildert und verbal so eindringlich eingehämmert, daß sogar kulturpessimistischste Kulturpessimisten sich mit Grausen abwenden.Ein Film, der - her damit! - die multiple schizo-depressive Paranoia der modernen Gesellschaft aufs Korn nehmen will.Und dann doch nur schizo-paranoide Depression beim multiplen Zuschauer auszulöst - für die Dauer des Films selbst sowie, sagen wir, für weitere zehn Minuten.

"Breakfast of Champions", als eines der Highlights des Berlinale-Wettbewerbs erwartet, ist ein lebender Leichnam.Gespenstisch lebendig.So gespenstisch wie der zum Penner heruntergekommene Groschenheft-Autor Kilgore Trout (Albert Finney): Durch den ganzen Film wankt er seinem Anti-Helden, dem Strahlemann von Autoverkäufer namens Dwayne Hoover (Bruce Willis) entgegen, um ihm am Ende seinen zu diesem Zeitpunkt höchst verblüffenden philosophischen Zweisatz entgegenzubrabbeln: "Bis zum Tod ist alles Leben.Mach das Beste draus." So gespenstisch wie Dwayne Hoover selber, der, mit matschig sitzendem Toupet und stets kopfkissenbezuggroßem Kavalierstüchlein im Karo-Sakko, langsam irre wird an seiner aus allen Plakatwänden und "Paid Advertisement"-Kanälen hervorspringenden Grinsefresse.So gespenstisch wie Hoovers Frau Celia (Barbara Hershey) und seine Geliebte Francine (Glenne Headly): Die eine schläft nicht mehr mit ihm und guckt TV, wobei sie die Fernbedienung wie einen Revolver handhabt, die andere schläft mit ihm und guckt währenddessen TV, das ist schon der ganze kleine Unterschied.So gespenstisch wie sein Untergebener Harry (Nick Nolte), der in Leichenbestatteranzügen Dienst tut und darunter Spitzenunterwäsche trägt, so gespenstisch wie der schwarze Ex-Sträfling Wayne Hoobler, der, in brüllend blaurosa Anzüge gesteckt, zumindest auf der Visitenkarte Karriere zu machen versucht als Dwayne-Hoover-Double, so gespenstisch wie ...

Warum ist das alles nicht komisch, obwohl es einem fortwährend "Lach dich tot!" ins Gesicht schreit? Warum ist das alles nicht "Hot Shots 3", gemixt mit dem schrillen "Big Lebowski"- und meinetwegen auch dem sanften Woody-Allen-Charme, die allesamt virtuos den Wahnwitz der Zivilisation mal ironisch, mal satirisch, mal sarkastisch zerrspiegeln? Weil in "Breakfast of Champions" alles - die Gesellschaftssatire, die Zivilisationskritik - so gemeint ist, wie wir es sehen: eins zu eins.Weil die herausposaunte Moral dieses Films wie ein Grabstein herumsteht auf der Phantasie, die die Bilder doch beflügeln sollten.Insofern ist "Breakfast of Champions" vielleicht zuallererst ein Dokument des realexistierenden ästhetischen Sadomasochismus.Der funktioniert so: Die Welt ist häßlich, und deshalb sind die Arrangements des einstigen Robert-Altman-Szenaristen Rudolph von so ausgesuchter Häßlichkeit, daß sie bald niemand mehr sehen mag.Alle sind verrückt, und deshalb bemühen sich alle darum, einander in jeder Sekunde in Sachen Verrücktheit zu übertreffen, also zu neutralisieren (freilich jeder nach seinen Möglichkeiten: Bruce Willis bleibt als Fratzenschneider weit hinter Jim Carrey zurück, Nick Nolte dagegen läßt Jack Nicholson auf geradezu furchterregende Weise hinter sich).Und der olle Dichter Kilgore Trout, unter lauter Robotern immerhin entschieden der einzige Mensch auf diesem ausdrücklich als aussterbend gekennzeichneten Planeten, wird wohl als der scheußlichste jemals erfundene Hoffnungsträger in die Filmgeschichte eingehen.

Was bleibt im Sieb der Bilder, das der Film so grob wie möglich angelegt hat - offenbar in letzter Milde für das Publikum, die Kritiker und vielleicht sogar zugunsten der Akteure? Nicht viel.Bruce Willis mit dem Revolver im Mund, aber auch das Russisch-Roulette bringt weder zu Hause noch im Büro die erhofften Ergebnisse.Autohaus-Empfangsdame Francine: immerhin eine Nervensäge zum Süchtigwerden.Ein schweinchendicker Plastikelefant unter der unbarmherzigen Sonne von Midland City.Und wie Kilgore Trout im Spiegel verschwindet, endlich tot und unsterblich digital.Daß der Film auf einem Roman Kurt Vonneguts gründet, der damit 1973 seinen Haß auf das vietnam-traumatisierte Amerika transzendierte, erscheint angesichts dieses Films wie eine Fußnote (zumal Rudolph auf diesen präzisierenden Zeitbezug verzichtet).Ebenso der Titel: "Frühstück für starke Männer" heißt das Buch in Deutschland - und hierfür hat wenigstens auch der Film eine erklärende Szene."Frühstück für starke Männer" rufen die Kellnerinnen im mittleren Westen, wenn sie älteren Herren einen Martini servieren.

Martini? Gute Idee.Ein Martini nach diesem Film könnte nicht schaden.Oder besser: gleich zwei.

Heute 12 Uhr (Royal Palast), 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International)

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