Zeitung Heute : Lachen unter Tränen

ECKART SCHWINGER

Gabriel Chmura mit dem BSOECKART SCHWINGEREr tritt selten in unseren Konzertsälen in Erscheinung, der 1946 in Wroclaw geborene israelische Dirigent, der einst in Berlin den Karajan-Wettbewerb gewonnen hat und heute Generalmusikdirektor in Bochum und Ottawa ist.Auch das Programm besaß Seltenheitswert, das Gabriel Chmura im jüngsten BSO-Konzert präsentierte.Die "Tragische Ouvertüre" von Brahms, die Chmura und das BSO sogleich insistierend scharf und schlüssig musizierten, stand geradezu leitmotivisch an der Spitze des Programms, dem sich sinngerecht Schostakowitschs anrührender Liedzyklus "Aus jüdischer Volkspoesie" anschloß und folgerichtig Schuberts Sinfonie Nr.4 in c-Moll, die "Tragische", als "Nachspiel" zugeordnet war. Das in der Tat dramaturgisch sinnfällig zusammengestellte Programm brachte gleich drei Werke, die auf ganz eigentümliche, klangpsychologisch differenzierte Weise in die Bereiche des Tragischen vorzudringen versuchen.Und bei dem 19jährigen Schubert ist es ja auch mehr oder weniger nur ein Versuch im Beethovenschen c-Moll geblieben.Das Lyrische, geprägt von starkem seelischen Anlauf, herrscht naturgemäß in Schostakowitschs Liedzyklus für Sopran, Alt, Tenor und Orchester "Aus jüdischer Volkspoesie" vor.Er hat ihn, selbst ein gnadenlos angeprangerter Mann, 1948 aus innerem Protest gegenüber dem grassierenden Antisemitismus in seinem Lande geschrieben.Uraufgeführt wurde er in der Orchesterfassung, was selbst Schostakowitsch-Spezialisten nicht zur Kenntnis nehmen, 1963 vom Berliner Sinfonie-Orchester unter Kurt Sanderling. Schostakowitsch reizte die jüdische Volksmusik so sehr, weil sie, wie er betonte, so facettenreich, so fröhlich wie tief tragisch sein kann: "Fast immer ist es ein Lachen unter Tränen." Und so beeindrucken seine in wechselnder Besetzung zu singenden jüdischen Lieder gerade in ihrer überaus ambivalenten Art, ihrer mal stillen, wehmütigen Abtönung, mal urtümlich brodelnden, humorigen Einfärbung.Sicherlich wird man dabei nicht nur kontrastierende Haltungen, sondern auch einige unterschiedliche kompositorische Qualitäten feststellen können, etwa zwischen dem von "schwarzen Schatten" umgebenen, an Mahler erinnernden Wiegenlied, in dem die Mutter schmerzzerrissen von ihrem schlafenden Söhnchen und dem in Sibirien im tiefen Schacht angeketteten Vater singt - und dem abschließenden Lied, in dem, theatralisch etwas dick aufgetragen, das Glück der vor Lebenszuversicht nur so strahlenden, alten Schusterfrau förmlich in Szene gesetzt wird.Roberta Alexander (Sopran), Anne Gjevang (Alt) und Stefan Margita (Tenor) sangen mit soviel suggestiver Stimmschönheit wie saftiger Komödiantik.Auch der überlegen agierende Gabriel Chmura und das in allen Belangen sattelfeste BSO gingen mit überspringender Spontaneität und geradezu schaubarer Klangfarbenfreude zu Werke.

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