Landminen : Vermintes Gelände

„Achtung, Explosion!“, ruft der Arbeiter – und zündet den Sprengsatz. Als Sikea ihr Bein verlor, warnte niemand. Bis zu sechs Millionen Landminen liegen in Kambodschas Boden versteckt, hieß es gerade bei der Internationalen Anti-Minenkonferenz. Sie entschärfen zu müssen ist auch ein Fluch.

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Feldarbeit. Pansoth arbeitet seit 1996 für die Antiminenorganisation CMAC. Die Arbeit ist gefährlich – und unsicher, weil das Geld immer wieder fehlt. Fotos: Ingrid Müller
Feldarbeit. Pansoth arbeitet seit 1996 für die Antiminenorganisation CMAC. Die Arbeit ist gefährlich – und unsicher, weil das Geld...

Wie immer gegen drei Uhr am Nachmittag machte sich die 15-jährige Sikea auf den Weg in die nahe Pagode im Norden Kambodschas. Vor ihr trottete eine Herde Büffel, auch einige Nachbarn waren unterwegs. Kaum hundert Meter von daheim entfernt war Sikea, als es einen mächtigen Knall gab, alle rannten schreiend auseinander. Sikea aber blieb liegen, blutend, das linke Bein zerfetzt. Sie war auf eine Landmine getreten.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Nachbarn trauten, Sikea zu helfen. Sie hatten Angst, es könnten noch mehr Minen dort liegen. In einer Hängematte schleppten sie das Mädchen an langen Stöcken über den Schultern ins nächste Krankenhaus, die Ärzte dort konnten nicht helfen. Mit einem Laster ging es weiter ins Provinzhospital von Siem Reap. Nach einem Monat schickten sie Sikea nach Hause, ihr linkes Bein oberhalb des Knies amputiert. Ohne Krücken, ohne Prothese. Das war vor 18 Jahren.

Tausende Menschen in Kambodscha erlitten seither ein Schicksal ähnlich dem von Sikea. Im Boden des asiatischen Landes liegen heute – lange Jahre nach dem Ende von Terrorherrschaft und Krieg – noch immer bis zu sechs Millionen Minen. Bis Freitag beraten die 158 Vertragsstaaten des Ottawa-Abkommen genannten Landminenverbotsvertrags in der Hauptstadt Phnom Penh über Räumung und Unschädlichmachung der heimtückischen Waffen.

Sikea ist inzwischen 33, wirkt aber mit der pinkfarbenen Spange im Haar wie ein Schulmädchen. Sie sitzt im Rehazentrum von Siem Reap, ein langer brauner Rock verdeckt das fehlende Bein. Eine Schule hat sie nie besucht, das habe der Vater nicht gewollt. Sie passte auf ihre Geschwister auf. Dann starb die Mutter, dann kam der Unfall. Und alles wurde noch schwieriger. Sikea redet leise, die ernsten Augen weichen aus. „Mein Vater hat mich ignoriert, ich sei jetzt nutzlos.“ Sie machte sich Vorwürfe: „Warum bin ich so, was habe ich falsch gemacht?“ Ein Nachbar machte ihr Mut, und schließlich überredete sie den Vater, ihr Krücken zu machen, „damit ich wieder etwas zur Familie beitragen konnte“.

Noch heute ist sie daheim Mädchen für alles. Zwischenzeitlich vermittelte ihr eine Jesuitenschwester ein Schneidertraining in Phnom Penh. Jetzt macht Sikea in ihrem Dorf Näharbeiten, zehn Dollar verdient sie damit im Monat. Sikea will ihre Krücke aufbessern lassen. Der Gummipuffer, der die Stöße am Boden abfedern soll, ist abgewetzt, auch die Armstütze ist defekt. Sikea hat auch eine Beinprothese, die liegt zu Hause. Beim Schneidern und bei der Hausarbeit sitzt sie viel, da tut die Prothese, die sie um den Unterleib schnallen muss, weh.

Die Mitarbeiter des Rehazentrums kennen das. Amputierte, die viel sitzen, würden ihre Prothesen oft ablegen, erzählt der frühere Chef Sok Sophorn. Der 53-jährige gelernte Orthopädietechniker hat selbst ein Bein durch eine Mine verloren, dem flinken Mann mit Brille merkt man kaum an, dass er eine Prothese trägt. Sophorn arbeitet bei der Hilfsorganisation Handicap International, mit deren Unterstützung wurde das Rehazentrum in Siem Reap aufgebaut, das zum Jahreswechsel an die kambodschanische Regierung übergeben wird. Diesen Übergang betreut Sophorn. An manchen Stellen hakt es kräftig. Die Regierung will die Vor- und Nachsorge in die Gemeinden verlagern, aber dort fehlen Strukturen und Geld.

Auch im Rehazentrum wurde Personal entlassen, jetzt arbeiten dort statt 36 nur noch 22 Menschen. Und damit sank auch die Zahl der Patienten von 3312 im Jahr 2010 auf knapp über 2100 in diesem Jahr. Es sind fast alles Minenopfer.

Wann Kambodscha minenfrei sein wird, mag auch Heng Ratana nicht prognostizieren. Der in Australien ausgebildete Mittvierziger ist der Chef des Kambodschanischen Minenaktionszentrums CMAC. Kambodscha hatte mit dem Beitritt zum Ottawa-Abkommen versprochen, bis 2009 minenfrei zu sein. Doch alle Welt wusste, dass das gebeutelte Land, in dem so viele Kriegsparteien über die Jahre Minen oder Streubomben hinterlassen haben, das nicht schaffen konnte. Es gab Aufschub bis 2019. „Mit dem derzeitigen Material und angesichts der finanziellen Lage werden wir auch das kaum schaffen“, sagt Ratana. Er steht vor einem Schrank, auf dem die Flaggen der internationalen Geberländer aufgereiht sind. Deutschland zahlt jedes Jahr eine Million Euro und hat einen Oberstleutnant a. D. als CMAC-Programm-Manager in Siem Reap installiert.

Ratana zeigt ein paar Bilder. Immer öfter machen den Minenräumern Anti-Panzer-Minen zu schaffen. Seit die Bauern mehr und mehr Traktoren benutzen, gebe es schlimme Unfälle auf den Feldern. Ratana warnt, die Probleme könnten zunehmen, wenn der Druck auf die Landnutzung steige.

Vor der Tür stehen acht nagelneue minensichere Bagger. Mit denen wollen die Kambodschaner der üppigen Vegetation zu Leibe rücken, die die explosiven Hinterlassenschaften überwuchert hat. Japan hat die Bagger gestiftet. Das Land hatte seine Hilfe nach dem Tsunami für sechs Monate gestoppt, nun läuft sie wieder an. Inständig hofft Ratana, dass auch Amerika bald wieder zahlt. Mehrere hundert Mitarbeiter wurden im Frühjahr nach Hause geschickt, weil die zugesagten Gelder aus Washington ausblieben.

Zu denen gehört Pansoth. Seit 1996 arbeitet der heute 39-Jährige schon für die CMAC, vorher war er Mopedmechaniker. Zuletzt hatte er acht Monate lang zwangsfrei – und musste trotzdem für seine Frau, die zwei Kinder und sich sorgen. Seit knapp zwei Wochen arbeitet er nun wieder. Zu fünft bearbeiten sie ein Minenfeld mit der Kennung 4328A in der Provinz Kompong Thom. Bis März soll das Feld geräumt sein, aber die Männer sind nicht sicher, ob die Finanzierung bis dahin reicht. Pansoth und die anderen Mitarbeiter haben nicht das Gefühl, dass sie sich auf CMAC verlassen können.

Auf den Zeichnungen erinnern die Umrisse des Minenfelds frappierend an eine Beinprothese. 4328A ist nur über einen schmalen Sandpfad zu erreichen, das Feld liegt nur einen Sprung von den ersten Pfahlhütten des nächsten Dorfes entfernt. Die Männer in ihren hellblauen Jacken und braunen Hosen sind im dichten Gestrüpp zwischen Cashewbäumen kaum auszumachen. Pansoths Trupp hat überall rote Bänder gespannt und rote Schilder mit weißen Totenköpfen und der Aufschrift „Gefahr!! Minen!!“ aufgestellt. Ans Ernten der Nüsse ist hier vorerst nicht zu denken. Aus Stöcken haben die CMAC-Männer sich Ablagen für ihre Arbeitsutensilien gebaut, an einem Ast hängt ein Megafon. Aus dem Unterholz ist ein metallisches Geräusch zu hören.

20 Meter weiter hockt ein Entminer am Boden. Den Kopf unter einem Helm mit wuchtigem Visier, um den Oberkörper eine Weste geschnürt, hackt er mit einer Heckenschere ins Grün. Dann macht er Platz für seinen Kollegen mit dem Metalldetektor. Der testet den tellergroßen Sensor kurz, bevor er die gerodete Stelle absucht. 381 Metallteile haben sie bisher gefunden, jetzt ertönt kein weiteres Piepen mehr. Nichts. Schluss für heute. Völlig verschwitzt schlüpft der Mann mit der Heckenschere unter seinem Helm hervor, lässt ihn in einen schwarzen Beutel gleiten. Hinter einem Totenkopfschild an den Wurzeln eines wuchtigen Baumes wartet dann aber noch weitere Arbeit. Da liegt ein blassbraunes Etwas auf dem Waldboden, kaum erkennbar, es ist ein Teil einer Streubombe.

Bis zu 5,8 Millionen solcher Blindgänger, die die US-Amerikaner im Vietnamkrieg in der Grenzregion abgeworfen haben, werden noch in Kambodschas Wäldern und Feldern vermutet.

Pansoth informiert per Telefon die örtliche Polizei über den Fund. Dann klettert er auf den Pick-up, holt aus einer der Metallboxen eine rote Kabeltrommel und verschwindet hinter einem Hügel. 300 Meter Abstand zur Sprengung sind vorgeschrieben, nicht so einfach in diesem Gelände. Auf dem Rückweg schnappt er sich Megafon und Funkgerät.

„Achtung, an alle Menschen in diesem Gebiet, in fünf Minuten sprengt CMAC einen Blindgänger. Es wird eine Explosion geben!“, ruft er.

Dann wuchten sie eine schwere Trommel mit aufgerolltem Kabel auf den Waldboden. „Tschtschtsch“ schrammelt es beim Abwickeln durch den Wald. Dann Stille. Ein Hund bellt. Wieder das „Tschtschtsch“ der Kabeltrommel. Einer der Männer knotet einen Zünder in der Größe von zwei Zigarettenschachteln an die Trommel. Pansoth und er rufen „fertig zur Explosion!“, doch nichts passiert. Sie prüfen den Zünder. Dann rufen sie noch mal, der Kollege drückt abermals, und im nächsten Moment zerreißt eine dumpfe Explosion den Nachmittag. Eine mächtige Druckwelle legt sich mit Wucht aufs Zwerchfell, Rauchschwaden ziehen durch die Bäume. Ein gutes Pfund TNT für die Sprengung entfaltet seine Kraft.

In einer anderen Entminungseinheit ist bereits zu besichtigen, was die ausbleibenden Gelder für CMAC bedeuten. In der Einheit 5 in der Provinz Kompong Cham befehligt Manager Keo Sarath gerade noch 21 Mann. Im vergangenen Jahr waren es noch 200.

Im Hof seiner geisterhaften Kaserne weht die blau-rot-weiße kambodschanische Flagge. Auf dem Schreibtisch im Konferenzraum steht ein Acrylmodell der weißen Bagger. Sarath hatte für 2011 einen Plan gemacht. 111 Minenfelder wollten sie dieses Jahr räumen. „Na, das war jedenfalls der Plan“, sagt der Mann mit einem Lächeln, bevor er die Zahl der tatsächlich geräumten Minen preisgibt: 19. Weil er seine Leute hat heimschicken müssen.

Wie so viele im Entminungsgeschäft war auch Sarath früher Soldat. 1984 schloss er sich einer der Widerstandsarmeen an – und er hatte schon damals besondere Beziehungen. „Von 1988 bis 1992 war ich Kameramann für die BBC“, erzählt er. Er habe damals viel Ärger mit seinem Kommandeur gehabt und auch mit den BBC-Leuten. „Entminen ist viel einfacher“, sagt Sarath und lacht.

Rasch zeigt er dann noch zwei verrostete Bomben im Hof, die ein Suchtrupp letztens gefunden hat. Später erwartet er ein Team von Handicap International, die den Erfolg des letzten Entminungsauftrags prüfen wollen. Ein wichtiger Termin, denn Sarath hofft auf weitere Aufträge, damit er seine Leute wieder einstellen kann.

Sikea weiß von solchen politischen Verwicklungen nichts, obwohl die Landminen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit treten, weil im Fernsehen über die Konferenz berichtet wird, und auch über die Zeit des Pol-Pot-Terrors, in der viele Minen gelegt wurden. Aber Sikeas Familie hat keinen Fernseher. Politik ist bei ihnen kein Thema. Dabei hatte sich sogar einer ihrer Brüder damals den Roten Khmer angeschlossen. Ein zweiter Bruder ging damals zur Armee des heutigen Premiers Hun Sen.

Zu Hause haben sie darüber nicht gesprochen, sagt Sikea. Sie hat ganz andere, sehr praktische Probleme. Wenn sie eine bessere Nähmaschine hätte, ein Bügeleisen und Stoff, dann könnte sie auch neue Kleider und Blusen nähen. Das brächte mehr Geld. Geld, von dem sie leben könnte, lächelt sie verlegen und knetet ihre linke Hand, an der seit damals auch der kleine Finger fehlt. Sie überlegt einen Moment, Zahlen sind nicht ihre Welt. 200 Dollar bräuchte sie als Anschubfinanzierung. Sie weiß, dass es auch Mikrokredite gibt. Aber da traut sie sich nicht ran. „Wenn ich das nicht zurückzahlen kann, nehmen sie uns auch noch unser Land weg“, sagt sie. Unser Land. Ein Land, das keinen sicheren Boden unter den Füßen gibt.

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