Zeitung Heute : Lafontaine und Trotzki

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Oskar Lafontaine, ehemaliger SPD-Vorsitzender, Ministerpräsident a.D. des Saarlands, später Hals-über-Kopf-Aussteiger aus der ersten rot-grünen Bundesregierung, zur Zeit Montags-Kolumnist bei „Bild“, Oskar Lafontaine also galt lange Zeit als „Saar-Napoleon“. Jetzt aber, da die SPD ihn von ihrer 140-Jahr-Feier ausgeladen hat, sieht er sich mehr als „Trotzki von der Saar“. Schröder, sein früherer Männerfreund von der Saarschleife und heutiger Todfeind als SPD-Kanzler, wolle ihn, wie weiland Stalin Trotzki aus dem Bild und dem Geschichtsbild der Partei (hier SPD, dort KPdSU, in Klammern: Bolschewiki) hinwegretuschieren.

Ein kühner Vergleich, teils richtig und teils getränkt von Selbstmitleid. Das bittere Ende Trotzkis, der auf Geheiß und Anstiftung Stalins 1940 in Coyoacan im mexikanischen Exil mit einem Eispickel ermordet wurde, lassen wir beiseite.

Ich möchte Trotzki auch lieber, schon wegen dieses furchtbaren Endes, mit Ernst Röhm vergleichen. Und zwar auch hinsichtlich der späteren historischen Retuschen. Über Ernst Röhm, dem SA-Gründer und bis 1934 mächtigsten Nazi neben Hitler, bemühe ich Meyers Lexikon von 1942. Es ist das einzige Lexikon, das in der Nazi-Zeit im vollständigen Geiste der Nazis erscheinen sollte. Das Lexikon hat es, wegen der kurzen 1000 Jahre (die ja „nur“ vom 31. Januar 1933 bis zum 8. Mai 45 dauerten, wobei „nur“ für die Millionen Opfer eine zynische Untertreibung ist) dieses Lexikon geht nur bis Band 9 – von dem Stichwort „Rackett“ bis zum (rätselhaften) Stichwort „Soxhlet“ (das war ein in Brünn geborener Agrikulturchemiker); dann hatte der Spuk ein Ende, auch lexikalisch. Wir wissen also nicht, was ein Nazilexikon über Ypsilon und Zeppelin zu verlauten hatte. Aber, was es über Röhm sagen wollte, wissen wir.

Doch zunächst möglichst objektiv und möglichst kurz die Fakten. Der 1887 geborene Ernst Julius Röhm war nach dem Ersten Weltkrieg ein Freikorps-Offizier, er wurde 1919 Mitglied der NSDAP und war maßgeblich am Aufbau der Parteiorganisation, vor allem aber am Aufbau der SA beteiligt, die er zu einer Art Saal-Schlacht- und Bürgerkriegs-Armee zu entwickeln suchte. Nach der „Machtübernahme“ 1933 wurde er Minister ohne Arbeitsbereich und wollte mit der SA die nationale Erhebung der Kampfzeit fortsetzen – sehr zum Misstrauen der Reichswehr, die keine Armee neben der Armee dulden wollte. Im sogenannten „Röhm-Putsch“ ließ Hitler unter dem Vorwand einer angeblichen Verschwörung von der Reichswehr und der Gestapo in drei Tagen („Nacht der langen Messer“) viele SA-Führer, einschließlich Röhm, ermorden. Es gibt darüber übrigens überwältigende Filmszenen in Viscontis „Verdammten“. In der Folgezeit war die SA entmachtet, an ihre Stelle trat, auch als Konkurrenz zur Wehrmacht, Heinrich Himmlers SS.

Röhm also ein Verräter an Hitler, den dieser beseitigen ließ. Das Nazi-Lexikon schreibt darüber (in ganzen 14 Zeilen): „bayr. Offizier… nahm an der nat. soz. Erhebung teil… Wegen hochverräterischer Umtriebe (siehe Röhm-Revolte, siehe Deutsches Reich) wurde R. in Bad Wiessee verhaftet und in München erschossen.“

So viel (oder richtiger: so wenig) zu Röhm, dem wohl wichtigsten Kampfgefährten und militärischen Wegbereiter Hitlers. Hitler opferte ihn den deutschen Militärs und schaffte sich wohl auch einen unbequemen, weil durch die SA mächtigen Rivalen vom Leib. Diktatoren haben aus der Geschichte gelernt – aus der Französischen Revolution –, vor dem so genannten Bonapartismus Angst zu haben und daher den potenziellen Napoleon, bevor er die Macht ursupiert, mit Stumpf und Stiel blutig auszurotten.

Das tat in der Sowjetunion auch der Josef Stalin mit Leo Trotzki. Auch hier zunächst die Fakten. Lew Dawidowitsch Trotzki (der eigentlich Leib Bronschtein hieß) war maßgeblich und sehr erfolgreich an der Oktoberrevolution beteiligt: Er organisierte den Aufstand der Bolschewiki in Petersburg und wurde unter Lenin Außenkommissar im Rat der Volkskommissare. Nach seiner Ernennung zum Kriegskommissar im März 1918 baute er die „Rote Armee“ auf. Nach 1924, dem Jahr, in dem Lenin starb, verlor er den Machtkampf gegen Stalin, gegen dessen Machtfülle er anzukämpfen suchte. Wegen Sektierertum gebrandmarkt (Trotzkismus, die Rolle der Sowjetunion bei der Weltrevolution), wurde erst nach Kasachstan verbannt (1928) und dann aus der Sowjetunion ausgewiesen. Er lebte im türkischen, später im mexikanischen Exil, wo ihn Stalin 1940 ermorden ließ.

Meyers Neues Lexikon des VEB Bibliographischen Instituts Leipzig (das umfangreichste DDR-Lexikon in 17 Bänden) behandelt Trotzki in Band 14 („Tribu – Walther“) von 1976.

Der Stalinismus, sein Personenkult, seine Geschichtsklitterungen waren ’76 längst vorbei, und doch findet Trotzki immer noch wenig Gnade – so, als ob in dem Lexikon Stalins blutige Korrekturen noch unangefochten gültig wären. Elf ganze Zeilen bekommt Trotzki, der doch immerhin erst durch seinen Sieg über die Menschewiken und dann durch den Aufbau der Roten Armee, die gegen die Weißen Truppen obsiegte, neben Lenin der wichtigste Schöpfer der UdSSR war.

Noch 1976 heißt es von ihm: „russischer Politiker… wurde zum Feind des Marxismus-Leninismus… Nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution trat T. wiederholt gegen die Leninsche Politik auf. Seine zunehmend antisowjetische Tätigkeit führte 1927 zum Ausschluss aus der KPdSU und zur Ausweisung aus der UdSSR.“

Immerhin vermeldet das Lexikon hinter seinen Lebensdaten: „gest. (ermordet) 21.8.1940 Mexiko City.“

So viel hat Lafontaine, selber ein Möchtegern-Bonapartist, nicht zu befürchten. Er darf schreibend durch regelmäßige Zeitungsartikel Harakiri begehen – aber nur, wenn er will.

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