Zeitung Heute : Lafontaine schwächt nicht nur Schröder

THOMAS KRÖTER

BONN .Jost Stollmann ist ein glücklicher Mensch.Noch mag ihm die erste Enttäuschung den Blick verstellen, aber klaren Auges und offenen Herzens wird er erkennen: Schwein gehabt! Er ist nochmal davongekommen.Jetzt darf er als Opfer eines Machtkampfes zwischen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine gelten.Später wäre es sein eigenes Versagen gewesen, das ihn zu Fall gebracht hätte.Im Kreis derer jedenfalls, die seine politischen Freunde hätten werden sollen, wurden schon Wetten abgeschlossen, wieviele Monate er durchhalten würde.Wer nicht mitwettete, war überzeugt, daß die Diskussion über den Zuschnitt des Wirtschaftsministeriums einen Einsatz erübrigen würde.Stollmann hatte keine Chance.Er hat sie, dem alten Sponti-Motto folgend, genutzt.

Politik, da haben wir es, ein garstiges Geschäft? Ach was.Nicht garstiger als andere.Erinnert sich niemand mehr an den Machtkampf bei Daimler Benz? Die Lehre aus der Affäre Stollmann lautet anders.Politik ist in dieser arbeitsteiligen Gesellschaft ein Beruf.Ohne reglementierte Ausbildung, gleichwohl mit hohen Qualifikationsanforderungen.Durchsetzungsfähigkeit zählt dazu, gepaart mit Kompromißbereitschaft; eine Melange aus Zielstrebigkeit und Sinn fürs Machbare; Instinkt schließlich, für Macht.Der erfolgreiche Unternehmer Stollmann erweckte nicht den Eindruck überdurchschnittlicher Begabung auf diesen Feldern.Die Zeit, sie durch Erfahrung zu erwerben, hat einer nicht, der in seiner Höhe "quereinsteigen" möchte.

Daß einer sich überschätzt, darf als normal gelten.Daß ein Bundeskanzler einen potentiellen Minister überschätzt, ist schon gefährlicher.Es haben jene Recht behalten, die Schröder Fahrlässigkeit vorwarfen, als er nach kurzer Bekanntschaft ohne lange Prüfung seine Suche nach einem Wirtschaftsministerkandidaten aus der Wirtschaft für beendet erklärte.Die Freude über den Medien-Gag mit einem deutschen Bill-Gates-Verschnitt hat ihn vergessen lassen, daß Politik eben nicht ohne Rest in Publicity aufgeht.Hier liegt der Fehler, nicht in einem Mangel an Debatte über die Verlagerung von Ministerialabteilungen.Am gefährlichsten ab wird es, wenn ein Regierungschef, zumal wenn er noch nicht einmal im Amt ist, einer der sieben Todsünden des Kleinbürgers anheim fällt.Hochmut, das wußte vor Bertolt Brecht der Volksmund, kommt vor dem Fall.Schröder hat nicht bloß Stollmann, er hat sich über- - und Oskar Lafontaine unterschätzt.

Ein Fehler, dessen sich sein Partner nicht schuldig gemacht hat.Egal, wer unter mir Kanzlerkandidat ist - ich bestimme.Mit dieser Sichtweise wurde erklärt, warum der SPD-Chef so füglich Eintracht mit Schröder praktizierte.Hochmut? Gesundes Selbstbewußtsein.In machtvergessene Sünde wäre diese Einstellung nur umgeschlagen, hätte Oskar Lafontaine es dabei belassen.Hat er aber nicht.Er wußte um den Unterschied zwischen Kanzler und Kandidat.Er hat daraus politische Konsequenzen gezogen.Spätestens mit der überraschenden Berufung seines vertrauten Strippenziehers Bodo Hombach ins Kanzleramt hatte Schröder öffentlich gemacht: Der machtpolitische Kompromiß der Phase "Kampf um Bonn" ist aufgekündigt.Der Kampf in Bonn muß ein neues Kräfteverhältnis ergeben.Lafontaine hat Stollmann ausgebremst und damit seinen Entdecker an einer Schwachstelle erwischt.

Doch wie Jost Stollmann sein Glück erst fassen muß, steht Oskar Lafontaine nun die Erkenntnis in Haus, daß es mit dem seinen so weit nicht her ist.Zwar hat er seinen Sieg nicht unter so offenkundigen Verlusten errungen wie der sprichwörtliche Molosserkönig Pyrrhus, aber geschwächt wurde in der Bataille keineswegs bloß der Gegner.Gegner? Genosse(!) Gerhard Schröder.Allein daß die Rivalität der beiden so offen aufbricht, verdunkelt das Bild der Regierung insgesamt.Lange hat der Saarländer, den sie mit respektvollem Spott "Napoleon" nennen, seine Stärke still genossen.In dem Augenblick, da er sie in Macho-Pose zelebriert, erweist er sich schwächer als ihm bewußt ist.Die rotgrüne Bundesregierung hat in bis zur Langeweile effektiven Verhandlungen ein bis zur Schwunglosigkeit solides Programm erwerkelt.Mut und Phantasie beweist die neue Kanzlerpartei im internen Machtkampf.Jost Stollmann ist ein glücklicher Mensch.

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